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Fundi-Debatte

Beiträge zum Thema christlicher Fundamentalismus
Christ

​​Copyright Thomas Plaßmann​

Die nachstehende Landschaft aus Zitaten und Textfragmenten beleuchtet die Diskussion über den christlichen Fundamentalismus, angefangen bei „bibelkritischen“ Ansichten bis zu „bibeltreuen“ Standpunkten.

"Der Begriff Fundamentalismus diente ursprünglich als Selbstbezeichnung einer Bewegung, die sich in den 70er Jahren des 19. Jh. als Zusammenschluss prot.-konservativer Gruppen in den USA formierte und sich 1919 zur »World’s Christian Fundamentals Association« vereinigte.
Von Fundamentalismus ist schriftlich zum ersten Mal die Rede im Titel einer Schriftenreihe, die von 1909-1915 in den USA unter dem Titel »The Fundamentals - A Testimony to the Truth« erschien.


Unter Berufung auf die Verbalinspiration und absolute Irrtumslosigkeit der Hl. Schrift verstanden sich diese nordamerikanischen-protestantische Fundamentalisten als offensive Gegenbewegung zu Liberalismus und Modernisierung, die auch die prot.-christliche Welt ergriffen hatten. … Seine Lehren, »die fünf Fundamente« 


Irrtumslosigkeit der Bibel, -
Jungfrauengeburt, Gottheit Jesu Christi, 
stellvertretendes Sühneopfer und
leibliche Auferstehung und
Wiederkunft Christi [Parusie],

werden - insbesondere, weil sie biblischen Vorstellungs- und Darstellungsformen wörtlich entsprechen - aus der traditionellen Lehrbildung herausgegriffen, ohne dass der theologische Zusammenhang beachtet wird …

Eine genaue Beschreibung des Fundamentalismus in den prot. Kirchen wird dadurch erschwert, dass die Zuordnungen dabei durcheinandergehen. Häufig wird »fundamentalistisch« mit den Bezeichnungen »evangelikal«, »pietistisch«, »biblizistisch«, »bibeltreu« oder »konservativ« gleichgesetzt. Wenigstens eine grobe Abgrenzung wäre hier vonnöten.

Unbestreitbar gibt es zw. Fundamentalisten, Evangelikalen und Pietisten einige Gemeinsamkeiten: v.a. die grundlegende Bedeutung der Schrift und die persönliche Frömmigkeit.
Gemeinsam ist allen drei Gruppierungen bis heute der Kampf gegen liberale theologischen Strömungen. Hier spielt bes. die Auseinandersetzung mit der seit der Aufklärung in der protestantischen Theologie vorherrschenden historisch-kritische Exegese eine entscheidende Rolle:


Es wird die buchstäbliche Irrtumslosigkeit der Schrift behauptet (Verbalinspiration), mit Ausnahme der Textkritik die wissenschaftlichen Methoden der Auslegung der Schrift verworfen, die Forderung nach Hermeneutik im Umgang mit einem geschichtlichen Text verneint.

Das wohl bekannteste Ergebnis dieses fundamentalistischen Schriftlesens ist der sogenannte »Kreationismus«: das unbedingte und wortwörtliche Festhalten an der biblischen Schöpfungsgeschichte und zugleich das strikte Ablehnen jeder Form einer Theorie der Evolution, sei es im Sinne Ch. R. Darwins oder einer seiner Nachdenker."

Religion in Geschichte und Gegenwart - RGG 4 (2000, Artikel: Fundamentalismus, in: Betz, Hans D. u. a. (Hg.), Religion in Geschichte und Gegenwart (RGG) - Handwörterbuch für Theologie und Religionswissenschaft, Band 3, 4. Auflage, Tübingen: Mohr Siebeck 2000, S. 414 ff.)
 

Religion in Geschichte und Gegenwart, RGG 4

"Soweit man von einer fundamentalistischen Theologie sprechen kann, handelt es sich in den Grundzügen um die Behauptung reformatorischer Tradition in ihrer altprotestantischorthodoxen Gestalt.


Dabei treten allerdings in weiten Bereichen vor allem des angelsächsischen Fundamentalismus die innerprotestantischen konfessionellen Unterscheidungen zurück; soweit der Fundamentalismus von der Erweckungsbewegung her bestimmt ist, hat er keinen betont konfessionalistischen Charakter, verhält sich allerdings der ökumenischen Bewegung gegenüber ablehnend.


Alles Gewicht fällt auf einige Brennpunkte, die als elementare Glaubenswahrheiten verstanden werden und in deren unbedingter Bejahung der Prüfstein echten Glaubens gesehen wird. Die fundamentalistische Bewegung hat eine Reihe von Erklärungen hervorgebracht, in denen solche „Essentials“ aufgezählt werden, an ihrer Spitze das sog. Niagara Creed von 1878, eine ziemlich ausführliche bekenntnisartige Formulierung, in der die Niagara Conference (USA) sich über ihre Basis verständigte (abgedruckt bei Sandeen im Appendix).

Solche Erklärungen stimmen nicht in allen Einzelheiten überein (das Niagara Creed z. B. enthält einen eschatologischen Artikel mit einer chiliastischen Färbung, die nicht zum Allgemeingut des Fundamentalismus gehört). … Gemeinsam ist aber die Nennung etwa folgender unabdingbarer Glaubenswahrheiten:


die Trinität; die wahre Gottheit Jesu Christi; seine jungfräuliche Geburt;
die Versöhnung durch sein Blut;
seine leibliche Auferstehung;
seine ebenso leibhaftig zu erwartende Wiederkunft auf diese Erde zum Gericht"

Theologische Realenzyklopädie - TRE (Oktober 1983, 1914-1995, Theologe Universität Erlangen-Nürnberg, Prof. Dr. Wilfried Joest, Artikel Fundamentalismus. In: Theologische Realenzyklopädie (TRE), Band 11, Berlin, New York: Walter de Gruyter, 1983, S. 732 ff.)

 


 

Theologische Realenzyklopädie - TRE

"Um von Fundamentalismus im engeren Sinn des Wortes sprechen zu können, reicht das Motiv der Verbalinspiriertheit und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift als Definitionskriterium noch nicht aus.
Es müssen weitere Motive hinzukommen: die konservative politische Gesinnung und der Wille, religiös begründete Überzeugungen auch politisch durchsetzen zu wollen, also die Verbindung von Politik und Religion.

Der christliche Fundamentalismus in diesem engeren Sinn ist in Europa kein politisch einflussreicher Faktor. Hier stellen sich fundamentalistische Strömungen in ihren protestantischen oder katholischen Spielarten vor allem als kirchenpolitische, seelsorgerliche und ökumenische Herausforderung dar. …


Der Bibelfundamentalismus meint dem Streit um die rechte Auslegung der Bibel entfliehen zu können, indem er die Bibel gleichsam ins Credo mit aufnimmt und sagt: „Wir glauben an die Bibel als das von Gott gegebene ,irrtumslose' und unfehlbare' Wort Gottes." …

Die Bibel wird missverstanden, wenn ihr Charakter als Glaubenszeugnis verleugnet wird. In ihr lässt sich kein Vorrat unfehlbarer Fakten finden: zur Welterschaffung, zum Endzeitablauf, zur Strategie, Krankheiten schnell und wirksam zu heilen.


Fundamentalistische Strömungen verleugnen christliche Freiheit und sind von der Angst bestimmt, das Fundament christlicher Glaubensgewissheit könnte durch die Offenheit gegenüber moderner Wissenschaft und die Einsicht in die Geschichtlichkeit der christlichen Wahrheitsgewissheit ins Wanken geraten.


Man kann sich bemühen, den Fundamentalismus als Antwortversuch auf die Vergewisserungssehnsucht des Menschen in komplexen, unübersichtlichen Lebenskontexten zu verstehen. Dieser Versuch ist jedoch erfolglos. Glaubensgewissheit ist ein unverdientes Geschenk und menschlicher Verfügung entzogen."

Dr. Reinhard Hempelmann (Oktober 2011, Evangelische Zentralstelle für Welt-anschauungsfragen - EZW, Neue christliche Religiosität - Protestantischer Fundamentalismus. In: Reinhard Hempelmann u.a. (Hg.), Quellentexte zur neuen Religiosität, EZW-Texte 215, Berlin: EZW, 2011, S. 88-90)

Evangelikale

Dr. Reinhard Hempelmann (2012)

"Nicht alle Evangelikalen sind Fundamentalisten - aber alle Fundamentalisten bezeichnen sich als Evangelikale."
 

Pfarrerin Annette Kick (3. Juli 2011, Beauftragte für Weltanschauungsfragen der Württembergischen Landeskirche, Podiumsdiskussion auf Kirchentag in Dresden 2011: Sind Evangelikale Fundamentalisten? in: Sind Evangelikale "extrem diskriminierend"?, Christliches Medienmagazin pro)

 


"Evangelikale Gemeinden sorgen insbesondere in den Vereinigten Staaten und in Lateinamerika für Aufsehen. Aber auch in Deutschland ziehen etliche Gemeinden Christen an, die von der etablierten Kirche enttäuscht sind …

Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) sind die evangelikalen Glaubensbrüder ein Ärgernis. Viele von ihnen sind, wie Pastor Wenz mit seinem Gospel Forum [Stuttgart], in unabhängigen Freikirchen organisiert. Andere entwickeln innerhalb der evangelischen Landeskirchen ein scharfes Profil, das vom protestantischen Mainstream abweicht.
Fast hilflos müssen die Bischöfe der schrumpfenden Amtskirche beobachten, wie Evangelikale in Sachen Ehe, Sex und Erziehung erfolgreich erzkonservative Werte propagieren. ...

1,3 Millionen Anhänger sind nach eigenen Angaben in einem Dachverband zusammengeschlossen, der sich Deutsche Evangelische Allianz nennt und sich als Zentralorgan der Evangelikalen versteht. Wie ihre Glaubensverwandten in den USA nehmen sie die Bibel wortwörtlich. ...

Trotzdem fällt der EKD die Auseinandersetzung mit den evangelikalen Strömungen oft schwer. Zu unterschiedlich, zu bunt sind die Gruppen am Rand des Protestantismus. Neben vermeintlichen Wunderheilern und Charismatikern nach amerikanischem Vorbild gibt es fromme Pietisten, die sich auf Erweckungsbewegungen des 19. Jahrhunderts, etwa in Baden oder am Niederrhein, berufen. Mennoniten und Baptisten gehören ebenso dazu."

DER SPIEGEL (16. Mai 2015, Mareike Ahrens, Jan Friedmann, Peter Wensierski, Religion: „Böse Geister sind Realitäten“, Evangelikale Gemeinden erleben in Deutschland großen Zulauf. Die konservativen Christen irritieren die Amtskirche, DER SPIEGEL 21/2015, S. 30-32)

 


"Man muss sich darüber im Klaren sein, dass der Pentekostalismus [Pfingstbewegung], also die pentekostalischen Bewegungen und die Pfingst-Kirchen, zahlenmäßig die zweitgrößte Realität in der Christenheit nach der römisch-katholischen Kirche sind. Man muss also von einer Pentekostalisierung des Christentums reden oder vielleicht sogar von einer vierten Form des christlichen Lebens: einer katholischen, einer orthodoxen, einer protestantischen und einer pentekostalischen Form."

Kardinal Prof. Dr. Kurt Koch (26. September 2014, Ein Papst, der Türen und Herzen öffnet, www.die-tagespost.de)"

 


"Während die traditionellen Kirchen Mitglieder verlieren, sind die sogenannten Evangelikalen im Aufwind. Dahinter verbirgt sich ein breites Spektrum verschiedenster Glaubensgemeinschaften wie Pfingstgemeinden, Freikirchen, Gemeinschaften der charismatischen Bewegung oder Gemeinden evangelischer Landeskirchen."

Mareike Fuchs und Sinje Stadtlich (4. August 2014, NDR-Reporterinnen, Die Story im Ersten - Mission unter falscher Flagge. Radikale Christen in Deutschland)

"Trendforscher sehen in den "Bibeltreuen" sogar die Zukunft der Kirche; es spricht einiges dafür, dass innerhalb der protestantischen Christenheit in Deutschland jeden Sonntag mehr evangelikale als nichtevangelikale Christen an Gottesdiensten teilnehmen."

Gernot Facius (20. Februar 2008, Die "Frommen" sind auf dem Vormarsch, DIE WELT)

"Wir haben Mega-Kirchen auf dem Papier ... da ist ein Missverhältnis entstanden von Größe einerseits und Wenigen, die partizipieren und da sehe ich die große Gefahr, dass Fundamentalisten die Möglichkeit haben, gerade da einzubrechen."

Prof. Dr. Erich Geldbach (7. Oktober 2007, Theologe, Hardliner Gottes - die Diskussion. Diskussion mit Meinhard Schmidt - Degenhard über christliche Fundamentalisten in Deutschland. Hessischer Rundfunk, Sonntag, 7. Oktober 2007, 10:00 Uhr, HR Horizonte)

 

 

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Kirchentag

Deutscher Evangelischer Kirchentag 2011

Kirchentag: Kirche überfüllt“ von Onkel Erika ist lizenziert unter CC BY-NC-SA 2.0.

"Ein Wissenschaftler reist aus einem fernen Land nach Deutschland, um den religiösen Stamm der Evangelikalen zu erforschen. Gleich zu Anfang muss er feststellen, dass der Stamm kein geschlossenes Siedlungsgebiet hat, sondern dass in Deutschland Dutzende von religiösen und unreligiösen Stämmen durcheinander wohnen. Die evangelikalen Clans siedeln zwar vorwiegend im Süden und Westen des Landes, aber auch im Osten gibt es einige Reservate. …

Ihre Religion spielt für die Clans eine große Rolle, die meisten besuchen regelmäßig die religiösen Zeremonien. Die Priester zitieren dabei ständig aus einem Heiligen Buch, auch die übrigen Stammesangehörigen haben das Buch dabei. Sie blättern während der Zeremonie darin; warum sie das tun, ist unklar. Vielleicht misstrauen sie ihren Priestern und prüfen nach, ob diese das Heilige Buch richtig zitieren. 

Viele Evangelikale suchen andere Stämme auf, um ihnen von ihrer Religion zu erzählen. Das stört diese meist nicht weiter, aber manchmal gibt es deswegen Ärger. Evangelikale lieben Musik, es wird ständig gesungen und musiziert. Einen einheitlichen Musikstil kann der Wissenschaftler aber nicht finden; jeder Clan scheint andere Vorlieben zu haben. …

So weit läuft das Forschungsprogramm gut, aber dann stößt der Wissenschaftler auf verwirrende Widersprüche. Einige evangelikale Clans sind friedlich und bei anderen Stämmen angesehen, andere liegen ihrer Religion wegen mit der Umwelt im Streit. Die friedlichen Clans sind größer und stabiler als die streitsüchtigen, Letztere spalten sich häufig. Einige Clans haben bedeutende Wissenschaftler in ihren Reihen, andere bekämpfen die Wissenschaft. 

Viele Clans sind diskussionsfreudig und die Mitglieder vertreten in Glaubensfragen verschiedene Meinungen. Die Häuptlinge haben bei ihnen nur eine begrenzte Autorität. Bei anderen Clans haben die Häuptlinge viel Macht und die Meinungen sind auffällig gleichartig. Einige Clans geraten während ihrer religiösen Zeremonien in Ekstase, pflegen die Zungenrede und manche fallen in eine rituelle Ohnmacht. Andere Clans lehnen ekstatische Zustände scharf ab und bestehen auf gesammeltem Ernst während der Zeremonie. …

Wie soll man diese vielen Widersprüche als Wissenschaftler erklären? Noch verwirrender für den Forscher ist der Umgang mit dem Heiligen Buch. … Viele Clans sagen, dass die Welt vor 6000 Jahren entstanden sei, so stünde es im Heiligen Buch. Viele andere bestreiten, dass so etwas in dem Buch steht. Der Forscher findet noch viele andere Widersprüche dieser Art. Die einfachste Erklärung dafür ist, dass die Clans verschiedene Heilige Bücher verwenden. Doch das kann der Forscher durch sorgfältige Vergleiche widerlegen, alle Heiligen Bücher stimmen bis auf sprachliche Details miteinander überein.

Er fragt sich, wie unter diesen Umständen die Einheit des Stamms aufrechterhalten wird, trotz der gegensätzlichen Sitten und Gebräuche?"

Dr. Hansjörg Hemminger (29. August 2016, bis 2013 Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Evangelikal: von Gotteskindern und Rechthabern, Brunnen Verlag Gießen)
 

"Welche Geschichten werden über Evangelikale erzählt?

•  Die Gefährlichen: Evangelikale sind frauenfeindlich und homophob. Weil sie den Pluralismus der modernen Welt nicht ertragen können, ziehen sie sich in eine Parallelwelt zurück, in der sie ihre Kinder indoktrinieren. Sie fallen leicht auf Verführer und Demagogen herein und stellen daher eine Gefahr für die Demokratie dar.

•  Die Intensiv Evangelischen: Evangelikale sind die wahren Jesusnachfolger. Sie lieben Jesus und vertrauen der Bibel; und darum werden sie in der Welt verachtet und verfolgt. Sie gehen den Weg konsequenter Nachfolge, ohne Kompromisse mit dem Zeitgeist.

•  Die Ewiggestrigen: Evangelikale nehmen die Bibel wörtlich. Sie lehnen die Evolutionslehre und die modernen Bibel Wissenschaften ab. Sie verweigern sich den modernen Wissenschaften und verachten die moderne Kultur. Böse sind sie nicht, eher herzensgut, aber naiv.

•  Die Exoten: Evangelikalismus ist die Religion der der sozialen Aufsteiger. Evangelikale erleben Zeichen und Wunder. Ihr Glaube ist radikal - und darum hat er die Kraft, das Leben von Menschen zu verändern. Der Evangelikalismus ist ein Laboratorium religiöser Entdeckungen und Erfahrungen. …

Wer sich vor Evangelikalen gruseln möchte, wird Belege finden. Ebenso wie diejenigen, die sie bewundern oder verachten wollen. Es wäre eine Illusion, zeigen zu wollen, wie Evangelikale wirklich sind … Evangelikalismus ist bunt. Sehr bunt."

Prof. Dr. Thorsten Dietz (7. April 2022, Ev. Theologe, bis 2022 Professor für Systematische Theologie an der Ev. Hochschule Tabor, Privatdozent Universität Marburg, Fokus Theologie Reformierten Kirche Kanton Zürich/Schweiz, Worthaus Referent, Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt, SCM R.Brockhaus; 1. Edition 2022, S. 7 ff.)
 

Angela-Merkel-Kirchentag

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel, Deutscher Evangelischer Kirchentag Stuttgart (2015)

"Deutscher Evangelischer Kirchentag in Stuttgart" by RegierungBW is licensed under CC BY-NC-ND 2.0.

 

 

"Bundeskanzlerin Angela Merkel fürchtet nicht den Islam, sondern ein zunehmendes Nachlassen des christlichen Glaubens in Deutschland. Das sagte die Kanzlerin in einem Gespräch mit Vertretern der Deutschen Evangelischen Allianz ...

Zu der Frage des Selbstverständnisses der Evangelikalen sagte Merkel, dass sie die Evangelikalen in Deutschland als besonders „intensiv evangelische Christen“ wahrnehme."

Christliches Medienmagazin pro (27.10.2010, Merkel: Evangelikale sind "intensiv evangelische Christen", www.pro-medienmagazin.de)

"Darf ich zuerst sagen, dass ich mit diesen "Pauschalisierungen" - auf der einen Seite "DIE verfasste Kirche" auf der anderen Seite "DIE Evangelikalen" nur wenig anfangen kann? Ich glaube, das Bild ist auf beiden Seiten viel, viel differenzierter. Die Landeskirchen sind genauso wenig wie die Menschen, die der Allianz nahestehen, monolithische Blöcke. …


Wie sehr wir uns gegenseitig brauchen, werden wir zukünftig noch merken."

Präses Dr. Michael Diener (19. Januar 2012, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz DEA, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, 2005 - 2009 Dekan d. Protestantischen Dekanat Pirmasens - Evangelische Kirche der Pfalz, Landeskirchen und Evangelikale kann man nicht trennen, www.evangelisch.de)


 

"Die Spannungen zwischen Landeskirchen und Evangelikalen sind heute eher zu vernachlässigen, wenn so gar nicht mehr vorhanden.

Dies liegt zum einen daran, dass sich verschiedene Gemeinden innerhalb der Evangelischen Allianz aus der landeskirchlichen Gemeinschaft zurückgezogen haben, d.h. die Mitglieder sind nicht selten samt Prediger aus der Landeskirche ausgetreten."

Bischof Prof. Dr. Friedrich Weber (7. März 2009, Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche in Braunschweig, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland (ACK), Die Herausforderung konfessionsüberschreitender christlicher Strömungen. Vortrag zur Tagung „30 Jahre ACK Sachsen-Anhalt“ am 7. März 2009 in Magdeburg)

 

"Zwar kommt es auch ... zu massiven Konflikten zwischen liberalen und evangelikalen Christen innerhalb der Kirchgemeinden. Die meisten konservativen Christen indes sind in den von der Landeskirche unabhängigen Freikirchen «ausgelagert». Fundament des Fundamentalismus ist dort nicht die Institution Kirche, sondern eben die Heilige Schrift."

Michael Meier (Juli 2005, Schweizer Journalist, Mit aggressiver Kulturkritik gegen die gottlose Welt, Tages-Anzeiger v. 13.07.2005)

 


"Der Streit um die Bibel ist ein Streit um Jesus.

Die Konservativen halten dabei an der Jungfrauengeburt, am Opfertod, an Auferstehung und Wiederkunft Jesu Christi fest. Für Menschen mit einem schlichten Glauben sind die Deutungen dieser „Heilstatsachen", wie sie die historisch-kritische und existential-interpretierende Theologie versucht, schwer verständlich.

Für sie meint die Bibel, was sie sagt. Das wird zwar den schlicht Gläubigen nur zu oft von Ungläubigen bestritten. Daran gewöhnen sich die Kirchentreuen. Sie nehmen von dieser Seite Kritik als eine natürliche Erscheinung hin. 

Wenn aber der auf „Heilstatsachen" gründende Glaube auch von Theologen in Frage gestellt wird, weiß man nicht mehr, woran man ist.

Das kritische Rückfragen nach dem "Eigentlichen" der biblischen Botschaft wird nicht verstanden, schon weil ein abstrahierender Denkprozess nicht nachvollziehbar ist. Sie haben davor Angst und wehren sich darum heftig gegen alles, was sie in ihrem bisherigen Christenleben unsicher macht. ...


Es ist verwunderlich, dass man sich bisher die Unvermeidbarkeit des Konflikts zwischen der herrschenden Theologie und der Gemeindefrömmigkeit kaum klargemacht hat."

