Fundamentalismus - Begriff


Beiträge zum Thema christlicher Fundamentalismus

 

 

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"In der Öffentlichkeit redet man vom Fundamentalismus erst seit etwa Ende der siebziger Jahre. […] Ursprünglich wurde der Begriff »Fundamentalismus« im bejahenden Sinne von Leuten verwandt, die sich selber Fundamentalisten nannten. Sie prägten das Wort im Jahre 1910 in den USA, um damit ihre eigene Form von christlicher Gläubigkeit zu kennzeichnen. [vgl. The Fundamentals, 1910-1915]

Der polemische Gebrauch des Wortes »Fundamentalismus« wiederum hatte ursprünglich nichts mit dem zu tun, was man heute unter »Fundamentalismus« versteht; er bezog sich nicht auf die beiden Bereiche, in denen man ihn heute meist ansiedelt: auf Religion und Politik, sondern auf die Wissenschaftstheorie und geht auf Hans Albert zurück, einen Vertreter der philosophischen Schule des Kritischen Rationalismus.

Albert verstand unter Fundamentalisten Philosophen, die seinen radikalen Skeptizismus in Bezug auf endgültige Wahrheitserkenntnis nicht teilten und die im Gegensatz zu ihm behaupteten, es dürfe für jeden Erkenntnisbereich nur eine wahre Theorie geben.

Inzwischen hat sich das negative Vorzeichen für das Wort »Fundamentalismus« weitgehend durchgesetzt. Heute benutzt man den Begriff hauptsächlich als (aggressiv oder ironisch gehandhabte) geistige Keule, die man seinen Gegnern um die Ohren schlägt, entweder um sie wegen ihrer vermeintlichen Rückständigkeit lächerlich zu machen oder um ihre angebliche Gefährlichkeit zu kennzeichnen.

Dabei operiert man oftmals mit bloßen äußerlichen Analogien. Auf diese Weise ist zum Beispiel der Begriff »islamischer Fundamentalismus« in die Welt gesetzt worden, wobei man von gewissen angeblichen Gemeinsamkeiten zum amerikanischen Fundamentalismus ausging, obwohl dem sorgfältigen Beobachter eher die Unterschiede ins Auge springen. […]

Angesichts der Tatsache, dass man inzwischen bereits vom christlichen, islamischen, zionistischen, hinduistischen, marxistischen, ökologischen und nationalistischen Fundamentalismus spricht, wobei sich diese Aufzählung ohne Schwierigkeit noch weiter vervollständigen ließe, fragte auch er [Thomas Meyer, Politikwissenschaftler] sich, ob diese verschiedenartigen Richtungen mit völlig unterschiedlichen Lebensformen, Zielsetzungen und inneren Gewissheiten, »Junge und Alte, Bauern, verelendete Slumbewohner, Intellektuelle und prosperierende Bürgerkinder, die nichts zu verbinden scheint als die äußere Zeit ihres Lebens, Gebildete und Ungebildete in den entlegensten Orten der Erde«, wirklich ein gemeinsames Fundament besitzen, das es rechtfertigt, auf sie alle den einen Oberbegriff »Fundamentalismus« anzuwenden.

Dass Meyer dennoch an der These von einer inneren Gemeinsamkeit aller Fundamentalisten festhält, hängt damit zusammen, dass er hinter allen diesen unterschiedlichen Formen dennoch eine sie verbindende Grundlage zu sehen meinte: einen antiaufklärerischen Impuls im Sinne eines Antimodernismus.

Tatsächlich spielt dieser bei der Entstehung des Fundamentalismus eine wesentliche Rolle, ja er ist sogar ein Angelpunkt des Problems. Aber er geht darin nicht auf. Auch Gandhi war zum Beispiel ein Antimodernist, ohne dass man ihn deswegen als Fundamentalisten bezeichnen könnte. […]

Daher ist es präziser zu sagen, Fundamentalismus ist nicht nur Kampf gegen die Moderne, sondern zugleich eines ihrer typischen Gesichter: Beide stehen sich durch die Entwurzelung ihrer Vertreter und durch deren Verdrängung ihrer Zweifel und durch ihre Hilflosigkeit gegenüber scheinbar unlösbaren Problemen sehr viel näher, als das die einen und die anderen wahrhaben wollen."

Dr. Werner Huth (1995, Psychoanalytiker, ehem. Lehrbeauftragter für Grenzgebiete zwischen Anthropologie und Tiefenpsychologie an der Hochschule für Philosophie in München, Flucht in die Gewissheit. Fundamentalismus und Moderne, Claudius 1995, S. 26-27 u. 33-34)

Diskussion


"„Fundamentalismus“ ist eine der großen Herausforderungen der modernen Welt und zugleich einer der am häufigsten missbrauchten Begriffe der Gegenwart.

Ein schillerndes Phänomen, aber alles andere als eine bloße Schimäre. Höchst real in Geist und Motivation rücksichtsloser Kollektive, die im Namen ihrer selbsterkorenen Gewissheiten strafen, unterwerfen, herrschen und töten, nicht selten aber auch von den jeweiligen Benutzern des Begriffs nach Belieben zur vernichtenden Etikettierung missliebiger Ideen, Personen oder Gruppen verwandt.

Der Begriff ist also mit Vorsicht zu genießen. Er klärt oder rüttelt auf, wo er am Platze ist, aber vernebelt und verwirrt, wo er als bloße Diffamierungswaffe eingesetzt wird. Folglich kann er, um Missbrauch zu vermeiden, nicht einfach zu den Akten gelegt werden. [...]

Fundamentalismus, im wohlverstandenen Sinne, ist im Grunde ein Paradox. Er will in der modernen Welt mit den Mitteln der modernen Kultur, Wissenschaft, Technologie und Waffenarsenale, sowie Massenorganisation und -kommunikation, die Normen und Orientierungen, die der modernen Kultur und all diesen Errungenschaften zugrunde liegen, radikal aus der Welt schaffen.

Sein Auftreten in den öffentlichen Arenen der Welt lässt sein Hauptkennzeichen deutlich werden. Es handelt sich bei ihm gerade nicht primär um eine religiöse Lebensform, sondern um eine politische Ideologie, die auf die Rechtfertigung eigener Macht und Herrschaft im öffentlichen Raum gerichtet ist.

Der Bezug des Fundamentalismus zur Religion besteht vor allem darin, dass er sich ihrer nach Belieben zur Rechtfertigung seiner Vormachtsansprüche über die Lebenswelt und das Gemeinschaftsleben bedient. [...] (S. 7)

Er ist aber, um dieses verbreitete Missverständnis von vornherein zu zerstreuen, keineswegs identisch mit der Rückkehr des Bedürfnisses nach Religion ins private und öffentliche Leben überhaupt, denn dieses kann viele, vor allem auch rechtsstaatlich-demokratische Formen annehmen. Er ist vielmehr eine sehr spezielle Form ins öffentliche Leben gewendeter absoluter Heilsgewissheit. (S. 9)

Tatsächlich hat sich auch gezeigt, dass fundamentalistische Strömungen unter geeigneten Bedingungen in allen Kulturen der Welt entstehen und mächtige politische Energien freisetzen können.

Den protestantischen Fundamentalismus in den USA, den Hindu-Fundamentalismus in Indien, den evangelikalen Fundamentalismus im ehedem katholischen Guatemala, den jüdischen Siedler-Fundamentalismus in Israel, den buddhistischen Fundamentalismus in Sri Lanka, den islamischen Fundamentalismus im Iran oder in Algerien, den konfuzianischen Fundamentalismus in Südasien, den römisch-katholischen Fundamentalismus in Europa und den USA, um mit den maßgeblichsten Fällen die unbegrenzte kulturelle Bandbreite sichtbar zu machen (S. 16)

In der Sache hat es Fundamentalismus seit dem Beginn der kulturellen Modernisierung als deren immanenten Gegenimpuls schon immer gegeben.

Das Wort trat zuerst im Zusammenhang mit einer religiösen Schriftenreihe in Erscheinung, die in den Jahren 1910 bis 1915 in den USA unter dem Titel „The Fundamentals“ erschien. Sie trug den kennzeichnenden Titel „A Testimony to Truth“ - Ein Zeugnis der Wahrheit .

1919 gründeten die protestantischen Christen, die die Reihe herausgegeben hatten, eine weltweit tätige Organisation, die „World's Christian Fundamentals Association“. Damit war die Bezeichnung „Fundamentalismus“ für diese Art christlicher Glaubensüberzeugung geprägt und hat sich zunächst für sie im allgemeinen und im wissenschaftlichen Sprachgebrauch durchgesetzt.

Allmählich wurde sie auch auf andere Ideologien und Bewegungen zunächst im Katholizismus und dann in anderen Kulturbereichen bezogen, wenn sie die charakteristischen Merkmale teilten. (S. 17)

Dieses Gründungsdokument des modernen protestantischen Fundamentalismus war vor allem gegen die historisch-kritische Bibelauslegung gerichtet, die sich seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa und Amerika ausbreitete." (S. 18)

Prof. Dr. Thomas Meyer (15. Juli 2011, Politikwissenschaftler, Was ist Fundamentalismus? Eine Einführung, VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 7, 9 u. 16-18)

Diskussion

 

Links Julian Nida-Rümelin, Mitte Thomas Meyer (Beitrag) rechts Gert Heidenreich
Frankfurter Buchmesse (Oktober 2009)

 


"Fun|da|men|ta|lis|mus
Bedeutungen

a. geistige Haltung, Anschauung, die durch kompromissloses Festhalten an [ideologischen, religiösen] Grundsätzen gekennzeichnet ist [und das politische Handeln bestimmt]

b. streng bibelgläubige Richtung des amerikanischen Protestantismus"


Duden (2013, Bibliographisches Institut GmbH (Hrsg.): Duden.de [Homepage]: Fundamentalismus. Stand: 2013, www.duden.de/rechtschreibung/Fundamentalismus, Abruf: 2014-02-28)

Diskussion


"Fundamentalismus,
1. im weiteren Sinne: streng konservative Richtung in Politik, Gesellschaft sowie in der christlichen, jüdischen, islamischen u. hinduist. Religion. Gemeinsame Kennzeichen: Festhalten an unveränderl. „Fundamenten“ der Tradition u. Bestehen auf dem für absolut geltenden Standpunkt der eigenen Gruppe; verbunden mit Ablehnung von Neuerungen u. mit militanter Einstellung z. B. gegen Feminismus, Pluralismus, sexuelle Selbstbestimmung u. Toleranz.

2. im engeren Sinne: im nordamerikan. Protestantismus entstandene Bewegung, die dem Darwinismus u. theolog. Liberalismus den Glauben an die irrtumsfreie Bibel (Verbalinspiration) entgegensetzte. Sie konstituierte sich 1918 in der World’s Christian Fundamental Association, 1948 im International Council of Christian Churches."

dtv-Lexikon (1. Oktober 2006, dtv-Lexikon in 24 Bänden. Band 7: Fundamentalismus, München: Deutscher Taschenbuch Verlag - 2006, S. 308)

Diskussion


"Der Terminus „Fundamentalismus" ist als eine Eigenbezeichnung einer christlich-religiösen Bewegung in den USA zu Anfang des 20. Jhs. entstanden. Auf andere religiöse und nicht-religiöse Phänomene ist er - jedenfalls wirksam - erst nach der iranischen Revolution im Jahre 1979 übertragen worden.

Während beispielsweise die Ausgabe von Meyers Enzyklopädischem Lexikon aus dem Jahr 1973 unter „Fundamentalismus" nur die besagte US-amerikanische protestantische Bewegung anführt, versteht die Auflage von 1993 unter dem Begriff generell „das kompromisslose Festhalten an Grundsätzen".
Diesem Verständnis gemäß wäre also ein Gesinnungsethiker, d.h. jeder, der eine feste Überzeugung hat und nicht bereit ist, sie zur Disposition zu stellen, per se ein „Fundamentalist"."