Pfarrer Dr. Reinhold Lindner (1971, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Information Nr. 45 Stuttgart III/1971, Streit in der Kirche, Seite 4+5)
 

Dr. Michael Diener, GemeindeFerienFestival SPRING (10. April 2012)

"SPRING 2012 - Tag 6 - 4507-2.jpg" by GemeindeFerienFestival SPRING licensed CC BY-SA 2.0.

 


Dr. Michael Diener "Unsere Gesellschaft ist im Umbruch und die christlichen Kirchen auch. Total. Wir erleben Veränderungen, die so einschneidend und markant sind wie vielleicht seit der Aufklärung und dem Beginn der Industrialisierung nicht mehr. …

Die evangelikale Bewegung steht an einem Scheideweg, auch in unserem Land, und wer möchte, dass das Gute dieses Glaubensprofils in unserer Zeit und Gesellschaft fruchtbar wird, sollte mit dazu beitragen, dass Sackgassen vermieden und neue Wege gesucht werden. …

Ich bin überzeugt davon, dass die pietistische und evangelikale Bewegung nur dann aus diesen heutigen Sackgassen herauskommt, wenn sich hermeneutisch, im Ansatz des Bibelverständnisses, etwas ändert und deshalb glaubwürdige Pluralität gerade auch in ethischen und gesellschaftspolitischen Fragen einkehrt. ...

Es ist religionssoziologisch belegt, dass es in jeder Religion und Glaubensrichtung fundamentalistische und bekenntniskonservative Gruppierungen gibt – das wird sich nie ändern. …
Sie stehen weder für den Pietismus noch für die evangelikale Welt und dürfen gern alle anders Geprägten als „abgefallen“ oder „irrend“ bezeichnen – das ändert nichts an der durchschaubaren Begrenztheit ihres Anliegens und ihres Ansatzes. …

Es könnte sein, dass die ehemalige Präsidentschaftskandidatin Sarah Palin in einer Sache recht hatte. Sie sagte gern, dass man ein Schwein mit Lippenstift schminken kann, doch es bleibt immer noch ein Schwein. Vielleicht war der Evangelikalismus – in seinem Kern, seinem unveränderlichen Kraftzentrum – nie mehr als Fundamentalismus mit geschminkten Lippen. ...

Die pietistische und evangelikale Bewegung wird, um ihres Fundamentes und ihres Auftrages willen, in dieser Zeit neu zeigen müssen, dass sie nicht nur „geschminkter Fundamentalismus“ ist. …

Aus meiner Sicht und vielfältigen Erfahrung sind biblizistische und fundamentalistische Ansätze als hermeneutische Modelle ungeeignet zu einer sachgemäßen und ebenso zeitgemäßen Auslegung der Heiligen Schrift. … 


Biblizismus und Fundamentalismus müssen natürlich skeptisch sein, was die Rolle der Kultur und Zeit angeht, denn durch das biblische Wort ist vermeintlich ja alles Wesentliche – für jede Zeit – gesagt. 

Das ist aus meiner Sicht auch der tiefere Grund, warum „Modernitätsschübe“ sich im pietistischen und evangelikalen Raum immer nur mit Verzögerung und unter großem Wehklagen durchsetzen. … 

Ich möchte nicht mehr verantwortlich sein für Bewegungen, in denen eine von einigen vertretene fundamentalistische oder biblizistische Lesart der Heiligen Schrift oder eine geringe Gewichtung der Bedeutung kultureller Entwicklungen für ethische Entscheidungen zu den immer gleichen Diskussionen führt.

Und bei denen jedes Mal Menschen auf der Strecke bleiben. Das kann ich nicht mehr, das will ich nicht mehr. Da bin ich wortwörtlich herausgewachsen. Nicht über all das Gute in diesem Glaubensprofil an sich, aber über eine bestimmte Art und Weise, die Bibel zu lesen und deshalb die Welt so völlig anders zu betrachten, als ich das heute tue.

Ich schildere diese inneren Entwicklungen, die ich bisher nur ansatzweise öffentlich gemacht habe, deshalb in diesem Kapitel, weil es Ihr schwulen und lesbischen Menschen wart, die Ihr mit Eurer schonungslosen Offenheit, Eurer Geduld mit mir, Euren Gebeten diesen Weg für mich eröffnet habt. 
Und so fand ich einen Weg – ganz klar, weil ich ihn gesucht habe. Ich WOLLTE meine ablehnende Haltung gegenüber queeren Menschen aufgeben, weil ich felsenfest davon überzeugt war und bin, dass Gott das Elend, das Leid, die Not, die „wir Frommen“ diesen Menschen zugefügt haben, nicht will. ….

Es geht nicht um mich und es ist wahrlich kein Ruhmesblatt, dass ich so lange für diese Entwicklung gebraucht habe. Es geht um LSBTIQ-Menschen und um ihre Situation in der pietistischen und evangelikalen Bewegung. 
Ja, die meisten haben längst mit dem Herzen und den Füßen abgestimmt und sind nun in anderen Gemeinden und Kirchen beheimatet. Aber es gibt immer noch auch mir bekannte, etwa homosexuelle Ehren- und Hauptamtliche in der Gemeinschaftsbewegung, die weiterhin aushalten, trotz manchmal schwierigster diskriminierender Erfahrungen. … Bis sich das in allen Gemeinden, Verbänden, Werken durchsetzt, wird noch Zeit vergehen. …

Es wird die Aufgabe der nachfolgenden Generationen sein, die ich hiermit besonders und direkt anspreche, diesen Weg der Öffnung weiter voranzutreiben. Für viele kommt das zu spät, auch für viele queere Menschen in der pietistischen und evangelikalen Bewegung, aber wenn man die heftigen Kämpfe in anderen Glaubensgemeinschaften wie der anglikanischen, der katholischen, der methodistischen Kirche sieht, weiß man, wie heiß umstritten derlei Fragen immer noch sind." 

Dr. Michael Diener (3. September 2021, Ev. Theologe, Mitglied im Rat der EKD, Dekan protestantischer Kirchenbezirk Germersheim, 2009-2020 Präses Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, 2012-2016 Vorsitzender Deutsche Evangelischen Allianz, Raus aus der Sackgasse! Wie die pietistische und evangelikale Bewegung neu an Glaubwürdigkeit gewinnt, adeo Verlag 2021)​

Dr. Kerstin Söderblom (2017)

"Kerstin Söderblom ist Unipfarrerin und in der evangelischen Kirche ein Star." (taz.de | 9.06.24)

Bild: Gustav Kuhweide, FOTO-KUHWEIDE.DE, lic.CC BY-SA 3.0 de, commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=70780080

 

 

 

"Der "Lackmustest" für christlichen Fundamentalismus ist laut Söderblom die Weise, wie Christinnen oder Christen mit nichtnormativer Sexualität umgehen."

Pfarrer Frank Muchlinsky (26.05.2017, Wir sind die Frommen! Strategien gegen religiösen Fundamentalismus, Kirchentag 2017, evangelisch.de)

"Ich bin davon überzeugt, dass der Umgang mit queeren Menschen und anderen Personen aus Minderheitengruppen ein Lackmustest ist für die Frage, wie Kirchen und Religionsgemeinschaften mit Menschen umgehen, die aus welchen Gründen auch immer anders sind, und ob gleichberechtigte Teilhabe von ganz unterschiedlichen Menschen in kirchlichen Kontexten gelingt."

Dr. Kerstin Söderblom (29.1.2024, Hochschulpfarrerin Unikirche Mainz, Queersensible Seelsorge, Konvent Evangelischer Theologinnen in Selbitz am 29.1.2024, S.12)

Homosexualität

 

"katholisch.de-Interview: Lässt sich aus der Bibel eine Abwertung von Homosexualität herauslesen?​

Dr. Ilse Müllner: Nein, aus der Bibel lässt sich überhaupt nicht ableiten, wie man sich heute als Christ oder als Christin mit Blick auf das Thema Homosexualität positionieren muss. Erstens, weil die Bibel nichts über Homosexualität, wie wir sie heute verstehen, aussagt. 

Und zweitens, weil die sexuellen Akte, die darin beschrieben werden, immer in ihrem jeweiligen kulturellen und sozio-historischen Kontext betrachtet werden müssen. Die Vorstellungen von einer homosexuellen Partnerschaft gab es damals noch nicht. Davon spricht man erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts. …

Man kann diese Stellen nicht gegen Homosexualität, wie sie heute verstanden wird, heranziehen, denn es geht darin nicht um eine auf Dauer angelegte Liebesbeziehung von Menschen gleichen Geschlechts. …

In der Antike ist ein sexueller Akt zwischen Männern durch ein Machtverhältnis definiert. Es geht nicht um eine Partnerschaft auf Augenhöhe, sondern darum, auszusagen, wer mächtig und reich ist und wer den anderen sexuell wie einen Sklaven beherrscht. Es wird hier vom erwachsenen Mann und dem Knaben gesprochen, vom Überlegenen und dem Unterlegenen. Sexualität kann auch zur Kriegswaffe werden, auch etwas, was wir bis in die heutige Zeit hinein kennen.

Gegen diese antike Praxis einer machtförmigen Sexualität zwischen Männern hat sich Paulus in seinem Brief an die Römer gewandt. Daher verurteilt er den Geschlechtsverkehr von Männern mit Männern als "gegen die Natur".

Was man aus der Beschäftigung mit biblischen Texten lernen kann, ist, dass es nicht um die Beurteilung einzelner sexueller Akte geht, sondern dass Sexualität immer in Beziehung und im Kontext von Gemeinschaften gelebt wird, also soziale Funktionen hat. …  Ich finde es alarmierend, wenn einzelne biblische Sätze aus einem komplexen System herausgerissen und in der Sexualethik angewandt werden. …
Die Aufgabe einer christlichen Kirche und ihrer Theologie ist immer, ins Gespräch mit den Texten der Bibel zu gehen und das in Sensibilität für die jeweils gegenwärtige gesellschaftliche Situation zu tun. … Wir müssen Abschied nehmen davon, einzelne sexuelle Akte zu be- und verurteilen. …

Ich versuche nur deutlich zu machen, dass man biblische Texte in ihrem Kontext verstehen muss und dass der antike Kontext ein anderer ist als der heutige. So müssen wir die Bibel lesen und nicht anders. … 
Einzelne Sätze aus ihrem Zusammenhang zu reißen und als unmittelbare Handlungsanweisung zu benutzen, geht einfach gar nicht."

Prof. Dr. Ilse Müllner (16.10.2018, Biblische Theologie / Altes Testament am Institut für Katholische Theologie der Universität Kassel, An keiner Stelle verurteilt die Bibel Homosexualität! katholisch.de/artikel/19245-an-keiner-stelle-verurteilt-die-bibel-homosexualitaet, Abgerufen am 20.05.2024)

"Für eine queersensible Seelsorge ist es nicht notwendig, alle Bibelverse zu kennen, die Homosexualität negativ beurteilen. Wichtig ist es aber, deutlich zu machen, dass diese Texte über zweitausend Jahre alt sind und in einer völlig anderen Zeit und in nicht vergleichbaren kulturellen und religiösen Kontexten entstanden sind. Sie lassen sich daher nicht wörtlich als moralische Orientierung und Handlungsanweisung für das 21. Jahrhundert nutzen.

 

Hilfreich ist es dennoch gerade in bibeltreuen Milieus, die sogenannten »Clobber Passages« (englisch für »Knüppelpassagen« oder »Totschlagtexte«) zu kennen. ... Dazu gehören: Genesis 19,1–13; Levitikus 18,22; Levitikus 20,13; Römer 1,18–32; 1. Korinther 6,9 f.; 1. Timotheus 1,9–10.

Die Verse werden wörtlich aus der Bibel zitiert, ohne in den historischen, kulturellen und sozialpolitischen Kontext der Entstehungszeit eingeordnet zu werden. Die wenigen Verse werden auf diese Weise unkritisch missbraucht, um die eigene abwertende Haltung gegenüber Homosexualität biblisch zu belegen und als unantastbares Gottesurteil zu markieren. Dadurch soll sie vor Gegenargumenten geschützt werden.

 

Problematisch ist, dass wissenschaftliche Ansprüche einer hermeneutisch reflektierten Bibellektüre dabei wider besseres Wissen unterlaufen oder ganz ignoriert werden. Moralische Verurteilung geschieht durch die wörtliche Zitierung von Einzelversen, die aus dem Zusammenhang gerissen werden. Dadurch werden Sätze wie »Aber in der Bibel steht doch …«, »G:tt verabscheut Homosexualität!« und »Das ist sündig und nicht gottgewollt!« zu brutalen Waffen gegen Menschen, die sich dagegen kaum wehren können und wogegen scheinbar nichts gesagt werden darf.

»G:tt verdammt Homosexualität!« Wie praktisch, dass Menschen, die das schreiben und sagen, G:tt so gut kennen, dass sie solche Sätze wie eine religiös geladene Waffe nutzen, mit denen sie Menschen ins Herz treffen können. Denn es steht doch so in der Bibel, oder?

 

Dagegen steht die historisch-kritische Bibelhermeneutik, die unter Bibelwissenschaftler:innen schon seit über hundert Jahren anerkannt ist und bis heute praktiziert wird. Es geht um die zeitliche, geografische, kulturelle, religiöse und sprachliche Kontextualisierung biblischer Verse und ganzer biblischer Bücher. ...

 

Dennoch haben die »Clobber Passages« nach wie vor inhaltlich und moralisch in vielen christlichen Gruppen und Gemeinden eine enorm hohe Autorität und eine konkrete Auswirkung auf individuelle und kollektive Haltungen und Positionen. Insofern ist es für eine queersensible Seelsorge bedeutsam, eine gründliche theologische Klärung der bekannten Textstellen anzubieten.

Wer nur auf den alle gleich liebenden G:tt verweist, missachtet die religiöse Not, die viele Seelsorgesuchende gerade im Hinblick auf die biblischen Aussagen mit sich herumtragen. Diese müssen ernst genommen und substanziell entkräftet werden."


Dr. Kerstin Söderblom (29.1.2024, Hochschulpfarrerin Unikirche Mainz, Queersensible Seelsorge, Konvent Evangelischer Theologinnen in Selbitz am 29.1.2024)

Stuttgarter Erklärungsbibel 2023 | Deutsche Bibelgesellschaft

shop.die-bibel.de/BIBELDIGITAL.-Stuttgarter-Erklaerungsbibel.-Download-Modul/2785

"25 Sie haben Gottes Wahrheit in Lüge verkehrt und das Geschöpf verehrt und ihm gedient statt dem Schöpfer, der gelobt ist in Ewigkeit. Amen. 

26 Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn bei ihnen haben Frauen den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen; 

27 desgleichen haben auch die Männer den natürlichen Verkehr mit der Frau verlassen und sind in Begierde zueinander entbrannt und haben Männer mit Männern Schande über sich gebracht und den Lohn für ihre Verirrung, wie es ja sein musste, an sich selbst empfangen."

Römer 1,25-27 (Lutherbibel 2017 | LUT | Herausgeber: Deutsche Bibelgesellschaft)

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"Röm 1,24-32: V. 24-32 beschreibt die göttl. Reaktion auf dieses Fehlverhalten, die schon jetzt sichtbar ist. Untergliedert durch ein dreifaches hat Gott sie dahingegeben (V. 24.26.28) schildert Paulus, wie Gott den Menschen an sich selbst ausliefert, weil er – statt Gott zu lieben – um sich selbst kreist. In dieser Selbstbezogenheit vollzieht der Mensch selbst (V. 24.27) die Strafe für seine Ungerechtigkeit.

Auch ungezügelte sexuelle Begierden und Praktiken (V. 26-27) sind nicht Grund, sondern Gestalt des Strafens Gottes. Die Bezeichnung heterosexueller geschlechtlicher Liebe als natürlicher Verkehr entspricht den damals geltenden kulturellen Normen.

Für die heutige Bewertung von gleichgeschlechtlicher Sexualität kann der Text nicht pauschal herangezogen werden, weil er nur nach Praktiken, nicht aber nach homosexueller Identität fragt. Diese Frage ließe sich mit Paulus von Gal 3,28 her bedenken.

Der dritte Abschnitt zählt weitere Formen menschl. Fehlverhaltens in einem sog. Lasterkatalog auf (V. 29-31; vgl. 13,13; 1. Kor 5,11; 6,9-10; Gal 5,19-21). Auch dieser nennt nicht den Grund, sondern die Auswirkungen des Gerichts:

Das geschieht, wenn und weil Gott die Menschen ihrer Selbstbezogenheit überlässt. So fasst V. 32 zusammen, dass sie trotz ihres Wissens um Gottes Wahrheit (vgl. V. 18-20) an dieser Verirrung festhalten."


Stuttgarter Erklärungsbibel 2023/07 (18. September 2023, Deutsche Bibelgesellschaft; Neuausgabe 2023)

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20 "Du sollst auch nicht bei der Frau deines Nächsten liegen, dass du an ihr nicht unrein wirst.
21 Du sollst auch nicht eins deiner Kinder geben, dass es dem Moloch geweiht werde, damit du nicht entheiligst den Namen deines Gottes; ich bin der HERR.
22 Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel."


3. Mose 18,20-22 (Lutherbibel 2017 | LUT | Herausgeber: Deutsche Bibelgesellschaft)


"3. Mose 18,19-21: In V. 20 wird der Ehebruch und in V. 21 die Weihe von Kindern für einen heidnischen Kult (->Moloch) verboten.
3. Mose 18,22-23: Im Alten Orient wurde gleichgeschlechtliche Sexualität unterschiedlich beurteilt, in manchen Kulturen galt sie als normale Form der Sexualität. Von solchen Praktiken anderer Völker soll sich Israel als Gottesvolk abgrenzen."

Stuttgarter Erklärungsbibel 2023/07 (18. September 2023, Deutsche Bibelgesellschaft; Neuausgabe September 2023)

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​PD Dr. theol. Guido Baltes​​​ (Februar 2023)

"Für Jesus und Paulus war die Frage der Gestaltung von Sexualität übrigens keine Nebensache, auch wenn es manchmal so zu lesen ist. …

Wer sich stattdessen die Mühe macht, die jüdische Welt von Jesus und Paulus besser kennenzulernen, der entdeckt, dass sich beide in diesen Fragen einig waren mit den meisten ihrer jüdischen Zeitgenossen. Und dass sie deshalb nicht viel dazu sagen mussten. Ein Thema, über das man nicht viel reden muss, ist entweder eine Nebensache oder eine Selbstverständlichkeit.

In dieser Frage gilt aber mit Sicherheit das Zweite: Das wird dort deutlich, wo Jesus und Paulus die wichtigsten Grundregeln eines gottgemäßen Lebensstils in kurzen Listen zusammenfassen.

 

In solchen Aufzählungen nennen sie stets das griechische Wort porneia (hebr. zenuth). Dieses Wort schließt nach jüdischem Verständnis alle sexuellen Beziehungen außerhalb der Ehe ein. Mehr Worte musste man deshalb in der jüdischen Welt gar nicht verschwenden, um eindeutig Position zu beziehen.

Diese Eindeutigkeit ist für viele Christen heute irritierend. Selbst solche, die sich in anderen Fragen radikal am Lebensstil Jesu orientieren, versuchen dem jüdischen Jesus an dieser Stelle auszuweichen: Er war eben ein Kind seiner Zeit und deshalb etwas engstirnig. Würde er heute leben, würde er das bestimmt anders sehen.

Aber ich glaube, auch das ist eines von vielen Missverständnissen: Jesus und seine jüdischen Zeitgenossen dachten in dieser Frage nicht nur deshalb so anders als wir, weil sie in einer anderen Zeit und in einer prüderen Welt lebten. Im Gegenteil: Die jüdische Ethik war schon damals ein ganz bewusster Gegenentwurf zu dem, was allgemein üblich war."


PD Dr. theol. Guido Baltes (1. September 2013, Privatdozent Neues Testament Philipps-Universität Marburg, Dozent für Neues Testament MBS Bibelseminar Marburg, Evangelische Hochschule Tabor, Jesus, der Jude, und die Missverständnisse der Christen. Francke-Buch; 1., Edition 2013, S. 38ff.)

"Der Begriff der Unzucht (griechisch porneia) ist im Tanach vor allem durch 3. Mose 18 und 20 geprägt, sowie durch das sechste/siebente der Zehn Gebote („Du sollst nicht ehebrechen“). Im 3 Mose 18 geht es um Geschlechtsverkehr unter Verwandten (Inzest) (Lev 18,6 -18 ELB), Geschlechtsverkehr während der Menstruation (Lev 18,19 ELB), Geschlechtsverkehr unter Männern (homosexuelle Handlungen) (Lev 18,22 ELB) und Geschlechtsverkehr mit Tieren (Zoophilie) (Lev 18,23 ELB)."

de.wikipedia.org/wiki/Unzucht (Abgerufen am 20.05.2024)

"Porneia bezeichnet im Neuen Testament alle sexuellen Betätigungen außerhalb der Ehe des einen Mannes mit seiner Frau, also auch Ehebruch, Prostitution und homophile Beziehungen. Diese Definition bestätigen alle einschlägigen biblischen Wörterbücher und Kommentare."

 

Karl-Heinz Vanheiden (Physiker, Bibelübersetzer NeÜ, Mitglied im Ständigen Ausschuss des Bibelbundes, derbibelvertrauen.de/lexikon/bibel/porneia.html, Abgerufen am 20.05.2024)

"Wer homosexuellen Geschlechtsverkehr - unter bestimmten Bedingungen - befürworten will, muss dies im Widerspruch zu den Aussagen der Heiligen Schrift tun."

​Prof. Dr. Armin Daniel Baum (20. Februar 2017, Leiter Abteilung Neues Testament, Prorektor Forschung | Freie Theologische Hochschule Gießen (FTH), Muss die traditionelle Deutung der biblischen Sexualethik revidiert werden? in: Homosexualität: Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven, Andrew Goddard (Hg.), Don Horrocks (Hg.), Brunnen; 3. Edition 2017, S. 151)

"Wer will denn hier Bibelstellen zitieren? Hört doch auf mit der Bibel konservative Irrtümer in eine moderne Gesellschaft zu setzen. Das hat keinen Wert. Wenn ihr in euren konservativen Gruppen glücklich seid - Gott segne euch und mache euch selig. Aber lasst den Rest der Christenheit in Ruhe."

Prof. Dr. Siegfried Zimmer (31. Juli 2015, Ev. Theologe, Worthaus Referent, Christliche Sexualethik – Der Unterschied in den Paarbeziehungen zwischen antiken und modernen Gesellschaften | 5.8.1, Worthaus@Freakstock 2015 – Allstedt: 31. Juli 2015, worthaus.org/mediathek/christliche-sexualethik-der-unterschied-in-den-paarbeziehungen-zwischen-antiken-und-modernen-gesellschaften-5-8-1/, 1:06:30 bis 1:06:52, Abgerufen am 28.05.2024)

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"Nirgends ist so auffällig wie in Fragen der Sexualmoral, dass ein fundamentalistisches Bibelverständnis an der realen Bibel vorbeigeht. ...

Das bedeutet nicht, dass Sexualmoral für Christen kein Thema ist. Es bedeutet, dass sie sich nach bestem Wissen und Gewissen aus der Nachfolge Jesu ergibt und dass sie ... nicht im Mittelpunkt dessen steht, was Nachfolge bedeutet. ... 

Die Fähigkeit, an den eigenen, universalen Wahrheiten festzuhalten und gleichzeitig politische oder moralische Geltungsansprüche angemessen zu beschränken, ist das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zwischen Fundamentalisten und Nicht-Fundamentalisten. …​

Um den Punkt ganz klarzumachen: Universale Wahrheiten festzuhalten ist nicht fundamentalistisch, sondern einfach religiös … Allen Menschen die eigene Lebensweise aufzwingen zu wollen, ist nicht religiös, sondern fundamentalistisch, egal, was unsere protestantischen Fundamentalisten darüber denken mögen. ...

Die Kirchenleitungen und die Funktionärsebenen werden als politisch und gesellschaftlich einseitig liberal bis libertär wahrgenommen ... dass konservative politische und moralische Positionen nicht mit kirchlicher Autorität unterstützt werden. ... Der „progressive“ oder liberale Flügel der evangelischen Kirche beteiligt sich völlig kritiklos an der Ausgrenzung von „Homophoben“. 

Viele Evangelikale reagieren ebenso unkritisch, indem sie den Satz „Homosexualität ist Sünde“ zu einem Prüfstein für den richtigen Glauben machen. In der Kampagne gegen den Allianz-Vorsitzenden Michael Diener war seine abwägende Haltung gegenüber Homosexualität der wichtigste Grund, ihm mangelnde „Bibeltreue“ vorzuwerfen. ...

Es gibt sicherlich eine Nähe zwischen vielen Evangelikalen und Rechtspopulisten bei bestimmten politischen Themen, unter anderem bei der Ablehnung der sogenannten Gender-Ideologie und der rechtlichen Gleichstellung von homosexuellen Partnerschaften.

Diese thematische Nähe führt aber meist (nach meiner Ansicht bei der Mehrheit) nicht zu einer politischen Nähe zur AfD ... Zum Beispiel sind die meisten Evangelikalen nicht bereit, die Flüchtlings- und Asylpolitik der AfD zu unterstützen. Rassismus wie in der AfD gibt es bei ihnen kaum.

Wenn es überhaupt eine politische Nähe der evangelikalen Mehrheit zu einem politischen Lager gibt, dann ist es die gute alte CDU/CSU. Nur der fundamentalistische Rand der Bewegung steht auch politisch der AfD nahe." 

Dr. Hansjörg Hemminger (29. August 2016, bis 2013 Beauftragter für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Evangelikal: von Gotteskindern und Rechthabern, Brunnen Verlag Gießen)

Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) | ekd.de

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EKD-Orientierungshilfe "Mit Spannungen leben" (1997) "Die wichtigsten alt- und neutestamentlichen Aussagen zum Thema "Homosexualität" finden sich in Lev 18,22 und 20,13 sowie in Röm 1,26f.; I Kor 6,9-11 und I Tim 1,10. Sie werten homosexuelles Verhalten ausnahmslos negativ als "Greuel", als "schändliche Leidenschaft", als Ungerechtigkeit, die vom Reich Gottes ausschließt, und als Verstoß gegen Gottes Gesetz …


Diesem eindeutigen Befund stehen jedoch zwei Beobachtungen gegenüber:

Im biblischen Gesamtzeugnis ist Homosexualität ein Nebenthema.
In der uns überlieferten Verkündigung Jesu spielt das Thema "Homosexualität" keine Rolle.

Dadurch werden aber die deutlichen Aussagen nicht aufgehoben, denen zufolge homosexuelle Praxis zwischen Männern (Lev 18 und 20; Röm 1,27), zwischen Frauen (Röm 1,26) sowie zwischen Männern und Knaben (I Kor 6,9; I Tim 1,10) dem Willen Gottes widerspricht. …

Verschiedene Auslegungsversuche haben sich als unzutreffend oder unzureichend erwiesen: So ist es nicht zutreffend, daß Homosexualität in der Bibel (und insbesondere im Alten Testament) nur abgelehnt werde, weil sie zum Kult anderer Götter gehört oder sofern Menschen durch spezifische homosexuelle Praktiken gedemütigt werden.

Die These, an keiner Stelle sei in der Bibel von anlagebedingter, vorwillentlicher Homosexualität (ausdrücklich) die Rede, trifft zwar zu, sagt aber nichts darüber aus, ob und inwiefern eine solche Sicht der Homosexualität die jeweiligen biblischen Aussagen modifizieren oder korrigieren würde. ...
Blickt man ... auf die biblischen Aussagen zur Homosexualität zurück, so muß man konstatieren, daß nach diesen Aussagen homosexuelle Praxis dem Willen Gottes widerspricht.

 

Zugleich muß man feststellen, daß die Frage nach einer ethisch verantwortlichen Gestaltung einer homosexuellen Beziehung vom Liebesgebot her an keiner dieser Stellen thematisiert wird. …

Da das Liebesgebot ausnahmslos und umfassend gilt, kann auch homosexuelles Zusammenleben nicht von seiner Geltung ausgenommen werden. Das heißt aber: Der im Liebesgebot ausgesprochene Wille Gottes gilt (auch) für die Gestaltung homosexuellen Zusammenlebens.

Damit ergibt sich eine deutliche Spannung; denn das zuletzt Gesagte hebt nicht auf, daß es keine biblischen Aussagen gibt, die Homosexualität in eine positive Beziehung zum Willen Gottes setzen - im Gegenteil.

Die negativen Aussagen bedeuten aber im Lichte des Evangeliums, d.h. unter der Zusage der Gnade Gottes, keinen definitiven Ausschluß aus der Gottesgemeinschaft und beziehen sich im übrigen nur auf die homosexuelle Praxis als solche, nicht jedoch auf deren ethische Gestaltung.

Betrachtet man sie jedoch in dieser Perspektive, dann muß vom Gesamtzeugnis der Bibel her gesagt werden, daß für die Gestaltung einer homosexuellen (wie jeder anderen zwischenmenschlichen) Beziehung entscheidend ist, ob sie in Liebe zu Gott und Menschen gelebt wird, und d.h. auch: ob sie die Bereitschaft zur Annahme der Lasten einer Beziehung einschließt. ...

Die Spannung zwischen dem biblischen Widerspruch gegen homosexuelle Praxis als solche und der Bejahung ihrer ethischen Gestaltung gemäß dem Willen Gottes verschwindet dadurch nicht, kann aber von daher verstanden und ausgehalten werden."


Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland | EKD (26.02.1996, Mit Spannungen leben: Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zum Thema "Homosexualität und Kirche”, EKD-Texte 57, ekd.de/spannungen_1996_homo.html, abgerufen am 28.06.2024)


"Der Rat der EKD hat 1996 unter dem Titel "Mit Spannungen leben" eine Orientierungshilfe zum Thema "Homosexualität und Kirche" veröffentlicht. Er hält darin am biblischen Widerspruch gegen homosexuelle Praxis als solche fest, setzt sich jedoch vom Liebesgebot her für ihre ethisch verantwortliche Gestaltung ein. …


Es ist ethisch geboten, Verlässlichkeit und Verantwortung im menschlichen Zusammenleben zu stärken. Die Verbesserung der rechtlichen Stellung von gleichgeschlechtlichen Lebenspartnerschaften ist nach Auffassung der EKD dafür ein geeigneter und begrüßenswerter Weg. …

Aus der Sicht der EKD erscheint es ... vertretbar, sich für rechtliche Regelungen einzusetzen, die dem Ziel dienen, gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften als Verantwortungsgemeinschaften zu festigen."

Bevollmächtigter des Rates der EKD (18. September 2000, Bevollmächtigter des Rates der EKD: Stellungnahme zur Verbesserung der Rechtsstellung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften aus Anlass der Anhörung im Rechtsausschuss des Deutschen Bundestages, ekd.de/23557.htm, abgerufen am 28.06.2024)

 

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"In der Orientierungshilfe der EKD "Mit Spannung leben" ... wird nicht mehr der Versuch gemacht, die biblischen Aussage so umzudeuten, dass man eine positive Wertung homosexueller Handlungen daraus ableiten könnte.  ... Das allumfassende Liebesgebot gäbe die Berechtigung zu einer "ethisch verantwortlichen Gestaltung einer homosexuellen Beziehung". ...

Alle, bis auf die württembergische Kirche, haben inzwischen Segnungen oder Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare ermöglicht. (Stand April 2017)"

 

[2019 hat die 15. Landessynode ein Gesetz beschlossen, nach dem in den württembergischen Kirchengemeinden Gottesdienste zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare möglich sind. Vgl.: elk-wue.de/leben/gemeinde/homosexualitaet, Juli 2024]​

Pfarrer Ulrich Parzany (8. November 2017, Theologe, bis 2013 Leiter und Redner von ProChrist e.V., 1984 - 2005 Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland, 1987 - 2005 Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz, 2002 - 2005 Leiter Lausanner Bewegung Deutschland, Was nun, Kirche?: Ein großes Schiff in Gefahr, SCM Hänssler; 3. Edition | 2017)
 

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Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland | EKD (2021) 

Rat EKD 2021“ von Jens Schulze für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist lizenziert unter CC BY-SA 4.0.​​​​

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"Bei der Auslegung des Johannesevangeliums ... spielen erotische Elemente am ehesten im vierten Evangelium eine Rolle. ... Zugleich ist es auffallend, dass nur in diesem Evangelium Effeminierungstendenzen beobachtet werden, und zwar am Lieblingsjünger, der Jesus besonders nahekommt."

Prof. Dr. Peter Wick (15. Mai 2023, Ev. Theologe, seit April 2003 Inhaber des Lehrstuhls für Neues Testament an der Ruhr-Universität Bochum, Worthaus Referent, Das Geheimnis des Evangeliums. Kapitel 8 | Johannes, Brill | Schöningh; 2023. Edition, S. 366 f.)

EKD-Orientierungshilfe "Zwischen Autonomie und Angewiesenheit" (2013) "Deutet man die biblischen Aussagen, in denen Homosexualität als Sünde gekennzeichnet wird (3. Mose 18,22; 20,13; Röm 1,26-27), als zeitlos gültig, kann man zu der Meinung kommen, eine homosexuelle Partnerschaft sei mit einer heterosexuellen keinesfalls vergleichbar. 

Allerdings gibt es auch biblische Texte, die von zärtlichen Beziehungen zwischen Männern sprechen. Fragt man jenseits dieser einzelnen Textstellen nach dem, was menschliche Beziehung in Gottes Schöpfung ausmacht, dann ist zu konstatieren: Der Mensch wird von Anfang an als Wesen beschrieben, das zur Gemeinschaft bestimmt ist (1. Mose 2,18). Durch das biblische Zeugnis hindurch klingt als »Grundton« vor allem der Ruf nach einem verlässlichen, liebevollen und verantwortlichen Miteinander, nach einer Treue, die der Treue Gottes entspricht. 

Liest man die Bibel von dieser Grundüberzeugung her, dann sind gleichgeschlechtliche Partnerschaften, in denen sich Menschen zu einem verbindlichen und verantwortlichen Miteinander verpflichten, auch in theologischer Sicht als gleichwertig anzuerkennen.

Nutzen homosexuelle Menschen heute die rechtliche Möglichkeit der eingetragenen Partnerschaft, dann erklären sie, wie heterosexuelle Menschen bei der Eheschließung, öffentlich ihren Willen, sich dauerhaft aneinander zu binden und füreinander Verantwortung zu tragen. …

Wo sich Menschen in den ihre Beziehungen entscheidenden Lebenssituationen unter den Segen Gottes stellen wollen, sollte sich die Kirche deshalb auch aus theologischen Gründen nicht verweigern, denn »nach reformatorischem Verständnis sind die Aussagen der Bibel zum Zusammenleben der Menschen in ihrer Vielfalt zu beachten und an der Nähe zur Botschaft von der Versöhnung der Welt in Christus und der Rechtfertigung der Menschen bei Gott durch Jesus Christus zu messen«."


Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland | EKD (2013, Zwischen Autonomie und Angewiesenheit: Familie als verlässliche Gemeinschaft stärken | Eine Orientierungshilfe des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, EKD (Hg.), ekd.de/22588.htm, abgerufen im Juli 2024)

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"Wer einen Menschen desselben Geschlechtes liebt und kirchlich heiraten will, stößt je nach Landeskirche auf sehr unterschiedliche Regelungen. Am meisten ist bisher im Rheinland, in Berlin-Brandenburg, Hessen-Nassau, Kurhessen-Waldeck, Baden, in der Reformierten Kirche und in der Nordkirche möglich.

 

Heiratswillige Homosexuelle haben in Deutschland grundsätzlich fast überall die Möglichkeit, sich von einem PfarrAer einen Segen zusprechen zu lassen. In welcher Form das geschieht, wird von den 20 Landeskirchen aber höchst unterschiedlich geregelt. ...

In den meisten Fällen überlassen sie den jeweiligen Pfarrerinnen, Pfarrern und Gemeinden die konkrete Ausgestaltung der Feier."

 

evangelisch.de (02.06.2023, Markus Bechtold, Anne Kampf, Johannes Süßmann, Segnung Homosexueller: Bunt wie ein Regenbogen, Wie gehen die Landeskirchen mit der Trauung und Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften um?, evangelisch.de/inhalte/111225/02-06-2023/segnung-homosexueller-bunt-wie-ein-regenbogen, abgerufen am 28.06.2024)

"Für Christen könnte es eine Definition eines gelungenen Lebensentwurfes sein: mit Dankbarkeit auf die Gaben und Talente zu antworten, die Gott in mich hineingelegt hat. Das ist ganz unabhängig gültig von der sexuellen Orientierung, weil auch diese integraler Bestandteil unserer schöpfungsmäßigen Ausstattung ist. …

Ich muss zugeben, ich fände es recht angenehm, wenn ich jetzt nicht allein, »auf eigene Rechnung«, Schlussfolgerungen daraus ziehen müsste. Mir wäre viel lieber, wenn wir Christen so wie beim Apostelkonzil in der Apostelgeschichte (15,1ff.) eine definitive, unsere Mitchristen entlastende, eindeutige Stellungnahme abgeben könnten. Aber das geht ja schon deshalb nicht, weil wir in so viele Konfessionen gespalten sind. …

So wäre nach allem Gesagten mein Vorschlag für eine Einigung der folgende: Homosexuelle Christen dürfen ebenso wie heterosexuelle Christen eine verbindliche, treue Ehe unter dem Segen Gottes und der Gemeinde eingehen und sind in der Gemeinde in jeder Hinsicht willkommen."

Dr. Martin Grabe (30. Juni 2020, Psychiater u. Psychotherapeut, seit 1998 Chefarzt Klinik Hohe Mark Oberursel, Homosexualität u. christlicher Glaube: ein Beziehungsdrama, Francke-Buch)

Prof. Dr. Thorsten Dietz, Ev. Theologe, Gott, die Kirche und der Regenbogen. Glaube und Homosexualität, Erwachsenenbildung Ev. KK Siegen-Wittgenstein (04.05.2023)

"Die EKD scheint dort angekommen, wohin sich andere gesellschaftliche Akteure schneller und zielstrebiger bewegt haben: Traditionelle Leitbilder gelte es zu überwinden, die Vielfalt der Lebensformen als Ausdruck der befreienden Wirkung des Evangeliums sei anzuerkennen, und zu segnen seien alle Menschen, die sich „in entscheidenden Lebenssituationen unter den Segen Gottes stellen wollen“, wie es die EKD-Orientierungshilfe aus dem Jahr 2013 sagt (Zwischen Autonomie und Verantwortung, 143).

 

Den Segen zu verweigern, sei theologisch nicht zu begründen. ...

 

Die Preisgabe der urchristlichen und über Tausende Jahre zumindest im Grundsatz durchgehaltene Überzeugung, dass die Ehe zwischen einem Mann und einer Frau der einzig legitime Ort ist, für den Gott sexuelle Beziehungen gutheißt, mag im Moment zur Formulierung vorsichtig vermittelnder Neupositionierungen führen; diese werden sich jedoch - siehe die oben skizzierten Entwicklungen in der EKD - binnen weniger Jahre als nicht mehr zu haltende Zwischenetappen auf dem Weg zur vollen Gleichstellung homosexueller Partnerschaften mit der Ehe erweisen. ...

 

Die evangelikale Bewegung (und damit auch die meisten Freikirchen) hat die Diskussion mit einiger Verspätung, dafür aber mit voller Wucht erreicht.  … Die Sehnsucht von Evangelikalen, insbesondere im Umgang mit homosexuell empfindenden Menschen ein neues Kapitel aufzuschlagen, ist nur zu gut verständlich. Das „Sündenregister“ ist lang, Ausgrenzung, Verächtlichmachung und peinliche Witzeleien (um nur einiges zu nennen) waren und sind für betroffene Menschen Realität in evangelikalen Gemeinden, und dafür gilt es Buße zu tun"


Prof. Dr. Christoph Raedel (20. Februar 2017, Systematische Theologie u. Theologiegeschichte | Freie Theologische Hochschule Gießen (FTH), Homosexualität: Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven, Andrew Goddard (Hg.), Don Horrocks (Hg.), Brunnen; 3. Edition 2017)

 

"Wer als evangelischer Christ in Deutschland nach theologischer Orientierung sucht, sollte von den Verlautbarungen der EKD nicht viel erwarten. Denn er muss damit rechnen, nicht evangelisch-reformatorischer Theologie zu begegnen, sondern eher dem Zeitgeist des gegenwärtigen Neuprotestantismus! Dies gilt jedenfalls für das Studium der EKD-Orientierungshilfe „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit“. 

Dies kann nicht überraschen, ist doch die EKD keine „Kirche“ im eigentlichen Sinn, sondern nur ein Dachverband bzw. Verbund selbständiger evangelischer Landeskirchen, die ihre theologisch-bekenntnismäßige Ausrichtung selbst zu verantworten haben. Maßgeblich für die Identität und das Bekenntnis ist letztlich immer die jeweilige Landeskirche, deren Pfarrer durch ihre Ordination auf das Bekenntnis ihrer Kirche verpflichtet werden."


Pfarrer Dr. Werner Neuer (Juli 2024, 2000-2016 Dozent für systematische Theologie | Theologisches Seminar St. Chrischona, Das gegenwärtige Eheverständnis der EKD und die Bekenntnisschriften der lutherischen Kirchen, in: Die "Regenbogenkirche" bricht mit dem Bekenntnis, Herausgegeben vom Arbeitskreis Württemberg des Netzwerks Bibel und Bekenntnis, bibelundbekenntnis.de/wp-content/uploads/2024/07/Broschuere-Bekenntnis_Digitalversion_komplett.pdf, abgerufen im Juli 2024)

 


"Will die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden ihr Bekenntnis ändern, bedarf es dafür vielmehr des Konsenses der Kirche … des „magnus consensus“ … Trägerin des Konsenses ist die Kirche insgesamt und daher kann auch nur sie das Bekenntnis ändern. 

Die ganze Kirche besteht aber nicht nur aus einem einzelnen rechtssetzenden Organ (das Bekenntnis ist ja gerade nicht Gegenstand der Gesetzgebung …), sondern umfasst alle Organe der Kirchenleitung mit ihren je eigenen Aufgabenstellungen. Auch ist die Kirchengemeinde als Grundeinheit des kirchlichen Lebens zu berücksichtigen, so dass der Konsens auch nicht ohne Beteiligung der Kirchengemeinden gefunden werden kann."

Prof. Dr. Heinrich de Wall (Juli 2024, Rechtswissenschaftler, Lehrstuhl für Kirchenrecht, Staats- u. Verwaltungsrecht | Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Segnungen/Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare im evangelischen Kirchenrecht, in: Die "Regenbogenkirche" bricht mit dem Bekenntnis, Herausgegeben vom Arbeitskreis Württemberg des Netzwerks Bibel und Bekenntnis, bibelundbekenntnis.de/wp-content/uploads/2024/07/Broschuere-Bekenntnis_Digitalversion_komplett.pdf, abgerufen im Juli 2024)
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"Es ist super wichtig, dass wir uns mit Diversität auseinandersetzen. Gerade der "Magnus Konsensus" bei Pfarrer*innen steht im Widerspruch mit der Charta der Vielfalt. Das muss sich ändern."


Benedikt Kalenberg |  Evangelische Jugend Bayern (28. November 2023, BOSSO, Landesjugendkonvent, Evangelische Jugend Bayern (ejb) | Amt für Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Sonntagsblatt, Kalenberg: LGBTQ und Kirche, Evangelische Jugend fordert Aktionsplan für queere Menschen in der Kirche, sonntagsblatt.de/artikel/kirche/evangelische-jugend-fordert-aktionsplan-fuer-queere-menschen-der-kirche, abgerufen im Juli 2024)

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"Weder nach dem Verständnis der protestantischen Kirchen noch der Katholischen Kirche kann die Wahrheit durch Abstimmung festgestellt werden.

Näher besehen gilt das auch außerhalb der Kirche: Dass wie immer qualifizierte Mehrheiten über die Wahrheit entscheiden können, hat nie jemand ernsthaft vertreten und vertritt auch gegenwärtig, soweit ich sehen kann, niemand. So eine Behauptung wäre auch sinnlos …

Die protestantischen Kirchen wissen sich nach ihren Grundordnungen durch das Evangelium verpflichtet, das in der Schrift gegeben und im Bekenntnis bezeugt ist. Diese Wahrheitsbindung unterliegt nicht der Meinungsbildung einer Synode und entspringt keiner Mehrheitsentscheidung."

Prof. Dr. Notger Slenczka (14.03.2023, Inhaber des Lehrstuhls für Systematische Theologie Dogmatik | Humboldt-Universität in Berlin, Die Unverfügbarkeit der Wahrheit, zeitzeichen.net/node/10336, abgerufen im Juli 2024)

Lady_Gaga_as_Jo_Calderone

Bild: „File:Lady Gaga as Jo Calderone at 2011 MTV Video Music Awards.jpg“ von Lady_Gaga_-_VMA_2011.jpg: Philip Nelson from San Antonio, TX, USA Lady_Gaga_-_VMA_2011_cropped.jpg: *Lady_Gaga_-_VMA_2011.jpg: Philip Nelson from San Antonio, TX, USA derivative work: Truu (talk) derivative work: Jorge Barrios (talk) ist lizenziert unter CC BY-SA 3.0.

Text: Stefani Germanotta (2009, US-amerikanische Popsängerin und Songwriterin, Mauren Callahan, Lady Gaga: die Biografie, S.12 f.)