Prof. Dr. Volkhard Krech  (1. Juli 2005, Ev. Theologe, Ruhr-Universität Bochum, Europa als Wertegemeinschaft? Integralistische Tendenzen im Diskurs über die europäische Identität. - Begriffsgeschichtliche und systematische Überlegungen. In: Stefan Alkier / Hermann Deuser / Gesche Linde (Hg.), Religiöser Fundamentalismus. Analysen und Kritiken, Tübingen: Francke, 2005, S. 46)

Diskussion

       

Brockhaus Enzyklopädie 21. Auflage, 30 Bände (2006)

 


[Brockhaus, 17. Aufl. 1968, Umfang Fundamentalismus-Artikel: 1/8 Seite] 

"Fundamentalismus, eine theolog. Richtung im Protestantismus, die gegenüber der modernen Naturwissenschaft und krit. Theologie an den Lehren der alten Orthodoxie, bes. am Wortverständnis der Bibel, festhält. Der F. entstand Ende des 19. Jahrh. in den Verein. Staaten und löste zahlreiche innerkirchl. Streitigkeiten aus, insbes. über die »Revised Standard Version« (>Bibel, Übersetzungen).

1919 wurde die »World’s Christian Fundamental Associatiom« gegründet, 1948 gegen die angeblich katholisierenden und kommunist. Tendenzen der Ökumene das >International Council of Christian Churches.

The fundamentals, a testimony to the truth, hg. v. A. C. Dixon u. R. A. Torrey (Chicago 1910-12). - N. F. Furniss: The fundamentalist controversy 1918-31 (New Haven 1954)."

Brockhaus Enzyklopädie (1968, Brockhaus Enzyklopädie in zwanzig Bänden, Band 6: Fundamentalismus, 17., völlig neu bearbeitete Auflage, Wiesbaden: F.A. Brockhaus 1968, S. 668)

Diskussion


[Brockhaus, 21. Aufl. 2006, Umfang Fundamentalismus-Artikel: 3 1/2 Seiten] [Auszug]

"Fundamentalismus der, -. Der Begriff F. hat erst in jüngster Zeit über die Grenzlinien seiner unterschiedl. religiösen und nichtreligiösen Deutung hinweg eine fest umrissene Bedeutung gewonnen und wird dabei meist als Strukturbegriff verwendet, der eine bestimmte Form willkürl. Selbstabschließung von Denk- oder Handlungssystemen gegen Kritik und Alternativen bezeichnet.

Im frz. Sprachgebrauch wird häufig auch gleichbedeutend »integrisme« und im Englischen »communalism« verwendet. Mittlerweile steht er nach einem verbreiteten Konsens des Sprachgebrauchs für theoret. Orientierungen und prakt. Organisationsformen eines umfassenden oder selektiven kulturellen und polit. »modernen Antimodernismus«.
Noch immer gehen die Auffassungen darüber auseinander, ob der Begriff auf die religiös bestimmten Formen eines solchen Antimodernismus beschränkt bleiben sollte oder auch auf säkulare Varianten angewendet werden kann, wenn sie im Übrigen seine wesentl. Bestimmungsmerkmale teilen.

Geschichte

Das Wort F. tritt zuerst im Zusammenhang mit einer religiösen Schriftenreihe in Erscheinung, die in den Jahren 1910-15 unter dem Titel »The fundamentals« in den USA erschien. Sie trug den aufschlussreichen Untertitel »A testimony to truth« (»Ein Zeugnis der Wahrheit«).
1919 gründeten die prot. Christen, die die Reihe herausgegeben hatten, eine weltweit tätige Organisation, die »World’s Christian Fundamentais Association«. Damit war die Bez. für diese Art christl. Gläubigkeit geboren und hat sich für sie sowohl im allgemeinen wie im wiss. Sprachgebrauch rasch durchgesetzt.

Erst in jüngerer Zeit wurde sie dann auf vergleichbare Erscheinungen in anderen Religionen und schließlich auch auf gleichartige Organisations- und Orientierungsformen nichtreligiöser Art übertragen, die ihrerseits auf längere Traditionen zurückblicken.

Es waren v. a. vier unverrückbare »Grundwahrheiten« (»fundamentals«), die diese Bewegung charakterisierten:
1) die buchstäbl. Unfehlbarkeit der Hl. Schrift und die unbeirrbare Gewissheit, dass die Hl. Schrift keinen Irrtum enthalten könne;
2) die Nichtigkeit aller modernen Theologie und Wiss., soweit sie dem Bibelglauben widersprechen;
3) die Überzeugung, dass niemand, der vom fundamentalist. Standpunkt abweicht, ein wahrer Christ sein könne, und
4) in der Praxis der Bewegung schärfer als in ihren Schriften die Überzeugung, dass die moderne Trennung von Kirche und Staat immer dann zugunsten einer religiösen Bestimmung des Politischen aufgehoben werden muss, wenn polit. Regelungen mit fundamentalen religiösen Überzeugungen kollidieren.

In der Sache hat es den F., lange vor der Prägung des Begriffs, schon seit dem frühen 19. Jh. gegeben. Er entstand in Europa als Gegenbewegung gegen den mit der von I. KANT eingeleiteten bewusstseinsphilosoph. Wende in der Philosophie erstarkenden Modernismus in Religion und Theologie.
Die modernist. Positionen, gegen die sich der prot. und alsbald auch der kath. F. wandten, verkörpern das Eindringen des Geistes der Aufklärung in Theologie und Religion: die histor. und literar. Bibelkritik, die kantische Begrenzung der Religion auf die Rolle des Garanten moral. Motive, die wiss. Idee einer natürl. Evolution der Menschengattung und sogar der konkreten Ausformungen der Religionen selbst.

Der Prozess der Modernisierung, der in großen, langsamen Schüben schon seit dem 12.Jh. die Gesamtheit der abendländ. Kultur zu prägen begann, hatte seit dem 18. Jh. die Säkularisierung vorangetrieben und infolgedessen die Trennung von Wahrheit und Gewissheit sowie die beginnende Öffnung aller kulturellen Systeme für legitime Alternativen bewirkt.

Der religiöse F. stellt den Versuch dar, die generalisierte Ungewissheit aller Erkenntnisansprüche und die generelle Offenheit aller sozialen Systeme für Alternativen, die der Prozess der Modernisierung mit sich brachte, mit willkürl. Dogmatisierungen aus der Religion fern zu halten und bestimmte Fundamente künstlich gegen alle Zweifel und Kritik zu immunisieren. F. bedeutet daher zunächst einen willkürl. Abbruch der gemeinsamen Deutungspraxis religiöser Überlieferung, um selbsterkorene absolute Gewissheiten jeder offenen Deutung und Infragestellung zu entziehen.

Die religionshistor. Studien von H. KÜNG haben gezeigt, dass vergleichbare Prozesse der Modernisierung, wenn auch nicht überall in derselben Konsequenz und in denselben Formen, spätestens seit dem 19. Jh. in allen Weltreligionen zu beobachten waren.
Überall hat es als Reaktionsbildung auf diesen Öffnungsprozess die Erscheinung eines F. gegeben. F. ist in dieser histor. Perspektive der Versuch, ein älteres Paradigma der Selbstauslegung einer Religion gegenüber allen jüngeren absolut verbindlich zu machen.

Jüngere wiss. Studien haben buddhist., islam., hin-duist., konfuzian., jüd. u. a. Formen des F. als jeweilige Reaktionsbildungen auf religionsimmanente Öffnungsbestrebungen beschrieben. Die Erfolge des F. bei der Bekämpfung modernerer Deutungen der jeweils eigenen religiös-kulturellen Traditionen sind in den einzelnen Kulturen höchst unterschiedlich und histor. Schwankungen unterworfen.
Der Kernpunkt ist stets die Trennung von Staat und Religion. Für den F. als eine polit. oder politisch fungierende Ideologie ist immer ein bestimmter, unterschiedlich weit gehender Anspruch auf die Einheit von Staat und Religion kennzeichnend.

F. bietet sich in vielen Formen als Lösung der Widersprüche an, die im Prozess der Modernisierung aufbrechen. Er ist eine Ausschließungshaltung, die Geborgenheit, Gewissheit und allem Zweifel entrückte Orientierung an die Stelle der unvermeidl. Ambivalenzen und Unsicherheiten der modernen Existenz zu setzen verspricht.
F. ist jedoch nicht das Kennzeichen bestimmter Religionen oder Weltanschauungen, sondern kann als eine sozialpsycho-logisch bedingte Weise ihrer Auffassung und Anwendung angesehen werden.

Wesen und Erscheinungsformen

F. bedeutet die Handhabung bestimmter Erkenntnisansprüche als allem Zweifel entzogen und daher außerhalb jedes Dialogs angesiedelt. In seinen kämpferisch-polit. Formen wird das auf diese Weise immunisierte Fundament des F. als Legitimation für Vormachts- oder Herrschaftsansprüche gegenüber Abweichenden in Anspruch genommen. Dies schließt i. d. R. die Bereitschaft zur Verweigerung von Menschenrechten und demokrat. Entscheidungsregeln ein.

Da die moderne Politik vielfach durch Offenheit und Pluralismus gekennzeichnet ist, bedeutet F. die antimoderne Rückkehr des Absoluten in die Politik. Die geschlossenen Glaubenssysteme fundamentalist. Prägung übernehmen den Anspruch öffentl. Herrschaft und schließen Kritik, Alternativen, Zweifel, den Dialog über ihre Erkenntnisansprüche von gleich zu gleich aus.
Die gänzl. oder selektive Missachtung von Menschenrechten, Pluralismus, Toleranzgebot, Mehrheitsprinzip im Namen der vermeintlich absoluten eigenen Glaubenswahrheit, die sich allein im Besitz des jeweiligen F. befänden, sind Folgen seines sich nach außen wendenden absoluten Gewissheitsanspruchs.

Papst Pius X. hat für die kath. Kirche in seiner Enzyklika »De Modernistarum Doctrinis« 1907 die modernisierenden Strömungen im Katholizismus auf ähnl. Weise identifiziert und verurteilt wie die prot. Fundamentalisten kurz danach. Dieses Dokument kann daher zur Legitimation eines katholischen F. herangezogen werden, als dessen Träger nach dem 2. Vatikan. Konzil verschiedene, durch ein eher vor- konziliar-restauratives Kirchenverständnis geprägte »traditionalistische« (nach eigenem Verständnis traditions- und papsttreue) geistl. Bewegungen innerhalb der kath. Kirche gelten; u. a. die - seit 1988 durch Schisma von der Kirche getrennte - >Internationale Priesterbruderschaft des Hl. Pius X., die Bewegung >Una voce und das »Engelwerk« (>Opus Angelorum).

Erstmals Aufsehen erregt hat in Europa in den 1970er-Jahren der islamische F., als er unter der geistlich-polit. Führung des schiit. Religionsführers R. M. KHOMEINI 1979 mit einer kämpferisch antiwestl. Einstellung im Iran polit. Macht erlangt hat und seither in einer Reihe islam. Länder eine Rolle im polit. Leben spielt.
Anhänger fand er zunächst bes. in gesellschaftlich und sozial unterprivilegierten Bevölkerungsschichten, wobei sich der Wunsch nach »Rückkehr zum ursprüngl. Islam« u. a. in bestimmten äußeren Formen (z. B. Kleidung) ausdrückt. [...]

Der protestantische F. verfügt nach wie vor in seinem »Stammland«, den USA, über die besten Organisationsstrukturen und größten finanziellen Ressourcen. In den 1990er-Jahren über die USA hinaus durch spektakuläre Aktionen gegen die Gesetzgebung Präs, B. Clintons zum Schwangerschaftsabbruch und mit Kampagnen gegen Homosexualität und schul. Sexualerziehung bekannt geworden, hat sein Einfluss auf das gesellschaftl. und polit. Leben der Vereinigten Staaten seit dem Amtsantritt von Präs. G. W. Bush (2001) stark zugenommen (>Neokonservativismus).
Wichtige Säulen sind ihm verpflichtete landesweite Sammlungsbewegungen, an erster Stelle die >Christian Coalition of America, und die intensive Nutzung moderner elektron. Kommunikationsmittel, bes. der >Fernsehkirche. [...]

Die Strukturen, die eine fundamentalist. Geisteshaltung oder Bewegung charakterisieren, finden sich am Ende des 20. Jh. nicht nur in Teilströmungen aller; kulturprägenden Religionen, auch solcher, die wie der Hinduismus mangels einer ausgearbeiteten Dogmatik lange Zeit als immun gegenüber solchen Versuchungen galten. Sie waren und sind ebenso in säkularen Ideologien und Bewegungen zu beobachten, beispielsweise im orth. Marxismus-Leninismus oder in metaphys. Spielarten des Ökologismus.