"Fast überall in Deutschland können schwule oder lesbische Paare jetzt in einer evangelischen Kirche heiraten. Doch viele Paare machen von dieser Möglichkeit keinen Gebrauch. … Der Bonner Pfarrer Oliver Ploch hat in den vergangenen zwölf Jahren seiner Dienstzeit zwei schwule Paare in einem Gottesdienst gesegnet - und das als offen schwul lebender Pfarrer in einer deutschen Großstadt, noch dazu im Rheinland, wie er selbst sagt. ... Das größte Hemmnis besteht für Oliver Ploch aber darin:

 

"Heutzutage ist es leichter zu sagen, schwul zu sein als evangelisch oder Christ",

 

sagt er. Kirchlich zu heiraten sei bis heute ein Bekenntnis, zu dem offenbar nur eine Minderheit in der schwul-lesbischen Community bereit sei - ebenso wie in der übrigen Gesellschaft. …Nur sieben Landeskirchen haben überhaupt Zahlen über gleichgeschlechtliche Trauungen und Segnungen erhoben. Aber diese lassen einen Trend erkennen: In der badischen Landeskirche, wo es die Trauung für gleichgeschlechtliche Paare seit 2016 gibt, ließen sich demnach jährlich zwischen 20 und 30 Paaren trauen. Damit liegt ihr Anteil bei unter einem Prozent.

In der Evangelischen Kirche von Westfalen, wo die Trauung für alle seit Januar gilt, ließen sich 27 Paare im Jahr 2018 segnen, 2017 waren es 25. In Hessen-Nassau können Paare gleichen Geschlechts seit 2013 kirchlich heiraten. Davon machten 218 Paare bis Ende 2017 Gebrauch. Im gleichen Zeitraum gab es dort rund 19.000 Trauungen heterosexueller Paare. Damit lag der Anteil gleichgeschlechtlicher Trauungen bei knapp über einem Prozent."


Franziska Hein | epd | evangelisch.de (27.02.2020, Redakteurin epd Zentralredaktion Frankfurt Main, Trauung für alle? Nur wenige gleichgeschlechtliche Paare treten auch vor den Altar, evangelisch.de/inhalte/166348/27-02-2020/trauung-fuer-alle-nur-wenige-gleichgeschlechtliche-paare-treten-vor-den-altar, abgerufen im Juli 2024)

"So viele Menschen sind in Deutschland laut den neuen Zensusdaten weder Mann noch Frau. Laut den Zahlen, die das Statistische Bundesamt auf Sonderanfrage der taz ausgewertet hat, lebten zum Stichtag im Mai 2022 in Deutschland genau 42.044.446 Frauen und 40.672.866 Männer. 1.259 Personen machten keine Angabe, 969 bezeichneten sich als divers. Prozentual sind also 0,001522 Prozent der Bevölkerung ohne Angabe und 0,001171 Prozent divers, zusammen 0,002693 Prozent. …

Die Deutsche Gesellschaft für Trans*- und In­ter*­ge­schlecht­lich­keit (dgti) schätzt, dass tatsächlich ca. 1,7 Prozent der Bevölkerung intergeschlechtlich sind. Die Option „divers“ gibt es erst seit Dezember 2018."

Alexandra Hilpert | taz (10. Juli 2024, Journalistin, Zensus 2022: Nur 969 Menschen divers, taz.de/Zensus-2022/!6022108/, abgerufen im Juli 2024)​​​​​

"Wieder sind fast eine halbe Million Menschen aus den deutschen Kirchen ausgetreten. … Unter eine halbe Million „Kundenverlust“ im Jahr macht man es nicht. Jeder Vertriebschef, der derart desaströse Zahlen zu verantworten hat, wäre in der Wirtschaft schon dreimal gefeuert worden. …

Jesus Christus sagte einst zu Petrus: „Petrus, was bist du von Beruf?“ Und Petrus antwortete: „Ich bin Fischer.“ Daraufhin sagte Jesus: „Ab heute bist du Menschenfischer. Auf dir will ich meine Kirche bauen.“ Ein Menschenfischer zu sein, bedeutet, möglichst viele Menschen zu begeistern. …

Die Kirche versucht, sich dem linksgrünen Mainstream bis zur Selbstaufgabe anzubiedern. Kirchentage werden zu rot-grünen Politiker-Events, und die Kirche bemüht sich, attraktiv für Menschen zu sein, die für Religion und Kirche nur Verachtung übrig haben und auch niemals in die Kirche gehen. Somit richtet sich die Kirche an eine Zielgruppe, die gar nicht existiert, während sie gleichzeitig die Stammkunden vergrault.

Die Kirche hat ihre ursprüngliche Mission und ihren Markenkern komplett aus den Augen verloren.. …


Mit einer Mentalität zwischen „Jetzt erst recht“ und fatalistischer Bunker-Mentalität macht die Kirche bockig und trotzig einen Politiker Kirchentag und ein Klimawandel-Papier nach dem nächsten. Von Seelsorge und Spiritualität keine Spur. …

Laut dem Experten liegt das Kernproblem nicht darin, dass die Kirche nicht zeitgemäß genug ist, wie es oft von kirchlichen Führern behauptet wird. Vielmehr sei das Problem, dass sie sich zu sehr an eine ideologische Agenda anlehnt, die wenig mit ihren eigentlichen Werten zu tun hat. Veranstaltungen wie Kirchentage, die eher politische Events sind, und Bemühungen, Personen anzusprechen, die der Religion skeptisch gegenüberstehen, zeigen, dass die Kirche sich zu weit von ihrer Basis entfernt hat."

Prof. Dr. Veit Etzold (16.07.2024, Schriftsteller, Hochschullehrer für Marketing, Kirchenaustritte auf Rekordhoch. Den Kirchen laufen die Gläubigen in Scharen weg, weil sie zu zeitgemäß sind, focus.de/experts/kirchenaustritte-auf-rekordhoch-den-kirchen-laufen-die-glaeubigen-in-scharen-weg-weil-sie-zu-zeitgemaess-sind_id_260131466.html, abgerufen um Juli 2024)
 


"Ich hatte dazu vor einiger Zeit ein interessantes Gespräch mit Joaquín Navarro-Valls, dem ehemaligen Pressesprecher von Papst Johannes Paul II. Als der Papst einmal gefragt wurde, was denn die Kirche sei – sicherlich eine umfassende Frage –, kam dieser in seiner Antwort mit nur einem Wort aus: »Erlösung.«"

Prof. Dr. Veit Etzold (21. Februar 2018, Schriftsteller, Hochschullehrer für Marketing, Strategie: Planen - erklären – umsetzen, GABAL Verlag. 2. Edition 2018)

"Gott ist queer." [2017]

Prof. Dr. Andreas Krebs (30. Juni 2017, Alt-Katholische u. Ökumenische Theologie | Alt-Katholischen Seminar Universität Bonn, Gott queer gedacht, feinschwarz.net/gott-queer-gedacht/, abgerufen im Juli 2024)


 

"Jetzt ist die Zeit, zu sagen: Gott ist queer. …​ [2023]

Wir sind hier. Wir sind viele. Wir sind nie wieder leiser. …

Es ist auch die Zeit für das Ende der Geduld."

​[Schlussgottesdienst Deutscher Evangelischer Kirchentag 2023]

Pfarrer Quinton Ceasar (11. Juni 2023, Ev. Theologe, Alles hat seine Zeit, 10.00 Uhr Schlussgottesdienst Deutscher Evangelischer Kirchentag in Nürnberg, kirchentag.de/redemanuskripte, Abgerufen am 20.05.2024)

"Was soll „Gott ist queer“ bedeuten? Das Wort queer ist mehrdeutig. Einst war es im Englischen ein Schimpfwort, vergleichbar mit dem deutschen „pervers“. Seit vielen Jahren wird es von den so Beschimpften positiv als Selbstbezeichnung genutzt. Umgangssprachlich gilt queer heute oft als Sammelbegriff für alle, die lesbisch, schwul oder trans sind. …


Queer stellt die strikte Aufteilung aller Menschen in männlich oder weiblich ohne Sinn für Ausnahmen in Frage. Queer ist die Zurückweisung einer Vorstellung, für die Heterosexualität normal und alles andere pervers ist. 
Queer bedeutet dann: Anders ist normal. In der neueren Theologie wird auf das biblische Zeugnis von Gott verwiesen: „Gott bin ich, nicht ein Mann“, heißt es in Hosea 11,9. Gott stehe jenseits der Geschlechterdifferenz. Er ist weder männlich noch weiblich. Und zugleich sind Männer und Frauen zu seinem Bild geschaffen (Genesis 1,27), alle Menschen spiegeln etwas wider von Gottes Wesen.


Genau das meint der Satz „Gott ist queer“. Gott passt nicht hinein in unsere Schubladen. Gott steht jenseits der binären Geschlechterlogik und ist uns nahe zugleich. Darum war diese Aussage für viele queere Menschen so tröstlich. Wenn sie zum Bilde Gottes geschaffen sind und Gott queer ist, dann sind sie bei Gott zuhause, anders, als sie es oft in vielen Kirchen erfahren."


Prof. Dr. Thorsten Dietz (16. Juni 2023, Ev. Theologe, bis 2022 Professor für Systematische Theologie an der Ev. Hochschule Tabor, Privatdozent Universität Marburg, Fokus Theologie Reformierten Kirche Kanton Zürich/Schweiz, Worthaus Referent, Kommentar von Thorsten Dietz: Ist Gott queer? in: meine-kirchenzeitung.de/c-aktuell/ist-gott-queer_a41301, abgerufen am 20.05.2024)

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"„Ich habe G*tt getroffen. Sie ist schwarz.“

Wir wollen miteinander ins Gespräch kommen: über Gottesbilder in unseren Köpfen, Gesellschaft und Kirche(n). Dazu werfen wir auch einen Blick in die Bibel: Welche Gottesvorstellungen finden sich dort bezogen auf Geschlecht? Ist das Bild von ‚Gott Vater‘ zeitgemäß bzw. angemessen?"

Evangelische Studierendengemeinde Hamburg (12. Juni 2024, Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland | Nordkirche, ESG-Gesprächsabend: Gott ist queer?! Diversity-Tage | Universität Hamburg, esg-hamburg.de/event/esg-gespraechsabend-gott-ist-queer/, abgerufen im Juli 2024)

"Ist Gott queer? Manche sagen: Ja. Manche sagen: Auf gar keinen Fall. Doch das Wort "Gott" steht für das, was Menschen unbedingt wichtig ist. Das kann Liebe sein, die Suche nach Geborgenheit – oder auch sexuelle Vielfalt ... 

Ein Prediger hat ­keine Autorität über den Glauben der ­Zuhörenden. Jeder hat das Recht, es ­anders zu sehen. Aber Achtung: Auch noch so objektiv-richtig anmutende Aussagen wie "Gott der Vater im ­Himmel" sind vorläufige Aussagen der menschlichen religiösen Sprache. Ihnen kommt damit genauso viel oder wenig Wahrheit zu wie der Aussage "Gott ist queer". ...

 

Wenn jemand sagt: "Gott ist der Vater im Himmel", kann sich damit zum Beispiel die Sehnsucht nach Geborgenheit in dieser Welt ausdrücken. Nach einem Grundprinzip, das schützt, das anleitet und gleichzeitig Freiheit lässt – wie ein guter Vater. ...

Gott und was damit gemeint ist, ist nichts, was allgemein und für ­immer feststeht. ...

 

Das Wort "Gott" symbolisiert, was denen, die das Wort verwenden, sehr, sehr ­wichtig ist. Was genau das ist, ist mit dem Wort alleine noch nicht gesagt. "Gott ist die Liebe" – das ist ein Satz, auf den sich viele Menschen einigen können, weil die Liebe für viele Menschen so bedeutsam ist."

Dr. theol. Konstantin Sacher (24.10.2023, Ev. Theologe, Institut f. Evangelische Theologie Universität Köln, Redakteur bei chrismon, chrismon, chrismon.de/artikel/54307/gender-und-christentum-ist-gott-queer, abgerufen im Juli 2024)

"Gott ... als »Sprachereignis«, als die in religiöser Rede geschehende Selbsttranszendenz des Menschen. ... Gott als offene Zukunft des Menschen, Gott als Sinn seines Daseins, das wird zur schönen, aber leeren Formel"

Prof. Dr. Robert Spaemann (Januar 1969, Philosoph, Was ist das eigentlich – Gott? Band 119 - Die Bücher der Neunzehn) 

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"Paul Tillich (1886-1965) ... war einer der herausragenden neo-orthodoxen Theologen. Ein Student berichtete mir, dass Tillich, als er in Santa Barbara, Kalifornien, kurz vor seinem Tod gefragt wurde, ob er bete, geantwortet hat: »Nein, aber ich meditiere.«

Ihm blieb lediglich die Vokabel Gott, ohne die Gewissheit, ob es mehr gibt als nur diese Vokabel, oder ob dieses Wort mehr beinhaltet als nur den pantheistischen Pan-all-ismus. Die »Gott-ist-tot-Theologie«, die auf Tillich folgte, schloss folgerichtig, dass, wenn uns lediglich die Vokabel Gott bleibt, es keinen Grund gibt, weshalb wir nicht dieses Wort selbst durchstreichen sollten.

Für viele liberale Theologen (selbst wenn sie nicht behaupten, Gott sei tot) sind gewisse andere Dinge tot. Da sie die Tatsache ablehnen, dass Gott in der Bibel und durch die Offenbarung in Jesus Christus dem Menschen Wahrheiten mitgeteilt hat, die in klaren Sätzen ausgedrückt werden können, ist der Inhalt des Begriffes »Gott« tot und jegliches Wissen um die Existenz eines persönlichen Gottes ebenfalls.​

Man hat damit nur noch religiöse Begriffe ohne Inhalt und die Gefühle, die durch gewisse religiöse Wörter hervorgerufen werden. Das ist alles."

Dr. theol. h.c, Dr. h.c., Dr. h.c. Francis A. Schaeffer (1983, Theologe, Wie können wir denn leben? 3. Aufl. Hänssler 1991, S. 176, 178-179)
 


[2021] „Gott ist tot“, erklärte einst Nietzsche. In den Evangelischen Akademien, die überwiegend von den Landeskirchen finanziert werden, scheint man es differenzierter zu sehen und probiert es hier und da mit einer Auffrischung: „Gott ist queer.“

Wer das nicht glauben will, sehe sich das Novemberprogramm der Evangelischen Akademie in Frankfurt am Main an: Da wird der 11. Leonore-Siegele-Wenschkewitz-Preis [2021] an eine „streitlustige Theologin“ verliehen, die „feministisch oder queerperspektivisch von Gott“ redet. In ihrer Dankesrede ging es Kerstin Söderblom, die seit den 80er-Jahren in der kirchlichen Lesbenbewegung aktiv ist, um eine „lesbisch-schwul-bi-, inter- und trans“-inklusive Theologie, die freilich ihre „Allies“ (Verbündete) braucht – „Heteros“, die den „Safe Space“ respektieren, der sonst von Klassismus, Rassismus, Sexismus und Queerfeindlichkeit bedroht ist. …

Die ganze Zeremonie atmete einen identitätspolitischen „Jargon der Eigentlichkeit“ (Adorno), den heiligen Ernst einer geschlossenen Gesellschaft, in der weniger das kontroverse Gespräch in der Öffentlichkeit als die verschworene Glaubensgemeinschaft von Gender-Aktivist*innen gefragt ist. Auch im „Gendertalk“ der Akademie geht es um „Allies“ im Kampf gegen Diskriminierung …

Aber was heißt „multiperspektivisch“? ... Was bedeutet das „Aufbrechen der binären Geschlechteridentität“? Immerhin werden am Ende ein paar praktische Probleme angedeutet, die sich schon länger abzeichnen: das Schwinden einer „protestantischen Identität“ und der tendenzielle Verlust jener Allgemeinbildung, die ja erst einen multiperspektivischen Diskurs und ein zureichendes intellektuelles Niveau der Debatten ermöglicht."

Reinhard Mohr | Die Welt (07.12.2021, Journalist, In den Evangelischen Akademien heißt es nun „Gott ist queer“, welt.de/politik/deutschland/plus235495824/Heiliger-Zeitgeist-In-den-Evangelischen-Akademien-heisst-es-nun-Gott-ist-queer.html, abgerufen im Juli 2024)
 


"Bei der Debatte über die „Gott ist queer“-Predigt musste ich mehrfach an Ludwig Feuerbachs Kritik der christlichen Religion denken. Feuerbach war davon überzeugt, dass der Mensch ganz auf den Menschen geworfen ist und deshalb Gott nur eine Projektion sein kann. In seinen eigenen Worten heißt das (Vorlesungen über das Wesen der Religion, 3. Aufl., Bd. 6, Gesammelte Werke, Berlin: Akademie Verlag, 1984, S. 212):

„Denn nicht Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, wie es in der Bibel heißt, sondern der Mensch schuf, wie ich im „Wesen des Christentums“ zeigte, Gott nach seinem Bilde. Und auch der Rationalist, der sogenannte Denk- oder Vernunftgläubige, schafft den Gott, den er verehrt, nach seinem Bilde; das lebendige Urbild, das Original des rationalistischen Gottes ist der rationalistische Mensch. Jeder Gott ist ein Wesen der Einbildung, ein Bild, und zwar ein Bild des Menschen, aber ein Bild, das der Mensch außer sich setzt und als ein selbständiges Wesen vorstellt.“

Wenn – im Gefolge der Schleichermachschen Theologie – das biblische Gottesbild nur Ausdruck dessen ist, was Menschen über Gott empfinden, hat Feuerbach recht und dann darf der Schriftbefund gern mit weiteren Projektionen bereichert werden. Dann darf man auch sagen: Gott ist queer. Das ist einfach ein weiteres Gefühl, das dem „Gefühlsspeicher“ der Bibel hinzugefügt wird. Der Mensch schafft sich eben einen Gott – so würde Feuerbach sagen – nach seinem eigenen Begehren.

Angesichts von 2.Mose 20,3–4 ist das ein gefährliches Manöver, denn dort lesen wir: „Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist.“

Warum sind die Produkte unserer menschlichen Götzenfabriken so attraktiv? David Wells hat diese Frage so beantwortet (God in the Wasteland, 1994, S. 53–54):

„Warum sind den Menschen die Ersatzgötter lieber als Gott? Der wohl wichtigste Grund ist, dass man sich so der Rechenschaftspflicht gegenüber Gott entzieht. Wir können den Götzen zu unseren eigenen Bedingungen begegnen, weil sie unsere eigenen Schöpfungen sind.

Sie sind sicher, vorhersehbar und kontrollierbar ... und vollständig unter der Kontrolle des Benutzers. ... Menschen ... bleiben, autonome Architekten ihrer eigenen Zukunft … vermeiden dadurch die Konfrontation mit Gott und seiner Wahrheit. Sie müssen nur sich selbst gegenübertreten.“

Ron Kubsch (27. Juni 2023, Ev. Theologe, Studienleiter Martin Bucer Seminar München, Generalsekretär Evangelium21, Vom Reiz des Götzendienstes, theoblog.de/vom-reiz-des-goetzendienstes/39634/, abgerufen im Juli 2024)
 

"P. kommt aus einer konservativen Dorfgemeinde und hatte nach der Konfirmation in einer evangelikalen Jugendgruppe mitgemacht. Sein Gottesbild ist streng, konservativ und gnadenlos. Die Angst vor dem grausam strafenden G:tt beeinträchtigte ihn stark. ...

Ich konfrontierte ihn damit, dass er nach meiner Wahrnehmung ein Götzenbild hochhalte und alle seine Ängste auf einen strafenden Götzen projizierte, der von dem streng richtenden Pfarrer geschaffen worden war, um ihn abzuwerten und unmündig zu halten. ...

 

P. verstand, was ich sagte, aber es kam gefühlsmäßig nicht an. In der nächsten Sitzung malte er auf meine Anregungen hin eine rote Karte, ein Stopp-Symbol. Er wollte die Karte zücken, wenn er wieder vor dem strafenden und verdammenden Götzen Angst hatte. Er wollte damit die Macht des Götzen und seine eigene innere Verstrickungsdynamik mit ihm unterbrechen. Seitdem hatte er die rote Karte immer dabei.

Er malte auch noch eine grüne Karte dazu. Eine »Go for it!«-Karte, als Ermutigung und Stärkung. Darauf wolle er sich nun konzentrieren. Und ich ermutigte ihn, sein Leben zu leben und die Zeit mit seinem Freund bewusst zu genießen, ohne sich schuldig zu fühlen. ...

In den Sitzungen danach arbeiteten wir an seinem Gottesbild. Wir suchten und bearbeiteten gemeinsam verschiedene Bibelstellen, die ganz andere Gottesbilder vermittelten, als er kannte. Wir lasen Psalmworte, die Schöpfungsberichte und die Zwiesprache zwischen G:tt und Propheten. Wir sprachen über die Selbstvorstellung G:ttes vor Mose im Dornbusch: »Ich bin da und begleite dich aus Unterdrückung und Sklaverei!« (Exodus 3)."

​Dr. Kerstin Söderblom (6. März 2023, Hochschulpfarrerin Unikirche Mainz, Queersensible Seelsorge, Vandenhoeck & Ruprecht)​

"Drei Worte, sie fielen während der Abschlusspredigt des 38. Deutschen Evangelischen Kirchentages auf dem Nürnberger Hauptmarkt. Unter großem Jubel aus der Gottesdienstgemeinde vor Ort rief der Prediger Quinton Ceasar: «Jetzt ist die Zeit zu sagen: Gott ist queer.» …

​Unter der Verwirrung um das Adjektiv ‹queer› lauert ein ... letztlich gravierenderes Missverständnis. Es betrifft das Verb ‹ist› in seiner Verbindung mit dem Subjekt Gott. «Gott ist queer» – das verstehen viele Kommentare offenbar buchstäblich, im Sinne einer ‹eigentlichen›, geradezu dinglichen Gottesrede.

 

Das lässt theologisch einigermaßen ratlos zurück. Liegt hier eine Projektion vor? Meinen die Empörten etwa, dass das, was sie über Gott denken, wie sie von Gott sprechen, Gott derart ‹objektiv› dingfest macht? …  Andererseits provoziert sie gerade so die Fragen, die anscheinend jede Zeit neu reflektieren muss: Was für ein Sprechakt ist Predigten überhaupt?

 

Was bedeutet es, dass wir nur metaphorisch von Gott reden können? … 

Wer sexuelle und geschlechtliche Vielfalt negativ sieht, wird den vorausgesetzten Sinn – Gott ist … (wie?) LGBTIQ+ – nicht nur als Festlegung und Einschränkung, sondern als Beleidigung Gottes empfinden müssen. Hier entsteht die Empörung vollends im Auge der Betrachtenden. …

Kurzum: Die Aufregung um die Kirchentagspredigt lebt in weiten Teilen von einem Zirkel: Man meint, genau Bescheid zu wissen, was Quinton Ceasar meinte. Tatsächlich setzt man aber eigene Lesarten voraus, überträgt sie auf seinen Satz und regt sich dann haltlos oder süffisant über das Ergebnis auf. Am Ende empören die Empörten sich womöglich mehr über ihre eigenen blinden Flecken als über «Gott ist queer». …

Dass das Wörtchen ‹queer› zugleich die Leidens- und die Befreiungsgeschichte sexueller und geschlechtlicher Minderheiten aufbewahrt …, passt zu Gottes eigener Geschichte jedenfalls nicht schlecht. ...
Dass der Prediger und alle, für die er eintritt, mit Hass überschwemmt werden, ist durch nichts zu rechtfertigen, am wenigsten im Namen Gottes. Es ist ein Angriff auf Gottes Ebenbilder und auf den Leib Christi, der wir alle gemeinsam sind. Wer unbedingt von Blasphemie sprechen möchte, hätte hier allen Grund."


Dr. Ruth Heß (26.06.2023, Evangelische Theologin, Theologische Studienleitung am Studienzentrum der EKD für Genderfragen in Kirche und Theologie in Hannover, GOTT: ‹queer›? in: zeitzeichen, zeitzeichen.net/node/10533, abgerufen im Juli 2024)

"Helen Belcher – Mitglied des britischen Trans*-Netzwerkes »Sibyls« – lebte in ihrer Jugend als »Junge«. Während »seiner« Pubertät entdeckte »er«, dass »er« weiblich war. Hieß das nicht automatisch, dass »er« schwul war? »Er« fühlte sich aber von Jungen gar nicht angezogen. Wie sollte »er« sich und »seine« sexuelle Identität verstehen?

 

In der evangelikal-fundamentalistischen Kirche, der »er« angehörte, empfahl man »ihm« Gebet und ein heterosexuelles Eheleben. Also betete »er«, heiratete eine Frau und zeugte Kinder.

Aber das Gefühl, in Wahrheit eine Frau zu sein, das blieb – und wurde immer stärker. Schließlich blieb nur der Gedanke an den Suizid – oder die Entscheidung, sich als die zu akzeptieren, die sie war.

Zuerst offenbarte sie sich ihrer Ehefrau. Diese blieb bei ihr und stand zu ihr. Bewegend berichtet Helen Belcher davon, wie sie daraufhin begann, ihrem Geschlecht entsprechend aufzutreten: »Ich hatte nie geglaubt, dass ich auch nur im Entferntesten als Frau durchgehen könnte. Ich hatte mich geirrt. Der Besuch bei einer professionellen Visagistin zeigte mich plötzlich als mich – als weiblich.«

In ihrer Kirche jedoch stieß Helen Belcher auf Ablehnung – und wieder und wieder, auch in anderen Kirchen und Gemeinden, musste sie diese Erfahrung machen. Schließlich akzeptierte sie, dass in der Kirche für sie kein Platz war.

Helen Belcher war erleichtert – und das noch mehr, als sie zuletzt auch den Glauben hinter sich lassen konnte. Die Welt brach nicht zusammen; Helen Belchers moralische Werte änderten sich nicht. Aber ein langer innerer Kampf war nun vorüber.

 

»Mir wurde jahrelang beigebracht, dass die wahre Freiheit in Christus liegt. Meine Erfahrung sagt mir, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Als ich mich von Religion und Glaube abwandte und mich so akzeptierte, wie ich bin, mit all meinen Fehlern und Schwächen, fand ich mich von den Erwartungen der Gesellschaft befreit und befähigt, die Gesellschaft herauszufordern.

Meine Frau, meine Kinder und meine Kolleg*innen haben mir zur Seite gestanden, und das Leben ist jetzt reich, bunt, aufregend und wertvoll. Ich bin ich. Die Etiketten, die ihr mir anheftet, definieren mich nicht mehr.«"

Prof. Dr. Andreas Krebs (13. März 2023, seit 2015 Prof. Alt-Katholische u. Ökumenische Theologie | Universität Bonn. Gott queer gedacht. Echter Verlag | Zitate: Helen Belcher: Labels are Odd Things, in: Christian Beardsley/Michelle O’Brien (Hg.), This is my body. Hearing the theology of transgender Christians, London 2016, 143–148: 145)

​"Unser Leben ist so sinnvoll, so ausgefüllt und großartig, wie wir selbst es gestalten. Und wir können es wirklich großartig gestalten."

 

Prof. Dr. Richard Dawkins (6. September 2007 | 2006, Evolutionsbiologe, Der Gotteswahn. Ullstein Verlag, 2. Edition 2007, S. 500)

 

"Professor Dawkins, Sie hatten vor Wochen einen Schlaganfall. Wie hat der sich auf Ihr Leben ausgewirkt?
Ich weine häufiger als sonst. Musik von Schubert oder Lyrik haben mich schon immer zu Tränen gerührt. Aber seit dem Schlaganfall ist es schlimmer geworden. …

​​

Wie möchten Sie sterben?
Unter Narkose, als ob ich eine Blinddarm-OP hätte. Wenn mir irgendwas am Tod Angst macht, dann die Vorstellung von der Ewigkeit, deshalb stelle ich mir den Tod wie eine Vollnarkose vor, nach der man nichts mehr spürt. Und genau so wird es auch kommen."

​​

Prof. Dr. Richard Dawkins | Dr. Malte Herwig (06.09.2016, INTERVIEW | EVOLUTIONSBIOLOGE RICHARD DAWKINS, Jede Nacht werde ich vorübergehend geisteskrank, stern, stern.de/panorama/wissen/richard-dawkins---jede-nacht-werde-ich-voruebergehend-geisteskrank--7039676.html, abgerufen am 05.06.2024)

 

Eines Tages wirst Du mich fragen,
was mir wichtiger ist,
Du oder mein Leben.
Und ich werde Dir antworten - mein Leben
und Du wirst gehen.

Und es ist mein Leben - heute, 
mein Leben ohne Dich, Jesus.
Und ich habe mich verirrt
in meinem ungelebten Leben.

Pfarrer Quinton Ceasar | Schlussgottesdienst Deutscher Evangelischer Kirchentag (Juni 2023)

 

 

"Nur wenige Predigten erreichen popkulturellen Status. Die Predigt des 38-jährigen Quinton Ceasar, vor 16 Jahren aus Südafrika gekommen, Person of Colour und seit 2021 Pastor im ostfriesischen Wiesmoor, hat das Zeug dazu.

Jedenfalls geht die Erregung ob seiner Predigt im Abschlussgottesdienst des Kirchentags in Nürnberg durchs Land und erreicht wohl mehr als nur binnenkirchliche Kreise. Ich selbst sah und hörte sie im Zug auf meinem Notebook, schon auf der Rückfahrt, und war ebenso verdutzt wie vergnügt. ...

 

Gott ist immer der „Ganz Andere“, das Geheimnis der Welt. Gott ist weder Vater noch Mutter noch Adler noch Burg und auch nicht queer – bei allen Gottesprädikationen ist zu berücksichtigen, dass hinter der Ähnlichkeit zu dem, was wir unter diesen Begriffen kennen, eine immer noch größere Unähnlichkeit mitzudenken ist.

 

Gottesprädikationen sagen letztlich nichts über Gott, der der Verborgene bleibt. Sie beschreiben vielmehr die kollektiv-kulturelle oder auch die individuelle Aneignung des Glaubens. Das rhetorische Spiel mit der Suche nach neuen Gottesprädikationen muss deshalb niemand für Blasphemie halten. Es ist eine diskursive Auseinandersetzung über Zugehörigkeit und Aneignung. 

Dass unsere klassische Theologie und Frömmigkeit von kulturellen Mustern unterlegt ist, die mit „weiß“, „männlich“ und „stark“ zu tun haben, ist für die, die darin aufgewachsen sind und deren Leben in dieses Muster passt, meist nicht bewusst. Die, deren Leben jedoch nicht dahinein passt, spüren dieses Muster sehr deutlich, weil es sie ausgrenzt.

 

Dass dies eine Form von Rassismus ist, lernen wir gerade. ...

 

Alle, denen die Verbreitung des Glaubens am Herzen liegt, und vielleicht die konservativen Frommen, die sich zurzeit aufregen, zuallererst: Sie sollten sich freuen, dass Menschen, die von den klassischen kulturellen Mustern, mit denen der christliche Glaube bei uns imprägniert ist, ausgegrenzt werden, sich aufmachen, sich den Glauben anzueignen. „Gott ist queer“ ist ein diskursiver Aneignungssatz. Er heißt: Es ist auch mein Gott, unser Gott. ...

 

Bemerkenswert ist die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Sachebene. Die Rhetorik schraubt sich zu einer Klimax hoch, die in einer fast schon rauschhaft anmutenden Metaphorik endet. Dem entspricht die enthusiastische Reaktion von zumindest dem größten Teil der Besucher. Die Sachebene dagegen ist ernst, anklagend, bitter. Ihr würde eine stillere Reaktion, auf jeden Fall Nachdenklichkeit entsprechen. ...

Es könnte sein, dass gerade diese zunächst widersprüchlich erscheinende Mischung den popkulturellen Faktor ausmacht. Die Predigt bleibt schillernd. Trotz klarer Sachaussagen bleibt Spielraum, in die Metaphorik hineinzuhören, was man selber hören möchte. Der Prediger wird in dieser schillernden Gemengelage zu einer „Marke“ – was notwendige Voraussetzung für einen popkulturellen Status ist."

Propst Dr. Horst Gorski (14.04.2006, 2015-2023 EKD-Vizepräsident und VELKD-Amtsbereichsleiter, Propst Kirchenkreis Altona - Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche, Hoffnungsfroh gespannt | Quinton Ceasars popkulturelle Predigt als Phänomen, zeitzeichen.net/node/10524, abgerufen im Juli 2024)

 

 

"Ceasar vertritt einen hohen moralischen und theologischen Anspruch, wenn er – in Anspielung an eine Redewendung aus seiner Kindheit – leitmotivisch mehrfach versichert, er wolle seine Zuhörer und -hörerinnen nicht anlügen.

Der Prediger will Zeuge der Wahrheit sein. Das ist gut so, wird doch die Frage nach der Wahrheit heutzutage allzu gern relativiert, und zwar nicht nur im Zeichen von Fake News und „alternativen Fakten“, sondern auch in Theologie und Kirche.

Brennpunktartig spricht die Predigt Themen an, die den evangelischen Mainstream bewegen, der sich auf evangelisch.de oder im Magazin chrismon präsentiert ... Diese Ansprache wird vielleicht mehr Erinnerung bleiben als so manche vollbesetzte Podiumsveranstaltung, wenngleich zu befürchten steht, dass schlussendlich nur der provokante Satz: „Gott ist queer“ im öffentlichen Bewusstsein hängen bleibt. Dabei verdient es die Predigt, zur Gänze gelesen und diskutiert zu werden ...

Spricht Ceasar seine Hörerschaft eingangs als „liebe Gemeinde“ und als Geschwister an, so unterscheidet er im weiteren Verlauf der Predigt zwischen sich und denen, die er im engeren Sinne als seine Geschwister und anderen Anwesenden unterscheidet.

 

Die geschwisterliche Gemeinschaft im Glauben wird im Grunde in Frage gestellt, wenn Ceasar von sich und seinen Geschwistern spricht, die für sich in Anspruch nehmen, Kirche zu sein, in den Kirchen der anderen – „in euren Kirchen“ keinen sicheren Ort haben. „Meine Geschwister und ich […] vertrauen eurer Liebe nicht“,

kurz: Wir vertrauen euch nicht, weil Ihr „meine Geschwister und mich diskriminiert – wegen unseres Einkommen, unserer Hautfarbe, unserer Behinderung oder unserer queeren Identität“.

Das „Wir“, in dessen Namen zu sprechen sich Ceasar autorisiert fühlt, sind „Menschen, die Veränderungen anstreben, Aktivist*innen und marginalisierte Menschen“. Es sind Menschen, „die das Gute wollen“ und sich bereits auf dem richtigen Weg befinden, während an die übrigen Menschen – „Menschen, die keine Diskriminierungen erfahren und auch nicht sehen, dass andre sie erfahren“ – der Ruf zur Umkehr ergeht. ...

Ob Diversitäts- und Identitätspolitiken, Genderdiskurs, postkolonialistische Theologien und Netzwerklogiken, nach denen die Kirche neue Bündnisse mit zivilgesellschaftlichen Akteuren schmiedet, die Inkulturationsdynamik des Evangeliums nur erweitern oder vielleicht auch zu theologischen Auflösungserscheinungen führen, ist gegenwärtig eine Streitfrage, die den christlichen Glauben, das reformatorische Erbe und die Zukunft der evangelischen Kirche in ihrem Kern betrifft. ...

Notwendige Abschiede und Neuaufbrüche werden freilich von Anzeichen theologischer Auszehrung begleitet, die Anlass zu ernster Sorge geben. Es ist Zeit, sich diesen redlich zu stellen."

 

Prof. Dr. DDr. h.c. Ulrich H.J. Körtner  (28.06.2023, Prof. f. Systematische Theologie | Universität Wien, Sagen, was an der Zeit ist. Eine Nachlese zu Quinton Ceasars Abschlusspredigt beim Nürnberger Kirchentag, zeitzeichen.net/node/10536, abgerufen im Juli 2024)

"Ich würde diese Predigt genau so wieder halten, viele Menschen haben daran mitgeschrieben, sie erträumen sich eine Kirche und diese Menschen haben mir den Mut gegeben."

 

Pfarrer Quinton Ceasar (16.06.2023, Ev. Theologe, „Gott ist queer“, Deutschlandradio, deutschlandfunk.de/pastor-quinton-ceasar-ich-wuerde-diese-predigt-wieder-so-halten-100.html, abgerufen im Juli 2024)

 

"Man mag diskutieren, ob der Satz ‚Gott ist queer‘ glücklich gewählt ist. Dafür bedarf es einer breiteren Auseinandersetzung. Keinesfalls allerdings handelt es sich um ‚Irrlehre‘, weist er doch darauf hin, dass Gott stets größer ist als die Vorstellungen, die wir uns von ihm machen."

Landesbischöfin Prof. Dr. Heike Springhart (20.07.2023, Evangelische Landeskirche in Baden, Landesbischöfin: Die Aussage „Gott ist queer“ ist keine Irrlehre, idea.de/artikel/landesbischoefin-die-aussage-gott-ist-queer-ist-keine-irrlehre, abgerufen im Juli 2024)

"„Gott ist…“ – Sätze, die so beginnen, haben schon viel Unheil angerichtet. … Wenn Gott „queer“ ist, entzieht er sich zwar der zweigeschlechtlichen Kategorie männlich - weiblich. Aber wird er nicht in eine neue Schublade eingesperrt?"


Andreas Duderstedt | KIRCHE IN WDR 5 (16.11.2023, 2004-2020 Pressesprecher Evangelische Kirche von Westfalen, Ist Gott queer? kirche-im-wdr.de, abgerufen im Juli 2024)


"Gott ist kein Mensch. Gott ist nicht Mann und nicht Frau. Gott ist nicht hetero- und nicht homo- und nicht sonstwie-sexuell. Gott ist Gott."


Pfarrer Johannes Frey (22.07.2023, Vorsitzender d. Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“, Bekenntnisbewegung: Gott ist nicht „queer”, idea.de/artikel/bekenntnisbewegung-gott-ist-nicht-queer, abgerufen im Juli 2024)

"Schaut man sich im Lande um, was viele Fromme gerade leidenschaftlich beschäftigt, so gewinnt man den Eindruck, es geht beim christlichen Glauben vor allem um Sexualität … Aber sind sexuelle Fragen wirklich unser Kerngeschäft, oder rückt hier ein Randthema in den Mittelpunkt? …
Aber was ist mit der Beurteilung von Homosexualität? Da gehen die Überzeugungen auseinander. Halten wir das aus?"

Pfarrer Alexander Garth (6. Januar 2016, Junge Kirche Berlin - EKBO, Bereichsleiter Berliner Stadtmission, Die Sexualität darf uns als Christen nicht trennen, ideaSpektrum 1.2016, S. 18f.)


"Ausgangspunkt des derzeit akuten innerevangelikalen Richtungsstreits ist das Thema Homosexualität. Ein ethisches Randthema hatte sich zu einer Bekenntnisfrage aufgeladen. Die unterschiedlichen Bewertungen dieses intimen Sachverhalts wurden geradezu skandalisiert und zum Schibboleth der Kirche aufgerichtet: „Wie hältst du es mit den Homosexuellen?“ 

Ein intimes Thema, das in den vertrauten Rahmen seelsorgerlicher Praxis gehört, wurde innerhalb kürzester Zeit zu einer das evangelikale Lager spaltenden Grundsatzfrage des Bibelverständnisses."

Jürgen Mette (14. Januar 2019, Ev. Theologe, 1997-2013 Leiter christliche Stiftung Marburger Medien, Die Evangelikalen: Weder einzig noch artig. Eine biografisch-theologische Innenansicht, Gerth Medien, S. 86)

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"Die Debatte um Homosexualität ist auch deshalb so heftig und sie wird auch deshalb so kontrovers geführt, weil sie im Kern eine Stellvertreter-Debatte ist. In der Sache geht es gar nicht so sehr um die sehr kleine Gruppe von Menschen, die als homosexuelle Paare eine kirchliche Trauung wünschen.

Die Frage, wie man zur theologischen Legitimität von Homosexualität steht, gibt vielmehr Auskunft über die Frage, wes Geistes Kind man ist, welche Geltung die Bibel hat. Das gilt dann wieder wechselseitig, aber immer polemisch: Sind wir aus der Sicht der Modernen Fundamentalisten? Oder sind wir aus der Sicht der Prämodernen liberale Kritiker?"

Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann (März 2021, Ev. Theologe, Prof. Systematische Theologie u. Religionsphilosophie Internationalen Hochschule Liebenzell, Prof. Systematische Theologie u. Religionsphilosophie Evangelische Hochschule Tabor, Oberkirchenrat der württembergischen Landeskirche, „Homosexualität“ als Kommunikationsherausforderung, heinzpeter-hempelmann.de/wp-content/uploads/2021/03/herausforderung-homosexualitaet.pdf, S.7, abgerufen am 01.07.2024)

"Die Evangelikalen in Deutschland leiden daran, dass sie sexualethische Fragen immer weniger einhellig beantworten. Die Fülle dieser strittigen Fragen ist ein Indiz dafür, dass die Christenheit sich grundsätzlich in einer Zeitenwende befindet, die viele Unsicherheiten mit sich bringt. ...

Gegenwärtig befinden wir uns irgendwo zwischen der Spätzeit einer solchen Übergangsepoche und zu Beginn von etwas Neuem, für das wir noch keine Begriffe haben. Manche feiern diese Geschichte als Befreiung vom Schatten der Religion; oder betrauern diese Entwicklung als endzeitliche Katastrophe. ...

Ja, es gibt erhebliche Unterschiede, wie wir die Bibel auslegen und verstehen ... ob und wie wir von Gottes Offenbarung reden und wie wir sie ins Verhältnis setzen zur Vielfalt der Religionen heute, zu all diesen Fragen gibt es ungeheuer differenzierte Auseinandersetzungen.

Tatsache ist auch, dass selbst in den Freikirchen die allermeisten hochengagierten Gläubigen die offenen und strittigen Fragen kaum überblicken geschweige denn erklären können."

Prof. Dr. Thorsten Dietz (Mai 2024, Ev. Theologe, bis 2022 Professor für Systematische Theologie an der Ev. Hochschule Tabor, Privatdozent Universität Marburg, Fokus Theologie Reformierten Kirche Kanton Zürich/Schweiz, Worthaus Referent, EINHEIT EMPFANGEN, GESTALTEN UND FEIERN, Aufatmen 02/24, SCM Bundes-Verlag Witten, aufatmen.de/wp-content/uploads/2024/05/UNUM24-Whitepaper.pdf, abgerufen im Juli 2024)​

 

 

 

Dr. Michael Diener "Wappnet Euch, die ersten Minuten werden besonders hart und teils auch verletzend, denn ich zitiere meinen Präsesbericht, den ich 2011 bei der Gnadauer Mitgliederversammlung gehalten habe … 

> Gott liebt diese Welt und jeden einzelnen Menschen. Seine Liebe gilt auch uns. … Die Heilige Schrift ist die Urkunde der Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Wir lieben und achten sein lebendiges Wort als „norma normans“, als „Richter, Regel und Richtschnur“ aller Lehren. …

Wir bekennen uns unverändert dazu, dass nach Gottes Willen alleine die lebenslange Einehe zwischen Mann und Frau die menschlicher Sexualität entsprechende Gestaltung der Geschlechtsgemeinschaft ist. Menschen, die nicht in einer derartigen Gemeinschaft leben, sind unabhängig von Geschlecht und Alter zur Enthaltsamkeit aufgerufen, zu der Gott „Wollen und Vollbringen“ schenken kann.

Es wäre lieblos, wenn wir Menschen Gottes Wegweisung zu einem gelingenden Leben vorenthalten würden. Gott liebt uns, wie wir sind, aber er lässt uns nicht, wie wir sind. Glaube verändert - auch in ethischen Fragen und manchmal in einem langwierigen und schmerzhaften Prozess.

Wir sind dazu aufgerufen, in unseren Gemeinschaften und Gemeinden, Werken und Verbänden Orte und Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, wo Menschen mit unterschiedlichsten Anfechtungen und Gefährdungen ihrer Sexualität Annahme, Hilfe, Korrektur und liebevolle Begleitung finden.

Aufgrund unseres Verständnisses des Willens Gottes können wir zu praktizierter Homosexualität kein Ja finden. Sie ist Sünde und steht unter dem Gericht Gottes.

Wir halten es für einen verhängnisvollen Irrweg, dass die meisten kirchlichen Verlautbarungen, spätesten seit 1996 das eindeutige biblische Zeugnis zur Homosexualität dadurch zu entkräften suchen, dass sie es als zeitbedingt einschätzen und das Liebesgebot nicht mehr an die konkreten Weisungen der Heiligen Schrift zurück binden. Anstatt Orientierung zu bieten, wird Verwirrung noch vergrößert. …

 

Gleichzeitig kann ich nicht übersehen, dass Christinnen und Christen in dieser Frage zu einer anderen Wertung und Gewichtung gelangen. Es wäre lieblos und unangemessen, ihnen ihren Glauben oder die Ernsthaftigkeit ihres ethischen und geistlichen Forschens abzusprechen.

Wir müssen mit dieser Differenz in einer wichtigen und grundlegenden ethischen Frage leben und weiterhin miteinander um die Wahrheit ringen. Ich werde aus theologischen Gründen an der gemeinsamen Zugehörigkeit zum Leib Christi - trotz eines gravierenden ethischen Dissenses - festhalten. <

Zitat Ende. Das ist ein Teil meines Präsesberichtes von 2011 … Ich habe damals ... alles was ich sagte genauso gemeint. Heute schäme ich mich dafür. Und ich bin erschüttert über mich selbst. Vieles davon würde ich um Gottes Willen heute nicht mehr sagen. Manches würde ich immer noch sagen, aber es hätte eine völlig andere Bedeutung. …


Ich habe auch als Leiter dazu beigetragen, dass Vor-Urteile und Fehleinschätzungen gegenüber queeren Menschen autoritativ bestätigt, bestärkt, weitergegeben wurden. Das tut mir von Herzen leid und ich kann dafür die betroffenen Menschen wirklich nur um Vergebung bitten."