In Umkehrung der kantischen Definition der Aufklärung lässt sich F. als Gegenbewegung zum kulturellen Prozess der Modernisierung beschreiben: F. könnte so als mehr oder weniger gewollter Versuch der Immunisierung gegen die Zumutungen des Selberdenkens, der Eigenverantwortung, der Begründungspflicht, der Unsicherheit und der Offenheit aller Geltungsansprüche, der Herrschaftslegitimationen und Lebensformen gesehen werden, denen Denken und Leben durch Aufklärung und Moderne unumkehrbar ausgesetzt sind; stattdessen bietet er die Sicherheit und Geschlossenheit selbst erkorener absoluter Fundamente.

Vor ihnen soll alles Fragen Halt machen, damit sie absoluten Halt geben können. Freilich würde in einer kultursoziolog. Perspektive die Bestimmung des F. als bloßem »Antimodernismus« dem Phänomen nicht gerecht.
Vielmehr zeigt das Studium der fundamentalist. Bewegungen: Der F. ist eine Erscheinung der Moderne selbst. Er ist in der säkularen Kultur der Moderne selbst verankert, gerade auch wo er sich als Protest und Gegenentwurf zu dieser versteht und formiert.
Somit ist er als bloßer »Traditionalismus« oder »Antimodernismus« nicht zureichend beschrieben. Vielmehr ist er ein »moderner Antimodernismus«; d. h., er entsteht unter den Struktur- und Kulturbedingungen säkularer oder sich gegenüber der Säkularität abgrenzender Gesellschaften.

F. lässt sich in kommunikationstheoret. Sicht als eine Form systematisch verzerrter Kommunikation verstehen, da er die stets unvermeidl. Deutungsarbeit an den jeweils eigenen Überlieferungen der unterschiedl. Kulturen bei einem von ihm selbst festgelegten Ergebnis willkürlich abschließt.
Für den F. ist es stets kennzeichnend, dass er den offenen Dialog über seine Geltungsansprüche verweigert. Dialog setzt voraus, dass gleichermaßen zurechnungsfähige Subjekte über divergente Meinungen, Interessen und Konzepte streiten in dem Bewusstsein, dass es für Menschen keinen Standpunkt geben kann, von dem aus Streitfragen a priori entschieden werden können.

Dem F. erscheint darum der Konflikt über Deutungs- und gesellschaftlich- polit. Gestaltungsansprüche als Verrat und der Gegner als Feind von Heil und Wahrheit. Er akzeptiert den Gegner daher nicht als zurechnungsfähig und der Überredung, sei es der Umerziehung, sei es der Bloßstellung oder, wo er über die polit. Macht verfügt, der Unterdrückung.
F. umfasst stets mehrere Dimensionen des gesellschaftl. Handelns. Er kann darum angemessen nur auf interdisziplinäre Weise verstanden und erklärt werden.

Erklärungsansätze

Erklärungsansätze für das Aufkommen und die Verbreitungschancen von religiösem oder nichtreligiösem polit. F. können auf individualpsycholog., soziolog., politikwissenschaftl. und kulturphilosoph. oder sogar anthropolog. Ebene ansetzen.

Wenn F. als die Zuflucht zu willkürlich immunisierten absoluten Gewissheiten unter der modernen Bedingung prinzipieller Ungewissheit gilt, so können Motive und Bedingungen dafür auf psycholog. Ebene gefunden werden, nämlich in der Unfähigkeit zum Aushalten offener und mehrdeutiger Situationen, auf soziolog. Ebene, nämlich in der Unfähigkeit, soziale Identität in einer pluralisierten Gesellschaft zu sichern,
auf polit Ebene, nämlich in der mangelnden Bereitschaft, sich mit dem polit. Relativismus der Demokratie zu arrangieren,
auf kulturphilosoph. Ebene, nämlich in der Unfähigkeit, sich in der metaphys. Heimatlosigkeit der Moderne einzurichten, und auf anthropolog. Ebene, nämlich in der Annahme, der Mensch könne ohne einen Grundbestand letzter Gewissheiten nicht existieren.

Offensichtlich bildet die metaphys. Heimatlosigkeit der Moderne (PETER L. BERGER) die Grundsituation, in der dann das Zusammentreffen weiterer der genannten Motive und Bedingungen die Hinwendung zum F. und das Erstarken fundamentalist. Bewegungen begünstigen.
Zum Problem wird der F. dabei nicht so sehr durch den Versuch von Einzelnen oder Gruppen, künstl. Gewissheit für sich selbst zu erlangen, sondern durch die zusätzl. Haltung, diese Gewissheit erst dann als Sicherheit zu empfinden, wenn sie für alle gilt, also auch den Widerstrebenden aufgenötigt werden kann. Mit diesem Übergriff auf das öffentl. Leben wird der F. zur polit. Ideologie.

Als individuelles Motiv und als Haltung gesellschaftl. Teilgruppen ist der F. selbst mit der Moderne eine Art siames. Zwilling. Als weltanschaulich-polit. Bewegung gewinnt er, wie histor. Längsschnitt- und interkulturelle Vergleiche nahe legen, Massenzulauf, wenn drei Bedingungen gleichzeitig erfüllt sind:

1) das plötzl. Brüchigwerden eingelebter soziokultureller Identitäten und Orientierungen,
2) die Erfahrung oder Drohung sozialer Unsicherheit und
3) ein in der gegebenen Situation glaubwürdiges Angebot fundamentalist. Organisation, Rhetorik und Führung im Rückgriff auf Elemente der jeweiligen kulturellen Tradition.

Wirkungen und Diskussionen in der Gegenwart

Mit dem Unglaubwürdigwerden des europ. Fortschrittsoptimismus und dem Erwachen des ökolog. Bewusstseins von der Zerstörbarkeit der natürl. Lebensgrundlagen durch unkontrollierte Technikentfaltung setzte v. a. in der islam., jüd. und christl. Welt zu Beginn der 1970er-Jahre eine Welle des F. ein (GILLES KEPEL).
In den 1990er-Jahren erlangten fundamentalist. Bewegungen und Parteien in islam. Ländern die Macht (Afghanistan), griffen nach ihr (Algerien) oder versuchten dieses (Ägypten). Überrascht hat selbst kundige Beobachter der machtvolle Aufschwung eines kulturell und politisch organisierten Hindu-F. in der »größten Demokratie der Welt«, Indien.

Viele der Sekten und neuen religiösen Bewegungen in Europa tragen fundamentalist. Gepräge, wenn auch hier oft (noch) ohne offensichtl. polit. Ambitionen.

Fundamentalistisch sind auch die ethn. Formen des Nationalismus zu nennen, die in Ost- und Südosteuropa zeitweilig das Vakuum zu füllen schienen, das der Zusammenbruch der marxistisch- leninist. Weltanschauung - besser säkularen »Glaubenslehre« - dort hinterlassen hat, und partiell auch in Westeuropa zu konstatieren sind.

Der Begriff des F. ist v. a. drei krit. Einwänden ausgesetzt:

1) Er sei zu weit und vage, um brauchbar zu sein;
2) er sei in polem. Absicht gebildet und darum für Wiss. und kulturellen Dialog kaum brauchbar, und
3) er sei selbstwidersprüchlich, da sein Gebrauch selber der Kritik entrückte Annahmen voraussetze.

Als Entgegnung auf diese Einwände finden sich folgende Argumentationen:

1) Als Gegenbegriff zum Begriff der Modernisierung bzw. der Moderne, der eine universelle und globale Bedeutung hat, muss der Begriff des F. von gleicher Allgemeinheit und Reichweite sein, ohne darum leer zu werden. Als allgemeiner Strukturbegriff, der eine bestimmte Logik des Verhaltens, Denkens und der sozialen Organisation bezeichnet, ist er in seiner konkreten Dynamik jeweils in hohem Maße von den soziokulturellen Kontexten abhängig, in denen sich die Sache, die er bezeichnet, entfaltet. Das gilt zumal für den Typ von Modernisierungswidersprüchen, denen er seine Entfaltung verdankt. -

2) Es gibt eine Anzahl von Strukturbegriffen, die polem. Konnotationen haben oder haben können, ohne ihren analyt. Wert zu verlieren, z. B. Totalitarismus, Diktatur. Die polem. Konnotation im Begriff des F. ist einerseits nicht dominant und hängt andererseits in hohem Maße von der Verwendungsabsicht ab.
Sie kommt in jedem Fall erst zur analyt. Grundbedeutung hinzu und tritt nicht an deren Stelle. Sie ist zudem keineswegs notwendiger Bestandteil der Begriffsbedeutung, da zahlr. Fundamentalisten den Begriff ohne Vorbehalte zur Selbst- Bez. benutzen.
Er kann, wie fast alle Begriffe im po- lit. Grenzgebiet, auch als Mittel bloßer Polemik benutzt werden, indem der jeweils Andere ohne sachl. Grund zum Fundamentalisten gestempelt wird. Eine solche Verwendung entspringt dann aber nicht dem Begriff, sondern nur den Motiven und den ungeklärten Bedingungen seiner Verwendung. -

3) Aus fundamentalist. Sicht ist der Begriff F. mit dem Argument kritisiert worden, von F. lasse sich immer nur innerhalb eines diskursiven und weltanschaul. Paradigmas reden, aber nicht im Verhältnis zwischen den kulturellen, religiösen, weltanschaul. Paradigmen. Im Außenverhältnis müssten sie aus Gründen der Selbsterhaltung gleichermaßen fundamentalistisch gegeneinander auftreten.

Auch wenn die von kundigen Beobachtern mehrfach geäußerte Befürchtung, der F. könne in allen Kulturen in der Welt des 21. Jh. eine ähnl. Rolle spielen wie die totalitären Bewegungen in Europa im 20.Jh., als zu pointiert erscheint, hat der Prozess der Modernisierung doch eine Richtung genommen, die eine in unterschied!. Formen des F. vollzogene massenhafte Flucht aus der modernen Kultur als Lebensform und polit. Rahmenbedingung keineswegs unwahrscheinlich erscheinen lässt.

Sekten, fundamentalist. Organisationen, Parteien und Bewegungen bieten sich als scheinbarer Ausweg aus der Moderne in zunehmender Zahl und Variation überall an. Als Lebensform beruht die Moderne auf Voraussetzungen, die sie selbst weder gewährleisten noch erzeugen kann. In diese Lücke tritt der F. als andauernde Versuchung mit wechselnden Erfolgschancen ein."
 
"G. M. Marsden: Fundamentalism and American culture. The shaping of 20th Century evangelicalism (New York 1980); F. in der modernen Welt. Die Internationale der Unvernunft, hg. v. Thomas Meyer (1989); M. Riesebrodt: F. als patriarchal. Protestbewegung. Amerikan. Protestanten (1910-28) u. iran. Schiiten (1961-79) im Vergleich (1990); I. Broer u.a.: Offenbarungsanspruch u. fundamentalist. Versuchung (1991); The fundamentalism project, hg. v. M. E. Marty u. R. S. Appleby, 5 Bde. (Chicago, III., 1991-95); F. in der verweltlichten Kultur, hg. v. H. Hemminger (1991); C. J. Jäggi u. D. J. Krieger: F. Ein Phänomen der Gegenwart (Zürich 1991); »Katholischer« F. Häret. Gruppen in der Kirche?, hg. v. W. Beinert (1991); Thomas Meyer: F. Aufstand gegen die Moderne (Neuausg. 1991); Zukunftsperspektiven des F., hg. v. F. Stolz u. a. (1991); H. Küng: Projekt Weltethos (Neuausg. 1993); G. Kepel: Die Rache Gottes. Radikale Moslems, Christen u. Juden auf dem Vormarsch (a. d. Frz., Neuausg. 1994); B. Tibi: Der religiöse F. im Übergang zum 21. Jh. (1995); P. L. Berger: Sehnsucht nach Sinn. Glauben in einer Zeit der Leichtgläubigkeit (a. d. Engl., Neuausg. 1999); K. Kienzler: Der religiöse F. Christentum, Judentum, Islam (2002); F., Terrorismus, Krieg, hg. v. W. Schluchter (2003); B. Tibi: Die fundamentalist. Herausforderung. Der Islam u. die Weltpolitik (2003); G. Kepel: Das Schwarzb. des Dschihad. Aufstieg u. Niedergang des Islamismus (a. d. Frz., Neuausg. 2004); F. interdisziplinär, hg. v. K. Salamun (2005).