Dr. Michael Diener (10.09.2022, Ev. Theologe, Mitglied im Rat der EKD, Dekan protestantischer Kirchenbezirk Germersheim, 2009-2020 Präses Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, 2012-2016 Vorsitzender Deutsche Evangelischen Allianz, Vortrag „Coming in“, Netzwerktreffen von christlichen LSBTQ-Menschen, Wortlaut: youtube.com/watch?v=tF2vGs7AStY, Abgerufen am 13.05.2024)

Dr. Michael Diener, „Coming in“, Netzwerktreffen von christlichen LSBTQ-Menschen (2022)

 

 

 

"Am sechsten Tag schuf Gott den Sex" (Dr. Johannes Hartl, Juli 2012, Gesamtlaufzeit: ca. 4h 25m, Es gilt das gesprochene Wort.)

 

Wie können Christen sich anmaßen irgendwelchen Leuten zu sagen, was sie ihm Bett tun sollen oder nicht? … Das ist eine Frage, die total viele Leute damit beantworten würden, dass sie sagen würden, okay, die Christen sind völlig bescheuert, sind moralisch, wollen irgendwelche Leute fertig machen oder so was. 
Am schlimmsten sind die Katholiken, aber eigentlich die gleiche Bagage, die Evangelikalen. Das sind so die großen Feindbilder. …


Gefühle sind nie Sünde. Und der Satz ist tiefgründiger als wir auf dem ersten Blick meinen. Gefühle an sich zeigen mir nur, erst mal was da ist. … und ist deswegen nie was, wessen ich mich schämen muss, was ich verleugnen muss. Die Gefühle sind einfach da. Das ist erst mal eine unglaublich befreiende Wahrheit. Kein Mensch kann von dir verlangen, du musst dich jetzt so und so fühlen. …
Die spannende Frage ist jetzt aber, wie gehen wir mit den Gefühlen um? …


Ich will eine Sache völlig klar sagen, wenn irgendjemand sagt, hey, ich hab Gefühle, ich hab homoerotische Gefühle, ich verliebe mich und ich bin fasziniert von anderen Männern und ich will das ausleben und ich hab keinen Bock auf eure Bibel, auf eure Moral, ich will nichts davon wissen - dann sage ich, hey, wer bin ich, dir das vorzuschreiben, wie du das zu tun hast?

Okay, du bist frei, das so tun. Wenn du diesen Weg wählen willst, go for it. …


Der Punkt ist einfach nur der, wenn jemand sagt, hey, ich leide unter dem, was hier abläuft, ich habe nicht das Gefühl, dass es gut läuft … Ich will echt das tun, was Jesus sagt, an dem Punkt. Dann kann man sagen, alles klar, jetzt sind wir im Gespräch.

Dann lass uns nachschauen, was die Schrift sagt, lass uns gemeinsam in den Prozess gehen, wo du deine Sachen und ich meine Sachen aufarbeite. … nicht … homoerotische Gefühle, sie sind nicht der Punkt, sondern die ausgeübte homosexuelle Praxis … 

Die Schrift, ist an dem Punkt eindeutig. Aber sie ist auch eindeutig, dass Homosexualität nicht die einzige, nicht die schlimmste, nicht die größte Sünde ist, sondern eher in einem Katalog mit jeder Menge Sachen, wo wir uns auch wiederfinden können.


Dr. Johannes Hartl (Juli 2012, Philosoph, kath. Theologe, Gründer Gebetshaus Augsburg, Am sechsten Tag schuf Gott den Sex: Gesamtlaufzeit: ca. 4h 25m, youtube.com/@GebetshausAugsburg, shop.gebetshaus.org/products/am-sechsten-tag-schuf-gott-den-sex-lehrserie-download, abgerufen am 23.06.2024)

"Aus aktuellem Anlass:


Im Laufe der letzten 15 Jahre habe ich eine kaum mehr übersehbare Menge an Videos, Artikeln und Büchern veröffentlicht. Immer wieder finde ich gerade bei älteren Beiträgen Aussagen oder Formulierungen, die ich heute so nicht mehr machen würde.

 

Das betrifft ... „Die Kunst eine Frau/Mann“ zu lieben von 2013 ...  „Maleachi Ruf“ und „Am sechsten Tag schuf Gott den Sex“. [siehe oben]

 

Kritik an meinen Positionen ist immer erlaubt, oft sicher berechtigt; am zielführendsten ist sie, wenn sie sich an meinen Inhalten der letzten 5 Jahre orientiert, denn auch meine thematischen Aussagen entwickeln sich mit der Zeit."


Dr. Johannes Hartl (2024, Philosoph, kath. Theologe, Gründer Gebetshaus Augsburg, Presse. Aus aktuellem Anlass, johanneshartl.org/presse, abgerufen am 23.06.24 | web.archive.org/web/20230524151035/https://johanneshartl.org/presse/ abgerufen am 27.06.2024)


"Ayaan, ich habe dich immer für einen der mutigsten Menschen gehalten, die ich kenne. Wie konntest du dich einer solchen Schwäche hingeben? …


Und nun gehst du in die Kirche. Und du hörst dem Pfarrer zu. Bemerkst du nicht, wieviel Unsinn er redet? Nimmst du das wirklich ernst, dass Jesus der Sohn Gottes ist? Dass Jesus von den Toten auferstanden ist? Dass er von einer Jungfrau geboren wurde? …


Wir haben säkularen Humanismus, wir haben Rationalität, wir haben Moralphilosophie. Auf dieser Basis entscheiden wir, was moralisch ist und was nicht. Wir müssen auf unsere Moral nicht noch einen Haufen übernatürlichen Unsinn draufsatteln. …


Ich habe eine kürzlich aufgezeichnete Diskussion gesehen, in der du mich als einen der christlichsten Menschen bezeichnetest, die du kennst. Dies geschah, nachdem du Roger Scruton zitiert hast, der dir sagte, dass du, wenn du wie ein Christ agierst, dich wie ein Christ verhältst, ein Christ bist. 

Aber Ayaan, das ist so falsch. Wie du oder ich mich verhalten, ist völlig irrelevant. Was zählt, ist, was du glaubst. Was zählt, sind die Wahrheitsbehauptungen über die Welt, die du für wahr hältst.


Denn das ist der springende Punkt. Das Christentum stellt Tatsachenbehauptungen auf, Wahrheitsansprüche, die Christen glauben, Wahrheitsansprüche, die sie als Christen definieren. 

Christen sind Theisten. Sie glauben an eine göttliche Vaterfigur, die das Universum erschaffen hat, die unsere Gebete erhört und die in jeden unserer Gedanken eingeweiht ist. 


Du glaubst das sicher nicht? Glaubst du, dass Jesus drei Tage, nachdem er in das Grab gelegt wurde, wieder auferstanden ist? Nein, natürlich nicht. Glaubst du, dass Jesus von einer Jungfrau geboren wurde? Sicherlich nicht. 

Jemand mit deiner Intelligenz glaubt nicht, dass du eine unsterbliche Seele hast, die den Zerfall deines Gehirns überleben wird. Christen glauben an einen schrecklichen Ort namens Hölle, wo die Seelen der Bösen nach ihrem Tod hinkommen. Glaubst du das auch? Auf keinen Fall!

Christen glauben, dass jedes Baby „in Sünde geboren“ wird und nur durch die uns erlösende Hinrichtung Jesu (präventiv im Falle aller nach Christus Geborenen) vor der Hölle bewahrt wird. Glaubst du auch nur annähernd an diese widerliche Sündenbocktheorie? Nein, natürlich nicht. …


Wenn du Christin bist, musst du das ganze Paket nehmen. Dann musst du auch daran glauben, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. … Ayaan, du bist genauso wenig ein Christ wie ich es bin.


Ich für meinen Teil habe verschiedene Dinge gefunden, die meinem Leben Sinn und Zweck geben. Da ist die Wissenschaft, und in meinen Büchern habe ich mein lebenslanges Streben nach dem Sinn und Zweck allen Lebens dargelegt. Dann gibt es die menschliche Liebe, die Schönheit eines Kindes, ein tropisches Bad unter dem Sternenhimmel, ein hinreißender Sonnenuntergang, ein Schubert-Quartett. Es gibt die Kunst und die Literatur der ganzen Welt. Die Wärme einer innigen Umarmung. …


Aber, selbst wenn dich all diese Dinge kalt lassen - und das tun sie natürlich nicht -, selbst wenn du ein unstillbares Bedürfnis nach mehr verspürst, was in aller Welt hat das mit den Wahrheitsbehauptungen des Christentums oder einer anderen Religion zu tun? 


Selbst wenn das Leben unerträglich trostlos und leer wäre - das ist es nicht, aber selbst wenn es so wäre - wie könntest du, wie könnte irgendjemand ein Bedürfnis nach Trost in einen Glauben an biblische Wahrheitsbehauptungen über das Universum umwandeln, nur weil du dich dadurch gut fühlst? 

Intelligente Menschen glauben nicht an etwas, weil es sie tröstet. Sie glauben es, weil, und nur weil, sie Beweise gesehen haben, die es unterstützen. …


Nein, Ayaan, du bist kein Christ, du bist nur ein anständiger Mensch, der fälschlicherweise glaubt, er brauche eine Religion, um das zu bleiben."


Prof. Dr. Richard Dawkins (16. November 2023, Evolutionsbiologe, Open letter from Richard Dawkins to Ayaan Hirsi-Ali, richarddawkins.substack.com/p/open-letter-from-richard-dawkins | Humanistische Pressedienst hpd, Peter Kurz, 14. JUN 2024, Richard Dawkins diskutiert mit Ayaan Hirsi Ali, Das Christentum als Bollwerk gegen ein Gott-Vakuum? hpd.de/artikel/christentum-bollwerk-gegen-gott-vakuum-22251, abgerufen am 23.06.2024)

 

„Der Atheismus hat es nicht geschafft, eine einfache Frage zu beantworten: Was ist der Sinn und Zweck des Lebens?“ …


Ich bin nicht zum Glauben gekommen durch irgendein spektakuläres Ereignis, auch wenn ich das besser gefunden hätte. Ich habe in einer persönlichen Krise gesteckt … in meiner Verzweiflung habe ich angefangen zu beten. Das war der Wendepunkt …


„Ich habe mich auch dem Christentum zugewandt, weil ich das Leben ohne spirituellen Trost letztlich unerträglich, ja fast selbstzerstörerisch fand.“ …

„Ich entscheide mich zu glauben“ ... „Wenn es etwas sehr viel Mächtigeres gibt als uns, das alles erschaffen hat, dann sind Auferstehung und andere Wunder doch keine große Sache.“ ...


Weil das Christentum aus den Schulen und Universitäten verbannt worden ist, gibt es ein Gottesvakuum. Und dieses Vakuum wird von anderen gefüllt. „Es gibt heute sehr böse Kräfte, die die Herzen, Köpfe und Seelen der jungen Menschen besetzen.“


Für mich ist das Christentum "besessen von der Liebe". Das zeigten auch meine Erfahrungen aus meiner Zeit als Atheistin. Vor Muslimen habe ich durch Leibwächter geschützt werden müssen, Christen hingegen haben mir Briefe geschrieben: … man bete für mich.

 

Ayaan Hirsi-Ali (14. November 2023, niederländisch-amerikanische Politikwissenschaftlerin, Ayaan Hirsi Ali: Why I Am Now a Christian, thefp.com/p/ayaan-hirsi-ali-why-i-am-now-christian-atheism | Humanistische Pressedienst hpd, Peter Kurz, 14. JUN 2024, Richard Dawkins diskutiert mit Ayaan Hirsi Ali, Das Christentum als Bollwerk gegen ein Gott-Vakuum? hpd.de/artikel/christentum-bollwerk-gegen-gott-vakuum-22251, abgerufen am 23.06.2024)
 

Triggerwarnung | Tages-Anzeiger Zürich | Der Landbote Winterthur | Rico Bandle | Screenshot: Facebook

Debatte zu genderinklusiver Sprache (11.06.2022)
(tagesanzeiger.ch/srf-sagt-wie-man-politisch-korrekt-sprechen-soll, abgerufen: 23. Juli 2023)

 

 

 

"Sie ist klug, schwarz und feministisch. Trotzdem ist die gebürtige Somalierin Ayaan Hirsi Ali für weiße linke Frauen und Männer eine Provokation. Das zeigt sich auch in den Medien. …


Wenn es brutal wird, erscheint im Schweizer Radio und Fernsehen eine Warnung an die Zuschauer. «Achtung, Video enthält Bilder von Toten», hieß es etwa, als SRF Filmaufnahmen des Massakers von Butscha zeigte, wo die Leichen ermordeter Ukrainer auf der Straße lagen. Auch Beiträge über Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt werden von SRF mit sogenannten Triggerwarnungen gekennzeichnet. Dies insbesondere, um Kinder und Jugendliche zu schützen.


Eine dieser Triggerwarnungen hat kürzlich aber für Irritationen gesorgt. Denn sie bezieht sich nicht auf eine Gewaltdarstellung, sondern auf eine Meinung. Geäußert hat sie die amerikanisch-niederländische Politologin und Feministin Ayaan Hirsi Ali, die kürzlich am World Economic Forum in Davos aufgetreten und von SRF porträtiert worden ist. …


Wer sich den Beitrag ansehe, werde mit «Diskriminierung gegenüber Transgender- und nichtbinärer Geschlechtsidentität» konfrontiert. …


Dass damit ausgerechnet eine Feministin, die sich gegen frauenfeindliche Gewalt einsetzt, in eine Reihe mit Gewalttätern gestellt wird, sorgte im SRF-Publikum für Unverständnis. Denn Triggerwarnungen sind laut den publizistischen Leitlinien von SRF dazu da, um «verstörende Bilder», Tondokumente und «schockierende Aufnahmen» anzukündigen – im Zusammenhang mit Krieg, Terror, Gewalt, Unterdrückung, Unfällen und Naturkatastrophen. Das Kapitel der Leitlinien, das die Verwendung von Triggerwarnungen regelt, ist mit dem Titel «Gewaltdarstellungen allgemein» überschrieben. …


Verantwortlich für diese Diskriminierung soll Hirsi Ali selbst sein. Frauen, das erklärte die Politologin am World Economic Forum nämlich, seien im Westen … bedroht, … auch von vermeintlich progressiven Aktivisten, die das biologische Konzept «Frau» infrage stellten. Konkret sagte sie: «Schauen Sie sich die idiotischste Ideologie von allen an, in der man bestimmte Pronomen verwenden muss und absurde Dinge sagen soll wie: ‹Menschen, die menstruieren›». …


Um die Frage, ob das gefühlte Geschlecht einer Person auch rechtlich anerkannt werden soll – und ob man nicht-binäre Menschen mit speziellen Pronomen wie «dey/deren» ansprechen soll –, tobt derzeit ein Kulturkampf. Feministinnen alter Schule wie Alice Schwarzer und Ayaan Hirsi Ali halten diese Entwicklung für gefährlich: Sie fürchten unter anderem, dass biologische Männer aufgrund gefühlter Geschlechtsidentitäten in weibliche Schutzräume eindringen könnten. …

Die feministische Zeitschrift «Emma» wurde wegen Transfeindlichkeit vor den Presserat zitiert, weil sie die weibliche Identität der grünen Bundestagsabgeordneten Tessa Ganserer hinterfragt hatte – eines biologischen Mannes, der sich als Frau fühlt, dank der grünen Frauenquote gewählt wurde und sich kürzlich in der Frauensauna ablichten ließ."


Neue Zürcher Zeitung | Lucien Scherrer (15.06.2022, Triggerwarnungen und Verleumdungen – wie Medien die Islamkritikerin Ayaan Hirsi Ali dämonisieren, nzz.ch/feuilleton/vor-dieser-frau-wird-gewarnt-ayaan-hirsi-ali-ist-fuer-weisse-linke-maenner-eine-reizfigur-das-zeigt-sich-auch-in-den-medien, abgerufen am 23.06.2024)

"Wir Linken kämpften einst für gemeinsame, universale Werte. … Es gab eine Zeit, in der wir mehrere Werte gleichzeitig zu vertreten in der Lage waren: Gleichheit und Freiheit, Antirassismus und Meinungsfreiheit, Vielfalt und Toleranz. Das momentane politische Klima - insbesondere im linken Spektrum - hat sich drastisch verändert. Wir sind jetzt dazu angehalten, uns für ein Lager zu entscheiden … Zwischen tugendhafter Zensur und freier Meinungsäußerung. … Es ist, als ob wir alle kollektiv an eine ideologische Wand gedrückt werden ...

Im Jahre 2014 beschloss die Brandeis University in Massachusetts, der somalischen feministischen Aktivistin Ayaan Hirsi Ali die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Ayaan Hirsi Ali hatte sich für die Rechte von Frauen und Mädchen in muslimischen Ländern eingesetzt und war selbst vor Zwangsheirat, Schlägen und Genitalverstümmelung geflohen. Ihre Erfahrungen hatten sie zu einer freimütigen Kritikerin des Islam gemacht. …


Als die Nachricht von dieser Verleihung des Doktortitels honoris causa bekannt wurde, unterzeichneten Dozenten und Studenten eine Petition und übten Druck auf die Universität aus, die Ehrung abzusagen, da sich muslimische Studenten angesichts einer solchen Verleihung unwillkommen fühlen würden. Die Universität zog den Doktortitel zurück."

Prof. Dr. Eva Illouz (18. Januar 2024, französisch-israelische Soziologin, Unter Opfern, Soziologin Eva Illouz über die Linke und Identitätspolitik, Süddeutsche Zeitung, sueddeutsche.de/kultur/eva-illouz-linke-identitaetspolitik-selbstkritik-folgen, abgerufen am 26.06.2024)
 

Dr. Thies Gundlach (2009)

Nordelbische Synode 18.9. 2009“ von Presse.Nordelbien ist lizenziert unter CC BY 2.0.

"Ich habe eine Art Déjà-vu-Erlebnis; in den 80er Jahren gab es schwere Auseinandersetzungen zwischen den Evangelikalen und vielen anderen Christen um die Fragen zur theologischen Bedeutung und Bewertung von Homosexualität. 30 Jahre später steigen die gleichen Akteure mit den gleichen Argumenten noch einmal in den Ring und sehen wieder den Glauben in Gefahr.
Die Schärfe dieser Intervention heute lässt mich vermuten, dass sich darin auch viel Enttäuschung ausdrückt, weil der damalige Kampf doch letztlich vergeblich war.“

Vizepräsident Dr. Thies Gundlach (8. Januar 2016, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD, Die Wahrheit gehört Gott, EKD-Vizepräsident Gundlach über den Bibelstreit mit Evangelikalen, epd, www.evangelisch.de)


"Die Universität Tübingen ist als Hochburg der christlichen Theologie bekannt. Und wo viele Theologen sind, wird viel gestritten. Die jüngste Debatte dreht sich um die „Christlichen Hochschultage“, die am Donnerstag zuende gegangen sind: eine Reihe theologischer und gesellschaftlicher Vorträge mit kostenlosen Mahlzeiten.

Veranstaltet wurden sie von 120 Studierenden, die auch bei der „Studentenmission Deutschland“, „Campus Connect“ oder dem „Albrecht-Bengel-Haus Tübingen“ aktiv sind.

Eine zweite Gruppe – das Tübinger „Schwäbische Tagblatt“ zählt etwa 70 Studierende – hat sich vor der Stiftskirche um einen großen Lautsprecher versammelt. Als Erster greift Raphael Kupczik zum Mikrofon, selbst Theologiestudent. Er will „vulnerable Menschen schützen vor einfachen Maschen von Missionierenden.“ Schließlich zielten die Hochschultage vor allem auf Studierende ab, die mit Leistungsdruck oder Sinnkrisen kämpfen.

 

Der Name der Kundgebung: „Bildung statt Bekehrung“.

Die Debatte ist alles andere als neu. Bereits 1952 gab es in der Evangelischen Studentengemeinde Tübingen einen Aufruhr gegen die Hochschultage. Der Historiker Jonathan Schilling hat das Phänomen untersucht. Er spricht von „Mission als Grenzscheide“ christlicher Hochschulgruppen.

Neu dürften manche der Vorwürfe sein. Sie treffen vor allem eine Rednerin der Hochschultage: Jana Highholder, eine junge Ärztin aus Koblenz, von 2018 bis 2020 YouTube-Botschafterin für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). ...

Raphael Kupczik wird persönlich. Er zeigt auf einen Studenten mit Sonnenbrille, der neben der Stiftskirche ein weißes Plakat in die Luft reckt. „Bildung und Bekehrung“ steht darauf. In ihm sieht Kupczik „das perfekte Beispiel von politischem Rechtssein und auch religiöser Rechten, ein Mitglied der Studentenverbindung Germania.“ Man würde ja gerne über solche Probleme ins Gespräch kommen, ergänzt die Folgerednerin. Doch „diesen Dialog auf Augenhöhe sehe ich in der gesamten Veranstaltung der Hochschultage nicht.“

Ein Tag später im Clubhaus der Uni Tübingen, einem von zwei parallelen Treffpunkten der Hochschultage. Die Schlange vor der Essensausgabe reicht durch das ganze Treppenhaus bis zur Eingangstür. Auch der Student mit Sonnenbrille wartet hier – und stellt sich als Caden vor.

„Mir ist bewusst, dass das Wort ‚Bekehrung‘ manchmal mit Zwang verbunden wird“, sagt er über sein Plakat. „So sollte das nicht sein. Ich liebe Jesus und ich möchte ohne Zwang allen Menschen über ihn erzählen.“

Wegen seines Weltbildes gehöre er schon seit zwei Jahren nicht mehr zur Germania-Verbindung, betont Caden. Der Redner auf der Kundgebung habe das auch gewusst, aber bewusst falsch gesagt. ...

Am Abend erscheint die nächste Stellungnahme zum Thema, diesmal von der Leitung der Hochschultage: „Wie wir mit unseren Aktionen niemandem religiöse Ansichten aufzwingen, erbitten wir im Gegenzug dieselbe Toleranz für uns."

Valentin Schmid (epd) (13.06.2024, Freier Journalist, Streit um Bildung und Bekehrung, Evangelische Zeitung, epd, evangelische-zeitung.de/streit-um-bildung-und-bekehrung, Abgerufen am 18.06.2024)

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"Kundgebung gegen die Tübinger Hochschultage" | „Bildung statt Bekehrung! Keine Missionierung auf unserem Campus!“ | 11. Juni 2024, 18:15 Uhr | Vorplatz des Kupferbaus Tübingen.

Bündnis „Keine Missionierung auf unserem Campus“: Grüne Hochschulgruppe Tübingen, Linksjugend ['solid] Tübingen, Queeres Zentrum, Arbeitskreis kritischer Jurist*innen Tübingen, Münze 13 e.V., Befreiungstheologisches Netzwerk Tübingen, Katholische Hochschulgemeinde Tübingen KHG u. Evangelische Studierendengemeinde Tübingen ESG [Evangelische Landeskirche in Württemberg].

(Vgl.: Grüne Hochschulgruppe Tübingen,  ghg-tuebingen.de/2024/06/10/bildung-statt-bekehrung, Abgerufen am 19.06.2024)

Evangelische Landeskirche in Württemberg | elk-wue.de

 

 

"Die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) [Evangelische Landeskirche in Württemberg] und Katholische Hochschulgemeinde (KHG) beobachten mit Sorge, wie bei den sogenannten Hochschultagen unter dem Banner von Christ:innentum und Glaube Referent:innen eine Bühne geboten wird, die wiederholt antipluralistische, fundamentalistische, queerfeindliche und antifeministische Botschaften verbreiten.

Die Veranstalter:innen der sog. Hochschultage bezeichnen sich selbst als „Vereinigung christlicher Hochschulgruppen“ [Hochschul-SMD, Campus Connect u. Albrecht-Bengel-Haus].

 

Es ist uns als Hochschulgemeinden der evangelischen Landeskirche Württemberg und der Diözese Rottenburg-Stuttgart wichtig, uns von den Veranstalter:innen und deren Verständnis von Glaube und Christ:innentum klar zu distanzieren. ...

Jana Hochhalter, eine der prominentesten Redner:innen der sog. Hochschultage, hetzt in ihrem Podcast „In Zeiten wie diesen“ und auf ihrem Instagram-Account gegen Queere Christ:innen, Abtreibung und die Gleichberechtigung von Mann und Frau. ...

Als ESG und KHG verstehen wir christlichen Glauben als stetiges Hinterfragen, eine Pluralität von Haltungen und Meinungen und sind der festen Überzeugung, dass Diskriminierung jeglicher Art keinen Platz in unseren Gemeinden haben darf. ...

Wir rufen zur Teilnahme an der Gegenkundgebung am Dienstag, 11.6. um 18:15 Uhr vor dem Kupferbau auf."

Evangelische Studierendengemeinde ESG Tübingen u. Katholische Hochschulgemeinde Tübingen KHG (10. Juli 2024, Hochschulgemeinde d. Evangelische Landeskirche in Württemberg u. Hochschulgemeinde d. Diözese Rottenburg-Stuttgart, Statement der Evangelischen Studierendengemeinde und Katholischen Hochschulgemeinde Tübingen zu den sog. Hochschultagen, esg-tuebingen.de/nachrichten/statement-der-esg-und-khg-zu-den-hochschultagen-tuebingen-2024, khg-tuebingen.de/flaggezeigen, Abgerufen am 18.06.2024)

"Von 2018 bis 2020 war Highholder mit einem Youtube-Kanal namens „Jana glaubt“ auch offiziell für die evangelische Kirche im Einsatz. Das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) und die Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend (aej) verantworteten ihn gemeinsam. Er sollte junge Menschen mit einem auf sie zugeschnittenen Angebot für christliche Inhalte begeistern.

 

Allerdings wurden schon zu dieser Zeit in Christ & Welt Vorwürfe gegen die Influencerin laut: Highholder sei ein „trojanisches Pferd“, das „biblizistische und evangelikale Positionen“ propagiere, so die evangelische Pfarrerin Hanna Jacobs.

Inzwischen gehen die Verantwortlichen auf Distanz zu ihrem früheren Star. Das GEP unterstützt mit dem evangelischen Contentnetzwerk yeet lieber Influencer*innen, die ein vielfältiges Bild des Christentums vermitteln. Besonders eindrucksvoll zeigen zum Beispiel die queeren Pastorinnen Steffi und Ellen Radtke als „Anders Amen“ ihren Familienalltag in Osnabrück.

Aber während Highholder und Neubauer bei Instagram ohne institutionelle Unterstützung auf rund 60.000 und 70.000 Follows kommen, ist die Öffentlichkeit von Anders Amen mit 24.000 viel geringer. Und es warten neue Herausforderungen: Auf Tiktok hat der Wettbewerb der religiösen Influencer*innen gerade erst begonnen. Jasmin Neubauer ist schon dort und ihr erfolgreichstes Video wurde 185.000-mal angeschaut."

taz | Louis Berger (19.04.2024, Journalistisches Volontariat Katholische Journalistenschule ifp München, Christliche Influencer*innen. Insta, Youtube, Gott, taz.de/Christliche-Influencerinnen/!6002078, abgerufen am 26.06.2024)​​​

JANA & JASMIN – In Zeiten wie diesen...  |  Tübinger Hochschultage, UNUM und Herzschmerz

jana-jasmin-in-zeiten-wie-diesen.simplecast.com/episodes/tubinger-hochschultage-unum-und-herzschmerz  (17. Juni 2024)

 

 


"Vom 10. bis 13. Juni fanden in einigen Uni-Städten Deutschlands und auch in Heidelberg zum wiederholten Mal die Hochschultage statt, zu denen die christlichen Hochschulgruppen Friedrich-Hauss-Studienzentrum, hochschul_smd heidelberg, Campus Connect, Entschieden für Christus Heidelberg und sfc mit üppiger Plakatierung, in Uni-Veranstaltungen über Professor*innen und mit Straßenmalkreide eingeladen haben.

Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe fanden an jedem der Tage öffentliche Vorträge zu christlichen und theologischen Themen statt. Als Referent für gleich drei der vier Vorträge wurde Gernot Zeilinger eingeladen. Das finden wir als ESG hochproblematisch.


Denn Herr Zeilinger ist in der Vergangenheit öffentlich (u.a. über YouTube) mit homo-, queer- und transphoben sowie antifeministischen, antipluralistischen und fundamentalistischen Positionen aufgetreten, die aus unserer Sicht dem christlichen Menschenbild zutiefst widersprechen. … Dabei beruft er sich auf seine Glaubensposition, die aus einem aus unserer Sicht nicht reflektierten und daher fundamentalistischen Bibelverständnis hervorgeht.

Als ESG [Studierendengemeinde d. Evangelischen Landeskirche in Baden] können wir solchen menschenverachtenden Haltungen, die sich angeblich auf die biblische Botschaft berufen, keinesfalls zustimmen! Wir distanzieren uns ausdrücklich von Argumentationen und Positionen, die die Würde eines jeden Menschen – welche nach Art. 1 GG an erster Stelle unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens zu stehen hat – auf solche Weise untergräbt. …

„Mission“ und „Bekehrung“ im von den christlichen Hochschulgruppen verstandenen, traditionellen Sinn, lehnen wir aus seelsorglichen und diversitätssensiblen Gründen ab, da diese Begriffe und die dahinterstehenden Konzepte aus unserer Sicht im Zusammenhang mit einem toxischen Religionsverständnis und unterdrückerischen und geistlich-missbräuchlichen Strukturen stehen.​

Wir sind enttäuscht, dass uns von Vertreter*innen der „Hochschultage“ im Zuge der Straßenmalkreide-Aktion mit den Worten „Gelangweilt von Kirche? Probier mal Jesus!“ vor der Peterskirche vorgeworfen wird, dass wir als Evangelische Studierendengemeinde einer Landeskirche nichts mit Jesus zu tun hätten. …

Es sei klargestellt, dass wir uns mit dieser Stellungnahme explizit nicht generell von den oben genannten christlichen Hochschulgruppen als solchen distanzieren, da wir durch persönliche Kontakte und Freund*innenschaften wissen, dass diese Gruppen – so wie wir auch – in sich nicht homogen sind und nicht alle Menschen aus den jeweiligen Gruppen dieselbe Haltung und Glaubensansicht vertreten.
Wir sind gern offen für Gespräche auf Augenhöhe, in denen wir uns über theologische Selbstverständnisse, die Rolle der Bibel und die jeweiligen Glaubensverständnisse austauschen können."
 

Gemeinderat Evangelische Studierendengemeinde Heidelberg ESG (13.06.2024, Evangelische Studierendengemeinde Heidelberg d. Evangelische Landeskirche in Baden, Stellungnahme der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) Heidelberg zu den Heidelberger Hochschultagen christlicher Hochschulgruppen, esg-heidelberg.de/stellungnahme-zu-den-hochschultagen, Abgerufen am 18.06.2024)

 

​Evangelische Landeskirche in Baden | ekiba.de​​

 


"Das Recht auf freie Ausübung der Religion ist im deutschen Grundgesetz Artikel 4 fest verankert. … Wie wir mit unseren Aktionen niemandem religiöse Ansichten aufzwingen, erbitten wir im Gegenzug dieselbe Toleranz für uns und die Hochschultage. … Wir laden jede und jeden ein, mit uns ins Gespräch zu treten. Genau dieser Dialog ist integraler Bestandteil der Hochschultage. ...

Uns ist wichtig, niemandem unsere Sichtweise aufzuzwingen und niemanden zu manipulieren. Wir freuen uns über jeden, der sich zu einem Leben als Christ entschließt; genauso achten wir aber auch Menschen mit anderen Überzeugungen. ...

Die in der Öffentlichkeit uns gegenüber erhobenen Vorwürfe sind haltlos, wir weisen sie hiermit zurück. Als Christinnen und Christen glauben wir, dass Gott sich in Liebe durch Jesus Christus jedem Menschen zuwendet. Als Geschöpf Gottes erfährt jeder Mensch Würde und Bestimmung. 
Diese Liebe und Würde gilt unabhängig von Geschlecht, Alter, sexueller Orientierung, Abstammung, Sprache, Herkunft, Weltanschauung oder Glaube, religiöser oder politischer Anschauung und psychischen oder körperlichen Fähigkeiten. ...

​​

Es ist unser Ziel, dass Menschen bei den Hochschultagen eine Atmosphäre der Liebe und Annahme erfahren. Leitend dafür sind das Beispiel, das Jesus uns selbst vorgelebt hat, und die Orientierung an Gottes Wort, der Bibel."


Das Leitungsteam der Hochschultage Tübingen (12. Juni 2024, Pressemitteilung zu den Hochschultagen Tübingen, hst-tuebingen.de/aktuelles, campus-connect.de/wp-content/uploads/2024/06/Pressemitteilung.pdf, Abgerufen am 17.07.2024)

"An den deutschen Universitäten bläst Christen seit Jahren ein rauer Wind ins Gesicht. … In Tübingen und Heidelberg … luden christliche Gruppen wie Campus Connect und Hochschul-SMD (früher Studentenmission in Deutschland) zu ihren Hochschultagen ein.

Wie seit Jahren machten linke Gruppen dagegen mobil und organisierten sogar eine Gegenkundgebung. Aber zum ersten Mal beteiligten sich in Tübingen auch die Evangelische Studierendengemeinde (ESG) und die Katholische Hochschulgemeinde (KHG) an der Kampagne."


Daniel Scholaster (17. Juli 2024, Master of Arts Vergleichende Geschichte der Neuzeit, IDEA Redaktion Süd, Universitäten: Bekenntnis im rauen Wind, Kommentar zur Kritik an den christlichen Hochschultagen in Tübingen und Heidelberg, idea.de/artikel/universitaeten-bekenntnis-im-rauen-wind, Abgerufen am 17.06.24)

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"Die Regenbogenkirche bricht mit dem Bekenntnis. … Unter dem Druck der Kirchenleitungen geraten Pfarrer und Gemeinden, die sich am Wort Gottes orientieren und Trauungen gleichgeschlechtlicher Paare ablehnen, in allen evangelischen Kirchen in Deutschland in Bedrängnis."

Pfarrer Ulrich Parzany (Juli 2024, Ev. Theologe, bis 2023 Leiter von ProChrist e.V., 1984 - 2005 Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland, 1987 - 2005 Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz, 2002 - 2005 Leiter Lausanner Bewegung Deutschland, Die Regenbogenkirche bricht mit dem Bekenntnis, bibelundbekenntnis.de/ak-wuerttemberg/regenbogenkirche/, abgerufen im Juli 2024)

 

"​Wir fordern eine Trauung für alle sowie die Abschaffung des Gewissensschutzes bei der Trauung von homosexuellen Paaren.

Wir fordern die Abschaffung des „Magnus Consensus“ bei Pfarrer*innen, was bedeutet, dass künftig auch homosexuelle Partner ohne Zustimmung des Kirchenvorstands zusammenleben dürfen. ... Wir fordern mehr Ressourcen für das Referat für Chancengleichheit – und ein Schuldbekenntnis."

 

[Beschluss der Landessynode der Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern vom 25. April 2024: Der Magnus Consensus ist abgeschafft.]

Benedikt Kalenberg |  Evangelische Jugend Bayern (30. November 2023, BOSSO, Landesjugendkonvent, Evangelische Jugend Bayern (ejb) | Amt für Jugendarbeit der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, Queere Menschen in der Kirche, Evangelische Jugend fordert Aktionsplan – Interview mit Benedikt Kalenberg, zettmagazin.de/queere-menschen-in-der-kirche/, abgerufen im Juli 2024)

"Der Druck auf junge Christen wird immer stärker. … Nach sieben Jahren Ausbildung – Einstellungsgespräch für den Pfarrdienst. Frage: „Wie halten Sie es mit der Trauung homosexueller Paare?“ Die Bewerber haben jetzt die Wahl: Wahrheit oder Pfarrstelle? …

Als Ausweg könnte erscheinen, politisch korrekt zu antworten und so unter dem „Radar“ durchzuschlüpfen. Aber das halte ich für riskant. Man muss die „korrekte“ Rolle ja durchhalten. … Darum ist mein Rat: Ehrlich bleiben! … Ich bin fest überzeugt: Wen Gott zur Verkündigung des Evangeliums beruft, dem gibt er auch den rechten Platz dafür. …

Die liberalen Kräfte wenden eine Salamitaktik an … Zuerst … die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare … mit Gewissensschutz für Geistliche, die das ablehnen. Inzwischen ist der Gewissensschutz an vielen Stellen aufgehoben worden. Oder er wird offen als vorläufig bezeichnet. Man drängt auf verpflichtende Einführung der „Ehe für alle“. Wer seinem Gewissen folgt, muss sich rechtfertigen – wie ein Straftäter vor Gericht. …

Daniel Scholaster: Raten Sie theologisch konservativen Christen zum Kirchenaustritt?

Nein. Die Kirche sind doch wir. Nicht die, die Bibel und Bekenntnis bestreiten und verdrehen. ... Dazu ist Kirche da: Dass jeder das Evangelium hört. Darum: Nicht austreten, sondern auftreten! … Bibeltreue Christen haben nur dann eine Chance, wenn sie fest zusammenstehen. Denn einen kann man feuern, aber nicht alle auf einmal."
 

​Pfarrer Johannes Frey (30.06.2024, Vorsitzender der Bekenntnisbewegung ›Kein anderes Evangelium‹, INTERVIEW: Wohin steuert die Bekenntnisbewegung? idea.de/artikel/wohin-steuert-die-bekenntnisbewegung, abgerufen am 01.07.2024)

​"In ihrem Beitrag führt Claudia Baumann in die Entwicklung des Themas Gender Diversity in der Evangelischen Landeskirche in Baden ein – sowohl in Bezug auf hauptamtlich Tätige als auch auf das ekklesiologische Verständnis einer Kirche, die vielfältig Kirche ist. Zum Ende ihres Beitrags verweist sie auf die Rechtslage in der EKIBA zum Thema Gender Diversity." ...

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* "Ein diskriminierendes Verhalten stellt beispielsweise dar:

 

die Verweigerung von Kirche und Kanzel; eine Beschlussfassung des Ältestenkreises, die eine Trauung in der eigenen Gemeinde ablehnt;

eine Homepage-Gestaltung, die explizit oder implizit nicht-binäre Paare durch die alleinige Fokussierung auf „Mann und Frau“ von der Trauung ausschließt;

eine theologische Abwertung der Liebe des Paares"

*Pfarrerin Claudia Baumann (August 2021, Beauftragte für Gleichstellung und Diversity der badischen Landeskirche, Thema | Vielfältig(es) Kirche-Sein, Pfarrvereinsblatt 8-9/2021, S. 383 und 392, epv-baden.de/wordpress/?p=1014, abgerufen am 01.07.2024)

Religionsfreiheit-Artikel_4_Grundgesetz

Artikel 4 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland, v. Klaaschwotzer | Lizenz CC0

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(1) "Die Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses sind unverletzlich." 

(2) "Die ungestörte Religionsausübung wird gewährleistet."

Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland | Artikel 4 (23. Mai 1949, Bundesverfassung, Geltungsbereich:    Bundesrepublik Deutschland, gesetze-im-internet.de/gg/art_4.html, abgerufen im Juli 2024)

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[DBK | EKD | Text 28] "Religion ist ein wesentlicher Teil des Menschseins. Sie bietet die Möglichkeit, sich sowohl in der Welt als auch über das Hier und Jetzt hinaus zu verorten. Der Glaube motiviert, Gesellschaft zu gestalten. Und im Glauben finden Menschen Kraft für Zeiten, in denen das Leben an sich in Frage gestellt ist. ...

Religion ist überall auf der Welt auf den Schutz vor Feindseligkeiten und Übergriffen angewiesen. Als Kirchen wertschätzen wir deshalb den hohen Standard, mit dem die Religionsfreiheit in Deutschland geschützt ist. ...

​Wenn wir als Kirchen der Religions- und Weltanschauungsfreiheit besondere Aufmerksamkeit widmen, so geschieht dies nicht losgelöst vom größeren Kontext der allgemeinen Menschenrechte. Einschränkungen der Religionsfreiheit betreffen in der Regel so gut wie immer auch andere Grundrechte, z. B. die Meinungs- oder Versammlungsfreiheit."

Präses Dr. h.c. Annette Kurschus | Bischof Dr. Georg Bätzing (Juli 2023, Gemeinsames Geleitwort der Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Präses Annette Kurschus, und des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Georg Bätzing, 3. Ökumenischer Bericht zur Religionsfreiheit weltweit 2023, Eine christliche Perspektive auf ein universelles Menschenrecht, Gemeinsame Texte Nr. 28 der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland, ekd.de/ekd_de/ds_doc/religionsfreiheit_ekd_dbk_2023.pdf, abgerufen im  Juli 2024)

[DBK | EKD | Text 28] "Nicht alle Anliegen, die im Namen der Religionsfreiheit vorgebracht werden, können sich mit gutem Grund auf dieses Menschenrecht berufen. … ​

Zwar haben Menschen das Recht, religiös oder anders motivierte persönliche Vorbehalte gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare zu artikulieren und auch öffentlich gewaltfrei für ihre Positionen zu werben. … 

Gleichzeitig wäre es verfehlt, die Religionsfreiheit zu einem „Supergrundrecht“ zu stilisieren, das von seinem Charakter und innerhalb der übergreifenden Grundrechtssystematik grundsätzlich von den anderen Grundrechten zu unterscheiden und über sie zu stellen wäre.

 

Die spezifische Bedeutung der Religionsfreiheit erschließt sich im Zusammenhang mit allen anderen Grundrechten und im Kontext einer freiheitlich-demokratischen, rechtsstaatlichen Verfassungsordnung."

Deutsche Bischofskonferenz (DBK) / Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) (Juli 2023, 3. Ökumenischer Bericht zur Religionsfreiheit weltweit 2023, Eine christliche Perspektive auf ein universelles Menschenrecht, Gemeinsame Texte Nr. 28 der Deutschen Bischofskonferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland, ekd.de/ekd_de/ds_doc/religionsfreiheit_ekd_dbk_2023.pdf, abgerufen im  Juli 2024)

"Auch in der UN wird das Recht auf Religionsfreiheit instrumentalisiert und wie ein „Stoppschild“ (Prof. Dr. Heiner Bielefeldt, Menschrechtsexperte) gegen die Rechte von Frauen und LSBTIQ* eingesetzt. … ​

So werden die Menschenrechte von queeren Menschen, also Lesben, Schwulen, Bisexuellen, trans*- und intergeschlechtlichen Menschen (LSBTIQ*) im Namen von Religion negiert oder eingeschränkt, die Religion zu politischen Machtzwecken instrumentalisiert und LSBTIQ* systematisch an ihrem Recht auf Ausübung des Glaubens gehindert. … 

Bei echten religiösen Vorbehalten helfen nur religiöse Argumente, wie etwa vermittelt in einem Workshop „Mit der Bibel gegen Homophobie“. Solche Angebote gibt es in Deutschland … Alle arbeiten daran, diskriminierende Narrative auf der Grundlage religiöser Schriften zu widerlegen. … 

​Das Thema brennt überall und die Weltkirchen drohen zu zerbrechen. „Wenn wir als Christen beieinanderbleiben wollen, müssen wir im Dialog sein“, formulierte ein Theologe in einer unserer Veranstaltungen. … Die Köpfe und Herzen der Menschen sind nur im direkten Austausch zu gewinnen – gegen die Dämonisierung von LSBTIQ* helfen persönliche Begegnungen. ...

Erst wenn Kirchen, Gemeinden und die Institutionen des Glaubens sichere Orte für LSBTIQ* sind, ist das Recht auf Religionsfreiheit gewährleistet."

Hirschfeld-Eddy-Stiftung (26.12.2023, Stiftung für die Menschenrechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender,  Lesben und Schwulenverband in Deutschland (LSVD) e.V., Erst wenn Kirchen sichere Orte für LSBTIQ* sind, ist das Recht auf Religionsfreiheit gewährleistet, blog.lsvd.de/erst-wenn-kirchen-sichere-orte-fuer-lsbtiq-sind-ist-das-recht-auf-religionsfreiheit-gewaehrleistet/, abgerufen im Juli 2014) 

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"Es ist an der Zeit, endlich auch christlichen Fundamentalismus und sein extremistisches Potenzial ernst zu nehmen – trotz und gerade auch wegen der verfassungsrechtlich geschützten Religions- und Weltanschauungsfreiheit! … 

Die zunehmenden Bedrohungen unserer offenen demokratischen Gesellschaft (auch) durch christlichen Fundamentalismus müssen frühzeitig ernst genommen werden! Wir fordern, sich nicht eins zu machen mit menschenfeindlichen Bewegungen sondern sich aktiv dagegen zu stellen! … 

Unsere Forderung richten wir daher auch direkt an christliche Menschen, Gruppen, Organisationen und Kirchen, aufmerksam zu sein, entsprechende Bestrebungen ihrem Umfeld und in ihren eigenen Reihen zu erkennen und ihnen aktiv entgegenzutreten. ... 

 

Lediglich ein anschauliches – aber äußerst beunruhigendes – Beispiel für diese Entwicklung ist die oberflächlich harmlos wirkende „UNUM24 – EINS SEIN Konferenz“ [Beiträge zur UNUM24].

Auf dieser wurden mehrere tausend Teilnehmende erwartet die sich aufmachen sollen, „Deutschland zu verändern“. Diese Konferenz, wird bundesweit von etwa 80 (!) verschiedenen und untereinander weitgehend gut vernetzten christlichen Gruppen und Organisationen unterstützt. Darunter auch Vertreter der großen Kirchen. die sich so eins machen mit menschenfeindlichen Fundamentalist*innen, statt sich abzugrenzen und klar Haltung dagegen zu zeigen.  