Brockhaus Enzyklopädie
(2006, Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden, Band 10: Fundamentalismus, 21., völlig neu bearbeitete Auflage, Leipzig, Mannheim: F.A. Brockhaus 2006, S. 73-76)

Diskussion

 

    

The Fundamentals. A Testimony to the Truth,  I-XII, Hg. R.A.Torrey (Bild), A.C.Dixon u.a. (1910-15)

 


"Fundamentalismus [TRE, 1983] [Auszug]
1. Zum Begriff

Im deutschen kirchlichen und theologischen Sprachgebrauch wurde der Begriff „Fundamentalismus“ erst nach dem 2. Weltkrieg allgemeiner bekannt; er wird oft etwas vage als Bezeichnung für streng konservative, an der Bibel orientierte, von pietistischer Tradition bestimmte Frömmigkeit überhaupt gebraucht.

Im angelsächsischen Bereich, dem der Begriff entstammt und wo er schon in der ersten Hälfte des 20. Jh. in Gebrauch war, ist er nicht einfach gleichbedeutend mit „evangelikal“ oder gar religiös-konservativ im allgemeinen.
Er bezeichnet zumindest mit Schwerpunkt Gruppen, für die das entschiedene Festhalten an der Lehre von der Verbalinspiration und absoluten Irrtumslosigkeit der Bibel charakteristisch ist. In den angelsächsischen Ländern hatte und hat diese Position eine nicht unbeträchtliche Zahl von Anhängern aus verschiedenen Denominationen.

Ihre Bezeichnung als „Fundamentalismus“ geht zurück auf den Namen einer Schriftenreihe The Fundamentals, die in den USA zwischen 1910 und 1915 von Vertretern dieser Richtung herausgegeben wurde (s. u. Abschn. 2).

Die folgenden Ausführungen beziehen sich auf Fundamentalismus in der spezifischen Bedeutung des Begriffs von seinem angelsächsischen Ursprung her. Von einer vagen Ausweitung, die „fundamentalistisch“ mehr oder weniger mit „evangelikal“ oder gar „pietistisch“ gleichsetzt, ist abzuraten.
Vertretern dieser letztgenannten Haltungen darf durchaus nicht pauschal die im eigentlichen Sinn fundamentalistische Theorie der Verbalinspiration unterstellt werden.

2. Zur Geschichte

Da es sich im Fundamentalismus nicht um eine organisatorisch einheitlich definierte Gruppe handelt, ist seine Geschichte schwer abzugrenzen von derjenigen konservativer Bewegungen und Reaktionen innerhalb des neueren Protestantismus überhaupt.
Die Vorstellung der Verbalinspiration und der in ihr begründeten Irrtumslosigkeit der Bibel ist ja ein altes Erbe; sie gehörte zum einst selbstverständlichen Bestand schon katholischer Lehrtradition und dann vor allem der altprotestantischen, sowohl lutherischen wie reformierten Theologie.

Die Einwanderer, soweit sie religiös bestimmten Gruppen angehörten, brachten sie nach Amerika mit und konnten sie dort, solange die Lebensverhältnisse ländlicher Siedlung überwogen, verhältnismäßig lange als selbstverständliches Erbgut festhalten.
Erst als um die Mitte des 19. Jh. mit der Industrialisierung und Verstädterung auch die Säkularisierung des gesellschaftlichen Lebens in den USA stärker eingriff und in Schulen und Hochschulen Einfluss gewann, sah sich jene Bibelgläubigkeit einer Erschütterung ausgesetzt, die sie härter und unvorbereiteter traf, als das in Europa der Fall war.

Das Übergreifen historisch-kritischer Forschung auf den biblischen Schriftenkomplex (Bibelwissenschaft), das sich nunmehr auch an theologischen Ausbildungsstätten der USA bemerkbar machte, erschien ihr als die große Apostasie vom Glauben der Väter und wurde für den Glaubensverfall in der Gesellschaft überhaupt verantwortlich gemacht.

Das Dogma von der wörtlichen Inspiration und absoluten Irrtumsfreiheit der Bibel wurde nun im Protest gegen diese Entwicklung erst recht behauptet, erhielt damit einen scharf apologetischen Akzent und - da man an dieser Stelle die Wacht gegen das Abdriften von Kirche, Theologie und Gesellschaft in den Unglauben schlechthin meinte halten zu müssen - in der Tat die Bedeutung eines Fundamentaldogmas, an dem alle übrigen Glaubenswahrheiten hängen.

Obwohl die Bewegung dieser „fundamentalistischen“ Bibelgläubigkeit auch Vertreter an theologischen Ausbildungsstätten hatte - so besonders am presbyterianischen theologischen Seminar in Princeton (USA) - ist sie keineswegs nur akademisch-theologischer Herkunft.
Wie Sandeen nachgewiesen hat, hat sie zumindest eine ihrer Wurzeln in bestimmten Kreisen der englischen und amerikanischen Erweckungsbewegung, die in intensiver, teilweise chiliastisch gefärbter Erwartung der baldigen Wiederkunft Christi lebten.

Diese Kreise befassten sich mit dem Studium der biblischen Prophetie besonders in ihren apokalyptischen Ausprägungen (Daniel, Johannes-Apokalypse) und suchten ihr Hinweise auf Ereignisse und Entwicklungen der eigenen Zeit als Vorzeichen des nahen Endes zu entnehmen.
Sie legten vor allem in diesem Zusammenhang alles Gewicht auf den Charakter der Bibel als unfehlbares, in jeder Hinsicht „wörtlich“ zu nehmendes Gotteswort.

Die Impulse dieser Bewegung waren evangelistisch: Aus einer immer mehr der Welt verfallenden Christenheit und Kirche sollten in letzter Stunde Menschen zur wirklichen Hingabe an den Herrn erweckt werden, mit dessen Kommen zur Aufrichtung seines Reiches in jeder Stunde zu rechnen ist.
Mit der Polemik gegen die als „ungläubig“ empfundene historisch-kritische Bibelwissenschaft verband sich ein scharfer Gegensatz gegen den allgemeinen Fortschrittsoptimismus der Gesellschaft und gegen eine Liberale Theologie, die den Reich-Gottes-Gedanken innerweltlich im Sinn fortschreitender kultureller Auswirkung des Christentums verstand.

Organe der Bewegung waren seit 1878 die regelmäßigen jährlichen Tagungen der „Niagara Bible Conference“, dazu seit 1880 die durch den Evangelisten Dw. L. Moody ins Leben gerufene „Northfield Conference“ und die auf seine Initiative gegründeten „Bible Institutes“, die der Unterweisung junger Leute in einem streng an der göttlichen Inspiration und Unfehlbarkeit der Schrift orientierten Bibelstudium dienen sollten - eine Gegengründung gegen die kritische Bibelwissenschaft der Universitäten.

Zur literarischen Verstärkung dieser Bestrebungen wurde 1910 durch die Initiative und mit der finanziellen Unterstützung zweier Laien, Lyman und Molton Stewart, die theologische Schriftenreihe The Fundamentals begründet, in der neben führenden Männern der evangelistischen Bewegung auch konservative Theologen von Princeton und aus dem europäischen Bereich Beiträge veröffentlichten.
Sie erschien bis 1915 in insgesamt 12 Bänden. 1919 kam es dann in Philadelphia, inspiriert vor allem durch William B. Riley, zur Gründung einer „World's Christian Fundamentals Association“.

Als Organisation hatte sie allerdings nur kurzen Bestand. Die (nunmehr allgemeiner als „Fundamentalismus“ bezeichnete) Bewegung selbst aber intensivierte ihren Kampf gegen den Modernismus in Kirche und Gesellschaft gerade in den 20er Jahren mit einem Nachdruck, der zu starker Erregung der Öffentlichkeit und zu erbitterten Richtungskämpfen in verschiedenen protestantischen Denominationen, in einigen Fällen sogar zu regelrechter Abspaltung radikal fundamentalistischer Gruppen führte.

Unter Führung des redegewaltigen William J. Bryan konzentrierten die Fundamentalisten ihren Angriff in dieser Periode besonders auf die in den öffentlichen Schulunterricht eindringende Evolutionslehre und Deszendenztheorie. In ihr sah man geradezu exemplarisch die Verleugnung der biblischen Wahrheit und als Folge die Herabwürdigung des zum Bilde Gottes geschaffenen Menschen zu einem materialistischer Lebenshaltung verfallenden Naturprodukt.

In einigen Südstaaten, in denen die Bewegung besonders stark war, erreichte sie sogar vorübergehend einzelstaatliche Gesetze gegen die Vertretung der Deszendenztheorie im Schulunterricht. In diesem Zusammenhang kam es 1925 zu dem berühmten „Affenprozeß“ in Dayton (Tennessee), in dem der Biologielehrer J. T. Scopes, der die Abstammung des Menschen aus dem Tierreich vertreten hatte, gerichtlich gemaßregelt wurde.

Derartige Erfolge wiederholten sich allerdings nicht, trugen auch eher zur Diskreditierung des Fundamentalismus in den Augen der Öffentlichkeit bei. Gegen 1930 traten die Versuche der öffentlichen Einflussnahme zurück.
In manchen Punkten begannen fundamentalistische Theologen, unbestreitbar gewordenen Einsichten Rechnung zu tragen (dazu s. u. Absch. 3), ohne dass die Behauptung der wörtlichen Inspiration und Irrtumslosigkeit der Bibel grundsätzlich aufgegeben wird.

Gruppen, die dieses Grunddogma des Fundamentalismus vertreten, finden sich auch heute vor allem in den USA, aber auch in Großbritannien und anderen europäischen Ländern. Eine bestimmte Konfessionszugehörigkeit ist für sie nicht spezifisch.
In den USA waren in den führenden Kreisen der Bewegung, die zur Gründung von The Fundamentals führte, vor allem Presbyterianer und Baptisten, auch Methodisten, kaum Lutheraner vertreten. In der Sache aber wurde und wird auch in der Lutherischen Missouri-Synode z. T. die fundamentalistische Lehre der Schriftautorität mit großer Energie vertreten. Dass es hier zu keinem engeren Anschluss an die allgemeine fundamentalistische Bewegung kam, dürfte mit dem streng konfessionalistischen Selbstverständnis der Missouri-Synode zusammenhängen.

3. Zur Theologie

Soweit man von einer fundamentalistischen Theologie sprechen kann, handelt es sich in den Grundzügen um die Behauptung reformatorischer Tradition in ihrer altprotestantischorthodoxen Gestalt.
Dabei treten allerdings in weiten Bereichen vor allem des angelsächsischen Fundamentalismus die innerprotestantischen konfessionellen Unterscheidungen zurück; soweit der Fundamentalismus von der Erweckungsbewegung her bestimmt ist, hat er keinen betont konfessionalistischen Charakter, verhält sich allerdings der ökumenischen Bewegung gegenüber ablehnend.

Alles Gewicht fällt auf einige Brennpunkte, die als elementare Glaubenswahrheiten verstanden werden und in deren unbedingter Bejahung der Prüfstein echten Glaubens gesehen wird. Die fundamentalistische Bewegung hat eine Reihe von Erklärungen hervorgebracht, in denen solche „Essentials“ aufgezählt werden, an ihrer Spitze das sog. Niagara Creed von 1878, eine ziemlich ausführliche bekenntnisartige Formulierung, in der die Niagara Conference sich über ihre Basis verständigte (abgedruckt bei Sandeen im Appendix).
Solche Erklärungen stimmen nicht in allen Einzelheiten überein (das Niagara Creed z. B. enthält einen eschatologischen Artikel mit einer chiliastischen Färbung, die nicht zum Allgemeingut des Fundamentalismus gehört).

Gemeinsam ist aber die Nennung etwa folgender unabdingbarer Glaubenswahrheiten:

die Trinität;
die wahre Gottheit Jesu Christi;
seine jungfräuliche Geburt;
die Versöhnung durch sein Blut;
seine leibliche Auferstehung;
seine ebenso leibhaftig zu erwartende Wiederkunft auf diese Erde zum Gericht und zur Aufrichtung des Reiches Gottes.

Charakteristisch ist auch die starke Betonung der Sündenverfallenheit der gesamten Menschheit von dem (als historisches Ereignis verstandenen) Sündenfall Adams her und die Bestreitung der Erwartung einer allmählichen Vervollkommnung oder gar Verchristlichung der Welt.
Die Welt einschließlich einer in ihrer Masse verweltlichten Christenheit geht vielmehr unaufhaltsam dem Gericht entgegen - gerettet kann nur werden, wer sich Christus übergibt in persönlichem Glauben an die versöhnende Kraft seines Opfertodes.

Das sind Überzeugungen, die in biblisch orientierter Theologie auch sonst weitgehend vertreten werden, wenn auch nicht immer in wörtlicher Übernahme aller biblischen Vorstellungs- und Darstellungsformen.
Das Spezifische des Fundamentalismus liegt aber gerade in der Forderung dieser wörtlichen Übernahme, und dementsprechend in dem den genannten Lehrpunkten in allen Erklärungen ausdrücklich vorangestellten Bekenntnis zur wörtlichen Inspiration und absoluten Irrtumsfreiheit der Heiligen Schrift. [...]

Der Bibelkanon in dem Umfang, den er durch die kirchlichen Definitionen erhalten hat (die Apokryphen bleiben ausgeschlossen), wird so herausgegrenzt aus aller durch geschichtliche Verhältnisse und individuelle Eigenart und Begrenzung bedingten menschlichen Verfassertätigkeit.
Sein Inhalt und Wortlaut in allen Einzelheiten ist schlechthin von Gott gesetzt: Das Wort Gottes inmitten aller menschlichen und als solche überholbaren und irrtumsfähigen Worte.

Zwar wollen sich die Fundamentalisten nicht auf die alte Redeweise festlegen lassen, die biblischen Schriftsteller hätten nur als calami [Schreibgriffel] des Heiligen Geistes fungiert. Der bewusste Einsatz der Verfasser wird nicht bestritten; aber was sie in diesem Einsatz niedergeschrieben haben, ist durch besondere göttliche Einwirkung vor dem Einfließen jeglicher aus ihrer menschlichen Bedingtheit möglichen Irrtümer bewahrt geblieben.
Diese Irrtumsfreiheit wird nicht etwa nur für den theologischen Gehalt der biblischen Aussagen behauptet, sondern ausdrücklich auch für alle faktischen Angaben über Ereignisse, Zahlen, chronologische Bestimmungen, geographische Örtlichkeiten usw., bis hin zu den Verfasserangaben biblischer Bücher.

Als Argument wird geltend gemacht: Würde die Bibel auch nur in irgendeiner Einzelheit etwas sagen, was nicht zutrifft - wie könnte man sich dann überhaupt auf ihr Wort als Gottes eigenes und wahres Wort verlassen! Kann sie überhaupt irren - könnte sie uns dann nicht auch in dem irreführen, was sie von der Sendung Jesu zu unserm Heil, von seinem Tod zu unserer Versöhnung sagt?

Der Fundamentalist bestreitet nicht, dass das Heilsgeschehen in Jesus Christus die zentrale Aussage der Bibel ist; aber die Verlässlichkeit dieser zentralen Aussage hängt für ihn offenbar daran, dass die Bibel überhaupt, und d. h. in jeder ihrer Aussagen und in jeder Hinsicht dieser Aussagen, verlässlich ist.
Den Glauben daran versteht er als christliche Grundentscheidung, die in allem, was Christen überhaupt glauben, mitgesetzt sein muss, wenn nicht alles ins Wanken geraten soll. Wer diese Grundentscheidung in Frage stellt, steht von vornherein jenseits des Bodens, auf dem allein unter Christen ein offener Dialog über Fragen des rechten Bibel- und Glaubensverständnisses zulässig und sinnvoll ist.

Das Bekenntnis zu der göttlichen Unfehlbarkeit der Bibel wird so zum Schibboleth, das zwischen wahren Christen und bloßen Namenschristen scheidet. Notwendig tritt diese Einstellung in vollen Gegensatz zu den Fragestellungen und Ergebnissen der mit historisch-kritischen Methoden arbeitenden Bibelwissenschaft.
Was deren Ergebnisse betrifft, so wurde und wird von Fundamentalisten insbesondere die Aufdeckung der komplizierten Entstehungsprozesse biblischer Schriften angegriffen, da durch sie der Inspirationsvorgang als ein einheitliches, einem klar abgegrenzten Personenkreis widerfahrenes Geschehen in Frage gestellt wird und biblische Verfasserangaben ins Unrecht gesetzt erscheinen.

Besonderen Anstoß erregt z. B. die Bestreitung der einheitlich mosaischen Herkunft des Pentateuch durch die Analyse seiner Quellen (J, E, P);
die Zuweisung von Jes 40-66 an eine andere Verfasserschaft als die des Propheten Jesaja (Deuterojesaja) (sie beruht nach fundamentalistischer Ansicht auf dem ungläubigen Zweifel daran, dass Jesaja kraft göttlicher Inspiration Ereignisse, die 200 Jahre nach seiner Zeit eintraten, genau vorhergesagt haben konnte);
die Behauptung, das Buch Daniel sei nicht von einem Propheten zur Zeit Nebukadnezars, sondern zur Zeit des Antiochus IV. Epiphanes verfasst;
die quellenkritische Analyse der Evangelientradition (Evangelien, Synoptische), besonders auch die Infragestellung der Herkunft des vierten Evangeliums von dem Zebedaiden Johannes (den allerdings das Evangelium selbst als seinen Verfasser gar nicht behauptet - aber hier dürfte vor allem das Anliegen maßgebend sein, die Augenzeugenschaft des Verfassers und damit die historische Authentizität der johanneischen Christusworte festhalten zu können; Johannesevangelium).

Dabei richtet sich die fundamentalistische Kritik nicht nur gegen die Einzelergebnisse kritischer Forschung, sondern grundsätzlich dagegen, dass auf die Bibel überhaupt eine Fragestellung angewandt wird, die zu solchen Ergebnissen führen kann, mögen diese im einzelnen mehr oder weniger „kritisch“ oder auch „konservativ“ aussehen.
Das ganze Unternehmen dieser Forschung erscheint als aus einer Glaubensverweigerung gegenüber dem Anspruch des biblischen Wortes entsprungen und wird weitgehend für die Ausbreitung von „Liberalismus“ und haltlosem Pluralismus in den Kirchen verantwortlich gemacht.

Einsichten, denen sich auch fundamentalistische Theologen auf die Länge der Zeit nicht entziehen können, wird mit Argumentationen begegnet, die es erlauben, ihnen Rechnung zu tragen und dennoch an der Irrtumsfreiheit des biblischen Wortes festzuhalten - man muss nur recht verstehen, was dieses sagt.
So kann der Kampf gegen wissenschaftliche Erkenntnisse bezüglich der langen Zeiträume der Erdentwicklung heute teilweise aufgegeben werden - der Schöpfungsbericht behält dennoch recht, denn die „Tage“, von denen er spricht, sind nicht als die uns bekannten 24 Stunden-Tage zu verstehen, sondern als bildhafter Ausdruck für unendlich viel größere Zeiträume. [...]

Der Tatsache, dass die Überlieferung des biblischen Textes nicht durchaus einhellig ist, kann sich freilich auch der Fundamentalist nicht entziehen, jedenfalls sofern er sich als Theologe anhand des Urtextes mit der Bibel befasst.
Die Aufgabe der Textkritik wird denn auch, im Unterschied zu der sog. „höheren Kritik“, anerkannt. Schon frühzeitig (vgl. die letzte Wendung in dem oben zitierten 1. Artikel des Niagara Creed) begegnet die Feststellung, als inspirierter und irrtumsfreier Wortlaut habe die ursprüngliche Niederschrift durch die Autoren selbst zu gelten, nicht ebenso jede spätere Abschrift.

Innerbiblische Divergenzen können dann (auch wo der textkritische Befund der betreffenden Stelle selbst keinen Anlass dazu gibt) u. U. damit erklärt werden, dass der Widerspruch auf fehlerhaftes Abschreiben zurückzuführen sei - in den ursprünglichen Autographen habe Übereinstimmung geherrscht.
Freilich zeigt gerade dieses Argument den postulatorischen Charakter der ganzen Denkweise besonders deutlich. Auch legt sich die Frage nahe, ob mit dieser Reduzierung der Unfehlbarkeit auf erste Niederschriften, von denen uns keine einzige Seite mehr gegeben ist, das Interesse an einem irrtumsfreien Offenbarungstext, den wir in Händen haben, sich nicht streng genommen selbst in den Rücken fällt.

4. Kritische Würdigung

Eine theologische Würdigung des Fundamentalismus sollte nicht übersehen, dass diese Protestbewegung gegen moderne theologische Entwicklungen, wie unhaltbar sie in ihrer eigenen Position erscheint, jedenfalls auch als symptomatischer Hinweis auf unbewältigte Probleme zu verstehen ist.
Der Fundamentalismus will - auf seine Weise - festhalten: Gottes Offenbarungswort in Jesus Christus tritt menschlichen Gottesgedanken wie menschlicher Gottesleugnung gegenüber als das Wort, das der Mensch sich nicht selbst sagt - ist das als der Ursprung und Ermächtigungsgrund christlicher Rede von Gott nicht in weiten Bereichen moderner Theologie verwischt und verdeckt?

Die in diesem Offenbarungswort begründete Erwartung des Reiches Gottes als der Zukunft, in der das Unheil und Unrecht dieser Welt überwunden sein wird, ist etwas anderes als die Hoffnung auf eine allmählich (oder revolutionär) fortschreitende Entwicklung der Menschheit zum Besseren - ist dies nicht in modernen Entwürfen „immanenter“ Eschatologie oft ebenso verkannt wie im „social gospel“- Programm einer liberalen Theologie (Social gospel), gegen die der Fundamentalismus einst auf den Plan getreten war? [...]

Aber die fundamentalistische Theorie bezüglich der Bibel ist kein Weg der Abhilfe. Sie kann es schon deshalb nicht sein, weil eine jedes Detail auch ihrer historischen, kosmologischen und sonstigen Angaben umschließende Irrtumslosigkeit der Bibel einfach nicht mehr behauptet werden kann, ohne entweder vor offenkundigen Tatsachen krampfhaft die Augen zu verschließen oder an den biblischen Texten ebenso krampfhafte Deutungsmanipulationen vorzunehmen, um sie in dem gewünschten Sinn „stimmig“ zu machen.

Diese Position dennoch zu halten, mag eine beinahe heroisch zu nennende Entschlossenheit bekunden, die aber mit der Freiheit und Freudigkeit des Glaubens, zu dem wir durch das biblische Zeugnis selbst gerufen werden, nichts mehr zu tun hat.
Und dies letzten Endes deshalb nicht - dies ist der eigentlich theologische Einwand, der gegen den Fundamentalismus zu erheben ist -, weil hier das den Glauben tragende Fundament in verhängnisvoller Weise an eine falsche Stelle verlagert ist.

Das zeigt sich am deutlichsten in der fundamentalistischen Argumentation, wenn die Bibel nur in einem einzigen Punkt Unrichtiges behaupten würde, wäre damit alles, auch ihr Zeugnis von dem Heil in Christus, ins Ungewisse gezogen. Das heißt doch m. a. W.: Diejenige Gewissheit des Glaubens, die einschlußweise dann auch seine Gewissheit um das Heil in Christus begründet, ist seine Gewissheit um die unfehlbare Richtigkeit des Bibelbuchstabens.
Oder anders gewendet (aber so wird es der Fundamentalist vielleicht nicht wahrhaben wollen): Das Grundereignis des Wortes, in dem Gott sich offenbart hat, ist das Inspirationswunder, durch das dieser in jeder Hinsicht irrtumsfreie Bibelbuchstabe entstand.

Dem gegenüber ist mit dem biblischen Zeugnis selbst zu sagen: Die Grundgestalt des Wortes, in dem Gott sich uns eröffnet hat, ist Jesus Christus selbst in seiner Person und Geschichte; was in der Geschichte Gottes mit Israel zu seinem offenbarenden Wort an Israel wurde, ist es auf ihn hin; alles, was uns aus den biblischen Zeugnissen als Wort Gottes trifft, trifft uns von ihm her.

Wohl begegnet uns dieses Wort nicht anders als durch die Vermittlung seiner biblischen Bezeugung; so wird die Bibel, als diese Sammlung von Dokumenten einer menschlichen Glaubensgeschichte, die sie ist, zugleich zu dem besonderen Werkzeug, durch das Gott sein in Christus gesprochenes Wort auch heute spricht und die Kirche im Hören dieses Wortes erhält.
Aber zu diesem Geschehen bedarf Gott keiner allen geschichtlichen Bedingungen enthobenen, quasi orakelhaften „Richtigkeit“ biblischer Informationen. Und die Gewissheit des Glaubens hat ihren wahren Grund nicht in einer Theorie über die Entstehung und supranaturale Eigenart des Bibelbuchstabens, sondern in der Selbsterweisungsmacht des Christuswortes Gottes, das uns durch die Vermittlung der biblischen Zeugnisse trifft.

Die altprotestantischen Theologen haben darum noch gewusst; die Theorie der absoluten Irrtumslosigkeit der Bibel (die sie unter den Voraussetzungen ihrer Zeit vertreten konnten) haben sie formallogisch als Obersatz für theologisches Argumentieren benutzt, aber die Gewissheit des Glaubens um die Wahrheit des göttlichen Wortes haben sie nicht in dieser Theorie begründet gesehen, sondern in dem, was sie das testimonium Spiritus Sancti internum [inneres Zeugnis des Heiligen Geistes] nannten.

Der Fundamentalismus ist zu fragen, ob er nicht - gewiss gegen die eigentliche Intention vieler seiner Vertreter - im Begriff ist, diesen pneumatischen [Geist: griechisch pneuma], als solcher freilich theoretisch ungesicherten Gewissheitsgrund des Glaubens gegen eine theoretische, auf ihre Weise historistische und höchst brüchige Konstruktion zu vertauschen."

"James Barr, Fundamentalism, Philadelphia 1977/78; dt.: Fundamentalismus, München 1981; Stewart. G. Cole, The History of Fundamentalism, New York 1931; Norman F. Furniss, The Funda mentalist Controversy 1918-1931, New Haven 1954; Otto W. Heick, Amerikanische Theol. in Gesch. u. Gegenwart, Breklum 1954 (bes. S. 95ff); Ernest R. Sandeen, The Roots of Fundamentalism. British and American Millenarianism 1800-1930, Chicago/London 1970."

Theologische Realenzyklopädie (TRE) / Prof. Dr. Wilfried Joest (Oktober 1983, 1914-1995, Theologe Universität Erlangen-Nürnberg, Wilfried Joest, Artikel Fundamentalismus. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Band 11, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1983, S. 732-738)

Diskussion

 

Theologische Realenzyklopädie (TRE)

 


"Fundamentalismus [RGG 4, 2000] [Auszug]
I. Zum Begriff

Der Begriff F. diente urspr. als Selbstbez. einer Bewegung, die sich in den 70er Jahren des 19. Jh. als Zusammenschluss prot.-konservativer Gruppen in den USA formierte und sich 1919 zur »World’s Christian Fundamentals Association« vereinigte.
Von F. ist schriftlich zum ersten Mal die Rede im Titel einer Schriftenreihe, die von 1909-1915 in den USA unter dem Titel »The Fundamentals - A Testimony to the Truth« erschien.

Unter Berufung auf die >Verbalinspiration und absolute Irrtumslosigkeit der Hl. Schrift verstanden sich diese nordamer.-prot. Fundamentalisten als offensive Gegenbewegung zu >Liberalismus und >Modernisierung, die auch die prot.-christl. Welt ergriffen hatten.

Seit den 80er Jahren erlebte der Begriff eine bedeutende Ausweitung und wurde sozial-, kultur- und religionswiss., aber auch publizistisch-feuilletonistisch zur Bez. der unterschiedlichsten id., aber auch allg. polit. und sozialen Strömungen und Bewegungen verwandt.
Damit verband sich eine zunehmende Unschärfe des Begriffs, der sich kaum mehr von Bez. wie >Antimodernismus, >Fanatismus etc. unterscheiden lässt und sich zudem in Wiss. und Publizistik als polemischer Kampfbegriff gegenüber denjenigen Strömungen und Bewegungen verbreitete, die sich dem eigenen liberal-modernistischen Weltbild nicht einfügten.

Um dem Begriff eine wiss.-diagnostische Bedeutung zu sichern, kommt es darauf an, F. nicht als bloßen Antimodernismus, vielmehr als »modernen Antimodernismus« zu verstehen, d.h. ihn als Erscheinung der >Moderne selbst zu begreifen.

R.S.APPLEBY/M.E.MARTY (Hg.). Fundamentalisms Comprehcnded, 1995; G.KÜENZLEN, F. - Aufstand gegen die Moderne, in: H.J.HÖHN (Hg.). Krise der Immanenz. Rel. an den Grenzen der Moderne, 1996, 50-71.

II. Religionsgeschichtlich
1. Allgemein

F. ist eine Ausprägung der Religionsgesch. in der Moderne. Als »moderner Antimodernismus« entsteht F. als offensive Gegenbewegung zu einer modernitätsbestimmten Transformation der jeweiligen Herkunftsrel., deren Wahrheit er durch Relativismus, >Pluralismus, >Historismus und Autoritätsvernichtung bedroht sieht.

So unterschiedlich das Verhältnis von Rel. und Moderne sich in den jeweiligen Kulturkontexten darstellt, so lassen sich doch allg. Merkmale des rel. F. nennen, u.a.:
Die Unterscheidung von Rel. und Politik ist zugunsten eines unmittelbaren Geltungsanspruchs der rel. Wahrheit für das polit. Handeln aufgehoben. Im Ergebnis führt dies zu theokratischen Vorstellungen (>Theokratie) einer rel. fundierten societas perfecta.

Damit verbindet sich eine dualistische Weltinterpretation (>Dualismus), in der - nicht selten unter Rückgriff auf einen rel. Nativismus (>Krisenkult) - die Mächte des Lichts und des eigenen Gottes gegen die der Finsternis und des Satans stehen.
Dazu tritt ein bestimmtes Verhältnis zur >Heilsgeschichte, nach dem die Gegenwart als rel. Verfallszeit, die Vergangenheit als idealisierte Zeit des gottgewollten Lebens erscheint und die Zukunft in einen apokalyptischen Horizont gestellt ist.
Lit. s.u. I.

2. Christentum
a) Europa.

Der klassische F. ist v.a. eine Erscheinung in Nordamerika, er kommt aber auch in Nordeuropa und Großbritannien vor. F. bez. dort eine intrakonfessionelle Bewegung innerhalb des konservativ evangelikalen Protestantismus (>evangelikale Bewegung: II.).

Rel. F. in Europa ist von zwei Konstanten charakterisiert: einmal durch Opposition zur Moderne (»Antimodernismus«), zum anderen durch exzessives Behaupten rel. Grunddaten (Gottesbild, Offenbarung in Schrift und >Tradition, rechte Lehre, d.i. Orthodoxie, rechtes Handeln, d.i. Orthopraxie).
Dabei sind die fundamentalistischen Schwerpunkte je nach Rel. bzw. Konfession durchaus unterschiedlich. Die christl. Kirchen setzen einen Schwerpunkt auf die Orthodoxie, wobei z.B. die prot. Kirchen v.a. die Schrift, die röm.-kath. Kirche dagegen Tradition und >Lehramt hervorheben. Somit ergeben sich für die Kirchen in Europa v.a. die Gefahren des fundamentalistischen Schriftverständnisses, des >Traditionalismus, des >Moralismus u.a.

Die Auseinandersetzung mit dem »Modernismus« war in der röm.-kath. Kirche seit gut einem Jh. weit nachhaltiger als im Protestantismus.
Die erste sog. Modernismuskrise in der röm.-kath. Kirche Mitte des 19. Jh. ergab sich aus dem Gegensatz von neuen Lebensformen und überlieferten kirchl. Positionen. >Pius IX. erließ den >Syllabus von 1864 mit der Verurteilung moderner Lehren und setzte ihn durch.
Eine Zuspitzung fand die Krise im Umkreis des I. >Vaticanum mit der Dogmatisierung des unfehlbaren Lehramtes des Papstes (1870; >Unfehlbarkeit).

Die zweite große Modernismuskrise ist mit dem Dekret des Hl. Offiziums Lamentabili und mit der Enzyklika Pascendi >Pius’ X. von 1907 verbunden. Die beiden Dokumente bestätigen zum einen die integralistische, auch ultramontanistisch genannte Richtung der Kirche (>Ultramontanismus), die sich seit dem Syllabus weitgehend durchgesetzt hatte, zum anderen wurden sie, ähnlich wie der Syllabus, als Fundgrube für sämtliche »Häresien« der Neuzeit benutzt.
Jetzt ging es im wesentlichen um die Auseinandersetzung mit der hist.-krit. Methode in >Exegese (: V., 4.) und Dogmengesch. Seit Beginn der 80er Jahre des 20. Jh. wird im Blick auf den wachsenden Zentralismus aus Rom verschiedentlich vor einer dritten Krise gewarnt (Hünermann).

Schlagwortartig können die sich damit abzeichnenden Tendenzen folgendermaßen angegeben werden: Die Autorität von Papst und unfehlbarem Lehramt steht über der Schrift, Traditionalismus wiegt schwerer als die Bibel, auch gegen den Papst; fundamentalistischer Moralismus v.a. in Fragen von Ehe und Familie, unüberschaubares Aufkommen von fundamentalistischen Gruppen und Bewegungen (M. >Lefevbre, Engelwerk, >Opus Dei, Priester- und Laienkreise u.a.) lassen sich beobachten.

Die fundamentalistische Antwort prot. Gruppen auf das Ärgernis der Moderne formierte sich nicht so sehr autoritativ kirchenpolit. wie auf röm.-kath. Seite, sondern radikalisierte Grunddaten ev. Glaubens (Schrift, >Schöpfungsglaube) und mobilisierte Kräfte der Innerlichkeit.

Eine genaue Beschreibung des F. in den prot. Kirchen wird dadurch erschwert, dass die Zuordnungen dabei durcheinandergehen. Häufig wird »fundamentalistisch« mit den Bezeichnungen »evangelikal«, »pietistisch«, »biblizistisch«, »bibeltreu« oder »konservativ« gleichgesetzt. Wenigstens eine grobe Abgrenzung wäre hier vonnöten (Holthaus 51-62).

Unbestreitbar gibt es zw. Fundamentalisten, Evangelikalen und Pietisten einige Gemeinsamkeiten: v.a. die grundlegende Bedeutung der Schrift und die persönliche Frömmigkeit.
Gemeinsam ist allen drei Gruppierungen bis heute der Kampf gegen liberale theol. Strömungen. Hier spielt bes. die Auseinandersetzung mit der seit der >Aufklärung in der prot. Theol. vorherrschenden hist.-krit. Exegese eine entscheidende Rolle:
Es wird die buchstäbliche Irrtumslosigkeit der Schrift behauptet (Verbalinspiration), mit Ausnahme der >Textkritik die wiss. Methoden der Auslegung der Schrift verworfen, die Forderung nach >Hermeneutik im Umgang mit einem gesch. Text verneint.

Das wohl bekannteste Ergebnis dieses fundamentalistischen Schriftlesens ist der sog. >»Kreationismus«: das unbedingte und wortwörtliche Festhalten an der bibl. Schöpfungsgesch. und zugleich das strikte Ablehnen jeder Form einer Theorie der >Evolution, sei es im Sinne Ch. R. >Darwins oder einer seiner Nachdenker.
Seit den 60er Jahren des 20. Jh. ist in einigen Gruppierungen auch ein gemeinsamer Kampf für eine Gesetzgebung etwa in der Bundesrep. D., die sich an die Zehn Gebote hält, zu bemerken.

J.BARR, F., 1981; R.FRIELING (Hg.), Die Kirche und ihre Konservativen. »Traditionalismus« und »Evangelikalismus« in den Konfessionen, 1984; P. Hünermann, Droht eine dritte Modernismuskrise? bin offener Brief von Peter Hünermann an den Vorsitzenden der Dt. Bischofskonferenz, Karl Lehmann (HerKorr 43, 1989, 130-135); W. B E INERT (Hg.), »Kath.« F. Häretische Gruppen in der Kirche?, 1991; H. HEMMINGER (Hg.), F. in der verweltlichten Welt, 1991; H. KOCHANEK (Hg.), Die verdrängte Freiheit. F. in den Kirchen, 1991; M.ODERMATT, Der F. Ein Gott-eine Wahrheit-eine Moral?, 1992; S.HOLTHAUS, F. in Deutschland: der Kampf um die Bibel im Protestantismus des 19. und 20.Jh., 1993; K.NIENTIEDT, Gefürchtet, überschätzt, dämonisiert. Rechtskonservative Gruppierungen im dt. Katholizismus (HerKorr 49, 1993, 477-482); K. KIENZLER, Der rel. F. Christentum, Judentum, Islam, 1996.

Gottfried Küenzlen

b) Nordamerika. [...]

III. Systematisch-theologisch
1. Fundamentaltheologisch

Der Begriff »F.« bez. negativ gefärbt und meist unscharf Phänomene und Bewegungen, die heute in fast allen Konfessionen und Rel. zu finden sind:
Im vermeintlichen Besitz eines absolut gewissen, indiskutabel gültigen und verbal definierten Fundaments, das auf eine unzweifelhafte Autorität zurückgeführt werden kann, wird in aggressiver Abgrenzung zur Moderne die Vielfalt der Wirklichkeit auf ein einfaches Deutungsmuster reduziert und Identitätssicherung durch die Zugehörigkeit zu einer exklusiven Gemeinschaft als einzig rettendem Heilsweg ermöglicht.

Urspr. und präzise bez. der Begriff F. eine Richtung im amer. Protestantismus, die Anfang des Jh. insbes. gegen hist.-krit. Bibelforschung die wörtlich-buchstäbliche irrtumslose Unfehlbarkeit der Bibel als das »Fundament« des christi. Glaubens propagierte (s.o. II., 2.,b).
Die Inspiration garantiert die Irrtumslosigkeit der Schrift als eines Tatsachenberichtes in allen ihren Teilen. Die Bibel soll in dieser Weise auch Glaubenslehre und Lebensführung bestimmen.

Das Schriftverständnis des F. unterscheidet sich von dem der altprot. >Orthodoxie (:II.), da diese inhaltlich-hermeneutische Prämissen (wie die Unterscheidung von >Gesetz und Evangelium und die >Rechtfertigungslehre als »Kanon im Kanon«) für die Auslegung herangezogen hat; auch für evangelikale Christen schließt heute die Unfehlbarkeit der Schrift nicht unbedingt deren Irrtumslosigkeit im fundamentalistischen Sinne ein.

Im F. wird das den Glauben tragende »Fundament« de facto im »Inspirationswunder«, in der irrtumslosen Richtigkeit des Bibelbuches, gesucht und nicht im lebendigen Grund Jesus Christus, dem im Geist durch >Wort und Sakrament gegenwärtigen auferstandenen Herrn.

Aufgabe der Theol. ist es, angesichts der immer wieder gegebenen fundamentalistischen Bedrohung Fundamentalunterscheidungen zw. dem menschlichen Wort und dem Wirken des Hl. >Geistes (:V.) zu treffen. Der Möglichkeit und Wirklichkeit der Schriftoffenbarung als pneumatologischem Ereignis entspricht das Bild der »Quelle« (oder eines »Quellengeschehens«, H.-M.Barth) besser als das Bild eines »Fundaments«, das der Sache nach aus neuzeitlicher Erkenntnistheorie stammt.

2. Dogmatisch

Der F. kennt keine Theol. als das Bemühen einer universalkirchl. Gemeinschaft von Denkern, die durch gemeinsame Diskussion miteinander versuchen, die >Wahrheit des christl. Glaubens in seiner Mannigfaltigkeit zu formulieren.

Seine Lehren, »die fünf Fundamente« (Irrtumslosigkeit der Bibel, ->Jungfrauengeburt, Gottheit Jesu Christi, stellvertretendes Sühneopfer und leibliche >Auferstehung [: II] und Wiederkunft Christi [>Parusie]), werden - insbes. weil sie bibl. Vorstellungs- und Darstellungsformen wörtlich entsprechen - aus der traditionellen Lehrbildung herausgegriffen, ohne dass der theol. Zusammenhang beachtet wird.
Eine lehrmäßige Besonderheit ist der sog. »Kreationismus«, der die Evolutionstheorie ablehnt.

Die Schriftlehre trägt und prägt alle anderen Lehren; so hat z.B. die Jungfrauengeburt aufgrund der zu glaubenden, irrtumsfreien bibl. Vorgaben oftmals nur einen formalen Sinn ohne theol. Bedeutung und fungiert als Prüfstein echten Glaubens.
Jede Theol.. die nicht mit der Lehre von der irrtumslosen Autorität der Schrift beginnt, ist für den F. irrelevant.

In der >Christologie führt die Betonung der Göttlichkeit Jesu zur Verzerrung der altkirchl. Entscheidungen. Die Rechtfertigung ist gebunden an Bekehrungserlebnis und >Wiedergeburt (: II.), auf die die Praxis zumeist zielt; sie begründen das exklusive Verständnis der Fundamentalisten als wahre Christen.
Die Bedeutung der Sakramente tritt zurück, die Kindertaufe (>Taufe) wird in der Regel abgelehnt.

Der F. hat einen überkonfessionellen Charakter und identifiziert sich als Gesamtheit aller wahren Gläubigen mit keiner Denomination. Die >ökum. Bewegung wird verworfen, die Frage der Kircheneinheit ist zweitrangig, solange nicht die Bibelauffassung des F. Vorrang bekommt.

In der >Eschatologie wird aufgrund der Sündenverfallenheit der ganzen Menschheit eine allmähliche Vervollkommnung oder gar Verchristlichung der Menschheit bestritten. Gerettet werden im Gericht nur die Christen, die sich Christus in persönlichem Glauben an die versöhnende Kraft seines Opfertodes übergeben haben.

Eine selbstkritische Reflexion über die auswählende Lesart von Schrift und Tradition findet im F. nicht statt; eine theol. Diskussion, inwieweit die Reduktion auf die »fünf Fundamente« Marginales und Wesentliches vermischt, Spannungen im bibl. Befund auflöst, notwendige Unterscheidungen ausschließt, wird verweigert: Die Grundlage des Glaubens ist in irrtumsfreier Schrift und Wiedergeburtserfahrung etwas Gegebenes, das allein apologetisch vertreten werden muss.

3. Ethisch

Die irrtumslose Bibel wird in der fundamentalistischen Ethik zu einem breit ausgeführten Verhaltenskodex, der eindeutige und unveränderliche Normen enthält, an denen wahres Christsein erkannt werden kann.
In der Praxis werden jedoch nur für bestimmte ethische Fragen strenge christl. Normen vorgegeben (z.B. im Blick auf die Sexualmoral), während man sich in vielen anderen Bereichen stillschweigend an vorhandene Normen und Wertungen der Gesellschaft anpasst.

Denn eine gesellschaftliche Anwendung des Evangeliums und der Lehren Jesu bleibt nutzlos und ist sogar schädlich, solange der einzelne noch nicht durch Bekehrung und Wiedergeburt der Macht der Sünde entzogen ist.
Der wiedergeborene Christ - weniger die Kirche als Ganze - bringt sich mit seinem persönlichen Engagement und Glauben in den verschiedensten Lebensbereichen ein.

Andererseits sieht der F. im Gesetz Gottes, dessen Stimme im Gewissen vernommen wird, durchaus eine gegen die Sünde gerichtete Erhaltungsordnung, die für alle verbindlich gemacht werden muss und sich in Ordnungen wie Regierung und Familie manifestiert.

In den USA zeigt der F. einen organisierten Willen, seine Überzeugungen (Gebet an öfftl. Schulen und Einführung des »Kreationismus« im Lehrplan, Pornographieverbot, Schutz der Familie, Ablehnung von Feminismus, Gleichberechtigung der Frau und Homosexualität, Schutz des ungeborenen Lebens, Notwendigkeit der Todesstrafe) auf polit. Ebene durchzusetzen.

Wegen der Macht der Sünde ist aber geschichtstheol. kein sozialer Fortschritt zu erwarten. Daher stärkt der F. im Westen häufig den gesellschaftlichen Status quo durch Bejahung des kapitalistischen Individualismus und durch nationalkonservative Strömungen; in der Dritten Welt steigert er das Selbstwertgefühl der Armen, da alle, die die Bibel lesen, ohne Aufsicht von Kirche, Staat und den gebildeten Schichten unmittelbaren Zugang zu Gott haben.

Kriege, soziale Konflikte, Umwelt- und Naturkatastrophen gelten eschatologisch als Vorboten des nahen Weitendes. Kosmisch rel. Bedeutung hat die Rückkehr der Juden nach Palästina und das Geschick des Staates Israel (damit verbindet sich die Hoffnung auf die Bekehrung der Juden zum wahren Christentum); die bibl. Prophezeiungen erfüllen sich an den Orten, die in den Texten angegeben sind.


J.BARR, F. Mit einer Einführung in die dt. Ausg. von GERHARD SAUTER, 1981; W.JOEST (TRE 11, 1983, 732-738) (Lit.); H.-M.BARTH, Das Fundament des Glaubens (US 47, 1992, 2-11); Themenheft F. als ökum. Herausforderung (Conc[D] 28, 1992).

Joachim Zehner

IV. Sozialwissenschaftlich

F. stellte sich als wiss. Thema zunächst nur einem kleinen Kreis religionsgesch. arbeitender Personen. Durch den Einfluss jedoch, den die prot. Fundamentalisten in Amerika zu nehmen versuchten (s.o. II., 2., b), und durch Berichte über die polit. Ziele fundamentalistischer Muslime (s.a. >Islam: X.) setzte ein öfftl. Interesse am Thema ein, das zunächst zu einer politologischen und in geringerem Maße soziologischen Auseinandersetzung mit dem F. führte.

Erst in den 90er Jahren des 20. Jh. folgten psychologische und sogar psychiatrische Einzeluntersuchungen (überwiegend in den USA), philos.-anthropologische und andere im weitesten Sinne sozialwiss. Interpretationen (ethnologische, päd., wirtschaftswiss., hist.) sowie interdisziplinäre (Arbeitsfelder: Fremdenfeindlichkeit, Interkulturalität, Persönlichkeitspsychologie, Analyse institutioneller Strukturen, Identitätsforschung u.v.m.) und auch wissenschafts- bzw. metatheoretische Ansätze.

Der Begriff F. wird auch für polit. Gruppen, individuelle Wert- und Grundhaltungen, Positionen in Kommunikationsprozessen sowie für methodischen Monismus gebraucht.
Dabei wird F. - mit wechselnden Schwerpunkten - aufgefasst als die Haltung und das Verhalten eines Menschen oder einer Gruppe, die anderem, insbes. Neuem ablehnend gegenüber steht, individuelle Auslegung und damit Freiheit und Verantwortlichkeit negiert und dabei eindeutige und unveränderliche Regeln des menschlichen Zusammenlebens (und des rechten Glaubens) festschreibt und umsetzen will.

Diese rekurrieren oft auf eine verklärte Vergangenheit, deren Zustand wiederherzustellen sei. Daraus resultieren Fortschrittsverachtung, Bevorzugung polit. konservativer Richtungen, starre Vorstellungen über Familie, Geschlechtsrollen, Sexualität usw. Fundamentalisten zeichnen sich oft aus durch Angst vor Ungewissheit, vor der Relativität moralischer Entscheidungen, vor der Unbestimmtheit der Zukunft, vor der Komplexität und Mangelhaftigkeit demokratischer Politik, vor der Gefährdung der eigenen (Ich- oder Gruppen-) >Identität.

Die Forschungsmethoden sind quantitativ empirisch, hermeneutisch oder tiefenpsychologisch. Ein großer Teil der aktuellen Lit. bietet die Erhebung und Beschreibung von Bedingungen, die das Auftreten von F. begünstigen:
Dazu zählen die Disposition des Individuums (psychologisch), Störungen (psychiatrisch) und >Traumata (psychoanalytisch), nationale und internationale Verhältnisse (polit., ökonomisch), Herkunftsfamilie (soziologisch und ökonomisch), Bildungsstand (soziologisch, päd.), das Wegbröckeln patriarchaler Machtverhältnisse (soziologisch, feministisch, ethnologisch) oder die allg. Verunsicherung in Zeiten interkultureller Begegnung (ethnologisch, psychologisch, kulturwiss., soziologisch, päd.), verstärkter Säkularisierung (religionswiss., theol. und philos.), (Natur-)Wissenschaftsorientierung (soziologisch, kulturwiss.) und postmoderner Relativierung (philos.).

Anthropologisch kann F. verstanden werden als eine Gefährdung des Menschseins, die aufgrund der primären Weltoffenheit notwendig mit der Möglichkeit des Gelingens von Menschsein gegeben ist. Weltoffenheit muss (sekundär) gegenüber der Versuchung Weltverschlossenheit immer wieder neu errungen werden. Disposition für F. ist das Menschsein selbst.

Th. Meyer, F. Aufstand gegen die Moderne, 1989; M.Riesebrodt, F. als patriarchalische Protestbewegung. Amer. Protestanten (1910- 1928) und ir. Schiiten im Vergleich, 1990; Ch. Jäggi/D. Krieger, F. Ein Phänomen der Gegenwart, 1991; S. Pfürtner, F. Die Flucht ins Radikale, 1991; B.Tibi, Krieg der Zivilisationen. Politik und Rel. zw. Aufklärung und F., 1995; K.Lutze/Th.Klein, Identität und Weltoffenheit. Versuch eines anthropologisch-bildungstheoretischen Zugangs zum Phänomen F., 1996; W.Heitmeyer u.a., Verlockender F., 1997; K.Lutze, F. Eine syst. Bibliogr., 1999.

Katinka Lutze

V. Praktisch-theologisch

Das kirchl. Handeln gegenüber dem F. setzt allererst eine differenzierte Wahrnehmungsbereitschaft voraus. Hinderlich ist der verbreitete Gebrauch des Begriffs F. als »deklassierendes Allostereotyp« (Stolz) und als verallgemeinernder Oberbegriff für verschiedene Bewegungen und Überzeugungsgruppen.

Angesichts der Diversifiziertheit fundamentalistischer Phänomene erweist es sich als praktikabler, von »Deutungsmustern mit fundamentalistischem Anspruch« (Barben-Müller in: Praktische Theol., 19) zu reden.
Dies wird hinsichtlich des prot. F., auf den sich das praktisch-theol. Interesse hier beschränkt, auch den unscharfen Grenzen zw. F. und evangelikaler Bewegung eher gerecht.

Handlungsorientierend ist ferner die Diagnose des F. als »moderner Antimodernismus« (Küenzlen, s.o. I.), statt als bloße Repristination vormoderner Glaubenshaltungen. Der quasi-fundamentalistische »blinde Fleck« einer an modernen Vernunftstandards orientierten Aufklärungsabsicht macht die Auseinandersetzung mit fundamentalistischen Überzeugungen unfruchtbar.

Der Forschungsstand über die Ursachen fundamentalistischer Bewegungen erfasst eher allg. sozialhist. und kulturelle Bedingungen. Das konkrete bildende und seelsorgerliche Handeln wird damit nur unzureichend orientiert. Sofern mit gewisser Plausibilität rel. Bildungsangebote in staatlichen und kirchl. Einrichtungen als Prävention gegen den F. gelten, ist zu bedenken, dass fundamentalistische Überzeugungen in Milieus mit hohen Bildungsstandards nicht unterrepräsentiert sind.

In Bildung bzw. Unterricht wie im seelsorgerlichen Gespräch ist gegenüber fundamentalistischen Überzeugungen bes. sorgfältig zw. Beziehungs- und Sachaspekten zu unterscheiden.
Mit Resistenz gegen gleichsam von außen erfolgende therapeutische oder aufklärerische Intention ist zu rechnen.

Da die Verwechslung von Glaubensgrund und Glaubensausdruck, von Offenbarung und Zeugnis der Offenbarung fundamentalistische Glaubenshaltungen auf »fundamentals« als Wissensobjekte fixiert, lässt sich F. als »Phänomen deplatzierter Fundamentalität« deuten (Schwöbel).
Ablösungen von diesem Missverständnis des Glaubens sind nur innerhalb einer Glaubenstradition, also mit explizitem Bezug auf Schrift und Bekenntnis, durch interne Korrekturen an der Deplatzierung der Fundamente aussichtsreich.
Dabei wird gegenüber der als defensive Reaktion auf Pluralisierungsprozesse verständlichen Suche nach Sicherheit auf die dem Zuspruch des Evangeliums zu verdankende >Gewissheit abzuheben sein (in Anlehnung an Luthers Unterscheidung zw. securitas und certitudo).

Dies ist in diesem Zusammenhang auch das entscheidende homiletische Kriterium. Glaube als Vertrauen (>fiducia) kann sich unter dieser Voraussetzung dem modernen »Zwang zur Häresie« (Berger) ausgesetzt sehen, ohne sich auf empirisch verifizierbares Wissen oder auf propositionale Aussagen gründen zu müssen.

Kybernetisch sind gegenüber dem F. als innerkirchl. Strömung Konfliktregelungen auch dann zu erwarten, wenn theol. Sachklärungen sich als schwierig erweisen. Die Anerkennung eines gemeindlichen >Pluralismus (: III.) setzt freilich einen Weg zw. F. und pluralistischer Beliebigkeit voraus.

P.L.BERGER, Der Zwang zur Häresie, 1980; F.Stolz/V.Merten (Hg.), Zukunftsperspektiven des F., 1991; Themenheft: F. (Praktische Theol. 1, 1994); B.DRESSLER U.A. (Hg.), Fundamentalistische Jugendkultur, 1995; Themenheft: F. (EvErz 4, 1995); CH.SCHWÖBEL, Die Wahrheit des Glaubens im rel.-weltanschaulichen Pluralismus, in: U.KÜHN U.A. (Hg.), Christl. Wahrheitsanspruch zw. F. und Pluralität, 1998, 43-56.

Bernhard Dressler

Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) [Autoren stehen im Text] (2000, Artikel: Fundamentalismus, in: Betz, Hans D. u. a. (Hg.), Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) - Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Band 3, 4. Auflage, Tübingen: Mohr Siebeck 2000, S. 414-425)

Diskussion

 

Religion i. Geschichte u. Gegenwart (RGG) - Hwb. f. Theol. u. RW.

 


"Protestantischer Fundamentalismus" [EZW, 2011]

"Mit Berufung auf die Bibel schafft der Fundamentalismus Eindeutigkeit und setzt der modernen Kultur des Zweifels eine feste Position entgegen. Er protestiert gegen kirchliche und theologische Kompromisse mit dem Zeitgeist.
Er reagiert auf den Abbruch der Tradition und die damit verbundene religiöse und kulturelle Identitätsgefährdung.

Für sein Selbstverständnis sind verschiedene Abgrenzungen charakteristisch: gegen den Feminismus, die Evolutionslehre, den Pluralismus, die historisch-kritische Bibelauslegung. Fundamentalismus ist immer etwas Zweites, eine Art Gegenmoderne.

Allgemeines

Was ist protestantischer Fundamentalismus? Die einfache und zutreffende Antwort auf diese Frage lautet: eine Strömung innerhalb des konservativ geprägten Protestantismus.

Ein herkömmlicher Sprachgebrauch bezeichnet denjenigen Bereich protestantischer Frömmigkeit mit fundamentalistisch, der hinsichtlich des Bibelverständnisses die Verbalinspirationslehre (wörtliche Eingebung der Worte der Bibel durch das Diktat des Heiligen Geistes) mit dem Glauben an ihre Unfehlbarkeit und absolute Irrtumslosigkeit verbindet und dies auf alle Aussagen der Bibel bezieht.

Um von Fundamentalismus im engeren Sinn des Wortes sprechen zu können, reicht das Motiv der Verbalinspiriertheit und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift als Definitionskriterium noch nicht aus.
Es müssen weitere Motive hinzukommen: die konservative politische Gesinnung und der Wille, religiös begründete Überzeugungen auch politisch durchsetzen zu wollen, also die Verbindung von Politik und Religion.

Der christliche Fundamentalismus in diesem engeren Sinn ist in Europa kein politisch einflussreicher Faktor. Hier stellen sich fundamentalistische Strömungen in ihren protestantischen oder katholischen Spielarten vor allem als kirchenpolitische, seelsorgerliche und ökumenische Herausforderung dar.

Der Begriff Fundamentalismus wird im europäischen Kontext durchweg als wertender Begriff verwendet. Er bezeichnet die fragwürdigen Ausdrucksformen und Fehlentwicklungen protestantischer Erweckungsfrömmigkeit.

Religiöse Hingabebereitschaft kann ausgenutzt und missbraucht werden. Die Orientierung an charismatischen Führungspersonen kann das Mündig- und Erwachsenwerden im Glauben verhindern.
Die Berufung auf den Buchstaben der Bibel kann für ein problematisches Macht- und Dominanzstreben funktionalisiert werden. Das gesteigerte Sendungsbewusstsein einer Gruppe kann in ein elitäres Selbstverständnis Umschlägen, das sich scharf nach außen abgrenzt.

Selbstverständnis

Der Bibelfundamentalismus meint dem Streit um die rechte Auslegung der Bibel entfliehen zu können, indem er die Bibel gleichsam ins Credo mit aufnimmt und sagt: „Wir glauben an die Bibel als das von Gott gegebene ,irrtumslose' und unfehlbare' Wort Gottes."

Für die gegenwärtige Wahrnehmung fundamentalistischer Orientierungen ist die Unterscheidung zwischen einem Wort- und einem Geistfundamentalismus von zentraler Bedeutung. Beiden ist gemeinsam, dass sie auf die menschliche Sehnsucht nach Vergewisserung und Sicherheit antworten.

Der Wortfundamentalismus sucht rückwärts gewandt die Glaubensvergewisserung durch den Rekurs auf das unfehlbare Gotteswort in der Vergangenheit.
Der Geistfundamentalismus orientiert die Vergewisserung primär an sichtbaren Geistmanifestationen, die als unzweideutige Zeichen, ja Beweise der göttlichen Gegenwart angesehen werden (Heilungen, ekstatische Erfahrungen).

Der Wortfundamentalismus sieht Christus preisgegeben, wenn Adam nicht als historische Person verstanden wird.
Der Geistfundamentalismus meint, dass demjenigen etwas Entscheidendes im christlichen Leben fehlt, der nicht in Zungen redet.

Der Wortfundamentalismus vertritt eine kreationistische Position und ist daran interessiert, eine alternative Biologie und Geologie aufzubauen (Kreationismus).
Dem Geistfundamentalismus liegt an einer christlichen Psychologie oder am „Powermanagement in der Kraft des Heiligen Geistes".

Gegenwärtig stellt sich ein Geistfundamentalismus chancenreicher dar als ein reiner Wortfundamentalismus. Er knüpft an Ausdrucksformen der religiösen Alternativkultur an, für die Rationalitätsskepsis und ein Hunger nach erlebbarer Transzendenz charakteristisch sind.

Einschätzung

Dem Fundamentalismus ist entgegenzuhalten: Er greift die religiöse Tradition nicht in ihrer Fülle auf, sondern auswählend und reduziert. Er verwechselt Gewissheit mit Sicherheit. Die Verlässlichkeit des göttlichen Wortes lässt sich nicht durch den Glauben an eine wortwörtliche Inspiration sichern.
Die Bibel wird missverstanden, wenn ihr Charakter als Glaubenszeugnis verleugnet wird. In ihr lässt sich kein Vorrat unfehlbarer Fakten finden: zur Welterschaffung, zum Endzeitablauf, zur Strategie, Krankheiten schnell und wirksam zu heilen.

Fundamentalistische Strömungen verleugnen christliche Freiheit und sind von der Angst bestimmt, das Fundament christlicher Glaubensgewissheit könnte durch die Offenheit gegenüber moderner Wissenschaft und die Einsicht in die Geschichtlichkeit der christlichen Wahrheitsgewissheit ins Wanken geraten.

Man kann sich bemühen, den Fundamentalismus als Antwortversuch auf die Vergewisserungssehnsucht des Menschen in komplexen, unübersichtlichen Lebenskontexten zu verstehen. Dieser Versuch ist jedoch erfolglos. Glaubensgewissheit ist ein unverdientes Geschenk und menschlicher Verfügung entzogen."

"Quellen: The 1878 Niagara Creed, in: Sandeen, Ernest R., The Roots of Fundamentalism. British and American Millenarianism 1800 - 1930, Chicago 1970, 273 - 277 Torrey, R. A./Dixon, A. C. u. a. (Hg.), The Fundamentals. ATestimony to theTruth, Vol. I - IV, Los Angeles 191 7 (reprinted 1988)

Sekundärliteratur: Hemminger, Hansjörg (Hg.), Fundamentalismus in der verweltlichten Kultur, Stuttgart 1990 Hempelmann, Reinhard, Zur Attraktivität des christlichen Fundamentalismus, in: ders., Evangeli- kale Bewegungen. Beiträge zur Resonanz des konservativen Protestantismus, EZW-Texte 206, Berlin 2009, 29-42
Marty, Martin E./Appleby, R. Scott, Herausforderung Fundamentalismus. Radikale Christen, Moslems und Juden im Kampf gegen die Moderne, Frankfurt a. M. 1996 Riesebrodt, Martin, Die Rückkehr der Religionen. Fundamentalismus und der „Kampf der Kulturen", München 2000"


Dr. Reinhard Hempelmann (Oktober 2011, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen - EZW, Neue christliche Religiosität - Protestantischer Fundamentalismus. In: Reinhard Hempelmann u.a. (Hg.), Quellentexte zur neuen Religiosität, EZW-Texte 215, Berlin: EZW, 2011, S. 88-90)

Diskussion

 

Dr. Reinhard Hempelmann, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen

 

 

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