Einer der „Star-Sprecher“ der Konferenz ist der fundamentalistische rechte US-Pastor Bill Johnson. Seine Heimatkirche ist die Megakirche „Bethel-Church“ aus Redding (USA). … Er sei gegen … gleichgeschlechtliche Hochzeiten … weil dies alles Gottes Willen widerspreche."

 

Christian Lohwasser (24.06.2024, Sozialpädagoge, VäterNetzwerk München e.V. | Fördermitglied | Initiative „Regenbogenväter“, WeAct: Petitionsplattform von Campact e.V., Keine Chance für christlichen Fundamentalismus und Nationalismus!, weact.campact.de/petitions/keine-chance-fur-christlichen-fundamentalismus-und-nationalismus, abgerufen im Juli 2024) 

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"Religionsfreiheit ist ein elementares Grundrecht. ... Es ist nicht von der Religionsfreiheit gedeckt, LSBTI die Grundrechte abzusprechen.

Kein heiliger Text steht über den Rechten, die unser Grundgesetz garantiert. In allen Religionen gibt es liberale und orthodox-konservative Auslegungen. Die Religionsgemeinschaften sind aufgefordert, sich auf das Liebesgebot ihrer Religion zu besinnen und in diesem Licht ihre ablehnende Haltung gegenüber gleichgeschlechtlicher Liebe und der Vielfalt geschlechtlicher Identitäten zu überdenken und weiterzuentwickeln. ...

Die Evangelische Kirche in Deutschland und viele ihre Landeskirchen haben sich in den letzten Jahren von früherer Ausgrenzung distanziert und sich nach oft heftigen inneren Debatten für LSBTI geöffnet – in der Gemeinde wie im Pfarrhaus. Die meisten evangelischen Landeskirchen [Stand Juli 2024: alle Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland | EKD] bieten gleichgeschlechtlichen Paaren heute kirchliche Trauungen oder zumindest Partnerschaftssegnungen an. ...

Insbesondere die Katholische Amtskirche und evangelikale Organisationen haben aber in Deutschland bisher jede rechtliche Verbesserung für LSBTI massiv politisch bekämpft und tun dies auch heute noch. Sie tragen schwere Schuld an vergangener wie fortdauernder Diskriminierung. ...

Wir fordern alle Religionsgemeinschaften auf, sich für LSBTI zu öffnen, zum Beispiel schwulen und lesbischen Paaren, die dies wünschen, eine religiöse Trauung anzubieten."

Lesben- und Schwulenverband (LSVD) e.V. (22. April 2018, Programm des LSVD, Verantwortung der Religionsgemeinschaften einfordern​, lsvd.de/de/politik/miteinander/verantwortung-von-religionsgemeinschaften-einfordern, abgerufen im Juli 2024)

 

 


"Am 7. Mai 2020 wurde im deutschen Bundestag ein Gesetz beschlossen, das Konversionsbehandlungen verbietet, wenn die betroffene Person minderjährig ist, oder bei Volljährigen, wenn ihre Einwilligung auf einem "Willensmangel" beruht.

Allerdings wird auch verboten, solche Maßnahmen anzubieten, für diese zu werben oder diese zu vermitteln. Bei der Durchführung einer solchen Behandlung droht eine Gefängnisstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe. Wer für solch eine wirbt, muss mit einer Geldstrafe von bis 30.000 Euro rechnen.

Dieses Gesetz betrifft nicht nur Therapeuten, sondern ausdrücklich alle Personen. Ausdrücklich mit eingeschlossen sind auch Angebote von Gemeinden und Seelsorge."


Pastor Johannes Traichel (11. Juli 2022, Evangelischer Theologe, FeG Donaueschingen, Evangelikale und Homosexualität. Für eine Kulturreform, jOTA Publikationen)
 

"Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen | KonvBehSchG


§ 1 Anwendungsbereich des Gesetzes
(1) Dieses Gesetz gilt für alle am Menschen durchgeführten Behandlungen, die auf die Veränderung oder Unterdrückung der sexuellen Orientierung oder der selbstempfundenen geschlechtlichen Identität gerichtet sind (Konversionsbehandlung). …


§ 2 Verbot der Durchführung von Konversionsbehandlungen
(1) Es ist untersagt, eine Konversionsbehandlung an einer Person durchzuführen, die unter 18 Jahre alt ist. 
(2) Bei Personen, die zwar das 18. Lebensjahr vollendet haben, deren Einwilligung zur Durchführung der Konversionsbehandlung aber auf einem Willensmangel beruht, ist eine Konversionsbehandlung ebenfalls untersagt. …


§ 3 Verbot der Werbung, des Anbietens und des Vermittelns
Es ist untersagt, für eine Konversionsbehandlung zu werben oder diese anzubieten oder zu vermitteln.


§ 5 Strafvorschriften
(1) Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer entgegen § 2 eine Konversionsbehandlung durchführt. …


§ 6 Bußgeldvorschriften
(1) Ordnungswidrig handelt, wer entgegen § 3 für eine Konversionsbehandlung wirbt oder diese anbietet.
(2) Die Ordnungswidrigkeit kann mit einer Geldbuße bis zu dreißigtausend Euro geahndet werden."

(12.06.2020, Gesetz zum Schutz vor Konversionsbehandlungen, KonvBehSchG, Bundesgesetzblatt Jahrgang 2020 Teil I Nr. 28, S. 1285, gesetze-im-internet.de/konvbehschg/BJNR128500020.html, abgerufen im Juli 2024)

 


"Seit 2020 sind viele Konversionsbehandlungen verboten, doch nicht alle. Expert*innen fordern strengere Gesetze – und damit mehr Schutz für Betroffene. 

Expert*in­nen verschiedener queerpolitischer Verbände fordern einen besseren Schutz queerer Menschen vor Therapien zur „Behandlung“ von Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit. In einem Schreiben an die Bundesregierung, das der taz vorliegt, kritisiert die Expert*innengruppe, das geltende Gesetz zum Schutz von Konversionsbehandlungen habe Schwachstellen.

Konversionsversuche sind Praktiken, die queere Menschen „heilen“ sollen. Sie zielen darauf ab, die sexuelle Orientierung oder die geschlechtliche Identität der Betroffenen zu ändern oder zu unterdrücken. In Deutschland gilt seit 2020 ein Gesetz, das solche Therapien für Minderjährige und Erwachsene mit Einschränkungen untersagt.

„Wir brauchen ein Vollverbot“, sagt Matti Seithe im Gespräch mit der taz. Seithe ist einer der unterzeichnenden Expert*innen, er arbeitet bei der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld. Bislang verbietet das Gesetz nur Konversionsversuche an unter 18-Jährigen und solche, bei denen die Durchführung „auf einem Willensmangel“ von Erwachsenen beruht. Die Expert*innen fordern deshalb: Diese „Interventionen sind grundsätzlich unethisch und menschenrechtswidrig.“ Sie müssten altersunabhängig verboten sein.
Die Expert*innen fordern außerdem, von „Maßnahmen“ statt von „Behandlungen“ zu sprechen."

Antonia Groß | taz (25.03.2024, freie Journalistin, Mehr Schutz für Queers: Gegen „Heilung“ und „Beratung“, taz.de/Mehr-Schutz-fuer-Queers/!5999797/, abgerufen im Juli 2024)


"Ich persönlich halte es weder für ratsam, generell Veränderungen auszuschließen noch sie in jeder Situation für möglich zu halten. Ob die Veränderung der sexuellen Orientierung als ein weiterer Schritt anzustreben ist, das ist eine Frage, die nur von der betroffenen Person selbst zu beantworten ist.

Hier hat weder ein Seelsorger die Person zu drängen noch der Gesetzgeber die Person zu bevormunden, indem er diese an ihrer freien Entscheidung hindert. Beides wäre ein unethisches Verhalten und letzteres wäre einer freiheitlichen Demokratie unwürdig. Es betrifft die freie Entscheidung des Betroffenen. Er allein trägt am Ende die Entscheidung und Verantwortung, wie er mit einer konflikthaft erlebten sexuellen Anziehung umgehen wird. ... Wer dies den Menschen verbieten möchte, ... wenn sie selbst den Wunsch dazu haben ... überschreitet die Grenzen einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung."

Pastor Johannes Traichel (11. Juli 2022, Evangelischer Theologe, FeG Donaueschingen, Evangelikale und Homosexualität. Für eine Kulturreform, jOTA Publikationen)

United Nations | OHCHR via Wikimedia Commons

 

 

Es gilt der englische Text. Die deutsche Übersetzung wurde maschinell generiert (ChatGPT-4).

 

A/HRC/53/37 | 7 June 2023 | Original: English
Human Rights Council | Fifty-third session | 19 June–14 July 2023 | Agenda item 3


Report of the Independent Expert on protection against violence and discrimination based on sexual orientation and gender identity
 

A/HRC/53/37 | 7. Juni 2023 | Original: Englisch

Menschenrechtsrat | Dreiundfünfzigste Sitzung | 19. Juni-14. Juli 2023 | Tagesordnungspunkt 3

Bericht des unabhängigen Experten zum Schutz vor Gewalt und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität

 

 

Summary

The present report is submitted to the Human Rights Council pursuant to Council resolutions 32/2, 41/18 and 50/10. The Independent Expert on protection against violence and discrimination based on sexual orientation and gender identity, Victor Madrigal-Borloz, examines the intersection between freedom of thought, conscience and religion or belief and protection from violence and discrimination based on sexual orientation and gender identity. …

Zusammenfassung 

Der vorliegende Bericht wird dem Menschenrechtsrat gemäß den Resolutionen 32/2, 41/18 und 50/10 des Rates vorgelegt. Der unabhängige Experte für den Schutz vor Gewalt und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität, Victor Madrigal-Borloz, untersucht die Schnittstelle zwischen der Freiheit des Denkens, des Gewissens und der Religion oder Überzeugung und dem Schutz vor Gewalt und Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität. …

 

12. Limitations on FoRB [Freedom of Religion and Belief] must be proportionate to a legitimate aim,  “strictly interpreted,”  and not imposed for discriminatory purposes or applied in a discriminatory manner;  and the Special Rapporteur on FoRB concluded that “religious beliefs” cannot be “invoked as a legitimate ‘justification’ for violence or discrimination on the basis of sexual orientation or gender identity.”  

The European Union guidelines on the promotion and protection of freedom of religion or belief similarly rejected all FoRB-based justifications of violence and discrimination, and further recognized that: “States have a duty to protect all persons within their jurisdiction from direct and indirect discrimination on grounds of religion or belief,” including “on the basis of their sexual orientation or gender identity”.  ...

 

12. Einschränkungen der FoRB [Freedom of Religion and Belief | Freiheit der Religion und des Glaubens] müssen einem legitimen Ziel angemessen sein, "streng ausgelegt" werden und dürfen nicht zu diskriminierenden Zwecken auferlegt oder auf diskriminierende Weise angewendet werden; und der Sonderberichterstatter für FoRB kam zu dem Schluss, dass "religiöse Überzeugungen" nicht als legitime "Rechtfertigung" für Gewalt oder Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität "herangezogen" werden können. 

Die Leitlinien der Europäischen Union zur Förderung und zum Schutz der Religions- oder Glaubensfreiheit lehnten ebenfalls alle auf FoRB basierenden Rechtfertigungen für Gewalt und Diskriminierung ab und erkannten weiterhin an, dass: "Die Staaten haben die Pflicht, alle Personen in ihrer Gerichtsbarkeit vor direkter und indirekter Diskriminierung aufgrund von Religion oder Glauben zu schützen", einschließlich "aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität". ...

 

27. Under certain circumstances, the State is obliged to prohibit the advocacy of hatred against LGBT people where it constitutes incitement to discrimination or violence. ...


27. Unter bestimmten Umständen ist der Staat verpflichtet, die Hetze gegen LGBT-Menschen zu verbieten, wenn sie eine Anstiftung zur Diskriminierung oder Gewalt darstellt. ...

 

42. Noting that opposition to same-sex marriage is at times based on religious convictions, the Inter-American Court of Human Rights has argued that such convictions cannot be used as an interpretative guide when determining the rights of human beings ...


42. Es wird darauf hingewiesen, dass die Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe manchmal auf religiösen Überzeugungen beruht. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte hat jedoch argumentiert, dass solche Überzeugungen nicht als interpretativer Leitfaden herangezogen werden können, wenn es um die Bestimmung der Rechte des Menschen geht ...

 

IV. Access to spirituality for LGBT persons
50. For the last six years the Independent Expert has received testimony from LGBT persons on an almost daily basis. Frequently, they have referred to the moment (or succession of moments) when they realized that, should they pursue happiness by embracing their sexual orientation or gender identity, the religion in which they were born would consider them as sinful, or evil; as inherently immoral, or not worthy of transcendence.

Often, another realization followed immediately: that they would be rejected by their family, their community, their region, or their country. These moments often led to a life-long struggle between various forms of identity (religious, sexual, and gender) that are equally important in a person’s life. ...

IV. Zugang zur Spiritualität für LGBT-Personen
50. In den letzten sechs Jahren hat der unabhängige Experte fast täglich Zeugenaussagen von LGBT-Personen erhalten. Häufig bezogen sie sich auf den Moment (oder eine Reihe von Momenten), in dem sie erkannten, dass sie, sollten sie ihr Glück verfolgen, indem sie ihre sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität annehmen, von der Religion, in die sie hineingeboren wurden, als sündig oder böse angesehen würden; als von Natur aus unmoralisch oder nicht würdig der Transzendenz.

Oft folgte unmittelbar eine weitere Erkenntnis: dass sie von ihrer Familie, ihrer Gemeinschaft, ihrer Region oder ihrem Land abgelehnt würden. Diese Momente führten oft zu einem lebenslangen Kampf zwischen verschiedenen Formen der Identität (religiös, sexuell und geschlechtlich), die im Leben einer Person gleichermaßen wichtig sind. ...

 

52. The “option to leave” response to discrimination within religious institutions can also fail to appreciate that many individuals are born into a religion, and membership of their religious community can feel immutable. It is part of their familial and social upbringing before they have emotional and financial independence and remains so when others depend on them.

Leaving a faith community in many cases is impractical or impossible; and where a person has little or no social, economic, or personal independence from a religious group, or where they risk custody of their children, the right of exit is downright illusory. ...


52. Die "Option zu gehen" als Antwort auf Diskriminierung innerhalb religiöser Institutionen kann auch versäumen zu würdigen, dass viele Menschen in eine Religion hineingeboren werden und die Mitgliedschaft in ihrer religiösen Gemeinschaft unveränderlich erscheinen kann. Sie ist Teil ihrer familiären und sozialen Erziehung, bevor sie emotionale und finanzielle Unabhängigkeit haben und bleibt es, wenn andere von ihnen abhängig sind.

Das Verlassen einer Glaubensgemeinschaft ist in vielen Fällen unpraktisch oder unmöglich; und wo eine Person wenig oder keine soziale, wirtschaftliche oder persönliche Unabhängigkeit von einer religiösen Gruppe hat, oder wo sie das Sorgerecht für ihre Kinder riskiert, ist das Recht auf Austritt geradezu illusorisch. ...

 

A. Inclusive and/or supportive approaches 
55. The extent to which same-sex intimacy is condemned by different religious traditions is a matter for theological debate; for example, some scholars question the interpretation of passages in the Hebrew Bible and Quran used to condemn modern LGBT sexualities and identities ...

A. Inklusive und/oder unterstützende Ansätze
55. Inwieweit gleichgeschlechtliche Intimität von verschiedenen religiösen Traditionen verurteilt wird, ist eine Frage der theologischen Debatte; zum Beispiel stellen einige Gelehrte die Interpretation von Passagen in der Hebräischen Bibel und dem Koran in Frage, die dazu verwendet werden, moderne LGBT-Sexualitäten und -Identitäten zu verurteilen ...

 


70. The limits established in the very design of FoRB – including the fundamental rights and freedoms of LGBT persons – are the key to full compatibility of FoRB and all actions that are necessary to combat violence and discrimination against them, alongside the strong and clear framework for hate speech that has been crafted within the United Nations under the Rabat Plan of Action.

Respect for the right of all human persons to thought, conscience and religion or belief is a must; at the same time, all stakeholders have a responsibility to ascertain when these noble freedoms have historically been – and continue to be – instrumentalized to nurture, perpetuate or exacerbate violence and discrimination against lesbian, gay, bisexual, and trans and gender diverse persons. ...


70. Die in der Konzeption von FoRB festgelegten Grenzen - einschließlich der grundlegenden Rechte und Freiheiten von LGBT-Personen - sind der Schlüssel zur vollen Kompatibilität von FoRB und allen Maßnahmen, die notwendig sind, um Gewalt und Diskriminierung gegen sie zu bekämpfen, neben dem starken und klaren Rahmen für Hassreden, der im Rahmen des Aktionsplans von Rabat innerhalb der Vereinten Nationen entwickelt wurde.

Der Respekt für das Recht aller menschlichen Personen auf Gedanken, Gewissen und Religion oder Glauben ist ein Muss; gleichzeitig haben alle Beteiligten die Verantwortung zu ermitteln, wann diese edlen Freiheiten historisch gesehen - und weiterhin - instrumentalisiert wurden, um Gewalt und Diskriminierung gegen lesbische, schwule, bisexuelle und trans- und geschlechtsdiverse Personen zu nähren, zu perpetuieren oder zu verschärfen. ...

 

VI. Recommendations
71. The Independent Expert recommends that States: 


(a)    carry out necessary analysis and reform to ensure that legislation and public policy complies with human rights standards, including the principle of non-discrimination;


(b)    ensure that any law or public policy relating to the frameworks of religious exemptions or conscientious objection is compatible with international human rights standards and does not negate the access of LGBT and other gender diverse persons to fundamental rights, services and goods, including health, education, employment, housing and political participation; 


(c)    ensure the bodily autonomy and sexual and reproductive health and rights of LGBT and gender diverse persons, as well as comprehensive sexuality and gender education in line with international standards; 


(d)    working in collaboration with feminist and LGBT-led and LGBT-serving civil society, including religious groups who work on an inclusive basis, apply principles of inclusion and intersectionality, and challenge essentialist conceptions around sexual and gender identities under both the FoRB and SOGI frameworks; 


(e)    dismantle laws and policies that criminalize same-sex intimacy or gender identity and repeal laws criminalizing offenses such as blasphemy; 


(f)    create a safe environment in which all persons who manifest their religion or belief, including LGBT and other gender diverse persons, are free from fear of violence and discrimination and are aware of the distinction between protected speech and hate speech; 


(g)    refrain from justifying with religious narratives any act of violence and discrimination based on sexual orientation and gender identity; prevent and investigate such acts, and ensure the accountability of perpetrators and the provision of effective remedies for damages. In particular, do so by


(g I)    enacting preventive legislation and public policy, including educational programs that promote non-discrimination against LGBT and other gender diverse persons, and ensuring that these are developed with the participation of LGBT-led and LGBT-serving organizations, 


(g II)    supporting initiatives of dialogue between leaders and other persons of an ample spectrum of faith and opinion, including persons who are LGBT or otherwise gender diverse and persons who are not; 


(h)    encourage religious institutions to consider inclusive approaches that facilitate the participation and recognition of LGBT and other gender diverse persons; 


(i)    engage with faith-based leaders on avenues in which their religious institutions can use their moral standing to prevent and combat violence and discrimination against LGBT and other gender diverse persons; 


(j)    encourage religious institutions to consider the ways in which representatives will be held responsible in cases in which they promote discrimination against LGBT and other gender diverse persons; and 


(k)    condemn incitement to violence and discrimination against LGBT and other gender diverse persons, and those who defend their rights, by religious leaders and adherents.

 

VI. Empfehlungen
71. Der unabhängige Experte empfiehlt den Staaten: 


(a) Führen Sie die notwendigen Analysen und Reformen durch, um sicherzustellen, dass Gesetzgebung und öffentliche Politik den Menschenrechtsstandards entsprechen, einschließlich des Grundsatzes der Nichtdiskriminierung;


(b) Stellen Sie sicher, dass jedes Gesetz oder jede öffentliche Politik, die sich auf die Rahmenbedingungen für religiöse Ausnahmen oder Gewissenseinwände bezieht, mit internationalen Menschenrechtsstandards vereinbar ist und den Zugang von LGBT und anderen geschlechtlich vielfältigen Personen zu grundlegenden Rechten, Dienstleistungen und Gütern, einschließlich Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Wohnen und politischer Teilhabe, nicht negiert;


(c) Stellen Sie die körperliche Autonomie und die sexuellen und reproduktiven Gesundheits- und Rechte von LGBT und geschlechtlich vielfältigen Personen sicher, sowie eine umfassende Sexualitäts- und Geschlechterbildung im Einklang mit internationalen Standards;


(d) Arbeiten Sie in Zusammenarbeit mit feministischen und LGBT-geführten und LGBT-dienenden zivilgesellschaftlichen Organisationen, einschließlich religiöser Gruppen, die auf inklusiver Basis arbeiten, wenden Sie Prinzipien der Inklusion und Intersektionalität an und hinterfragen Sie essentialistische Vorstellungen über sexuelle und geschlechtliche Identitäten im Rahmen sowohl der FoRB- als auch der SOGI-Rahmen;


(e) Beseitigen Sie Gesetze und Politiken, die gleichgeschlechtliche Intimität oder Geschlechtsidentität kriminalisieren, und heben Sie Gesetze auf, die Straftaten wie Blasphemie kriminalisieren;


(f) Schaffen Sie eine sichere Umgebung, in der alle Personen, die ihre Religion oder Überzeugung manifestieren, einschließlich LGBT und anderen geschlechtlich vielfältigen Personen, frei von Angst vor Gewalt und Diskriminierung sind und den Unterschied zwischen geschützter Rede und Hassrede kennen;


(g) Verzichten Sie darauf, jede Form von Gewalt und Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität mit religiösen Erzählungen zu rechtfertigen; verhindern und untersuchen Sie solche Handlungen und stellen Sie die Verantwortlichkeit der Täter und die Bereitstellung wirksamer Abhilfemaßnahmen für Schäden sicher. Insbesondere tun Sie dies durch


(g I) Erlass von präventiver Gesetzgebung und öffentlicher Politik, einschließlich Bildungsprogrammen, die Nichtdiskriminierung gegenüber LGBT und anderen geschlechtlich vielfältigen Personen fördern, und stellen Sie sicher, dass diese mit der Beteiligung von LGBT-geführten und LGBT-dienenden Organisationen entwickelt werden,


(g II) Unterstützung von Initiativen zum Dialog zwischen Führungskräften und anderen Personen eines breiten Spektrums von Glauben und Meinung, einschließlich Personen, die LGBT oder anderweitig geschlechtlich vielfältig sind und Personen, die es nicht sind;


(h) Ermutigen Sie religiöse Institutionen, inklusive Ansätze in Betracht zu ziehen, die die Teilnahme und Anerkennung von LGBT und anderen geschlechtlich vielfältigen Personen erleichtern;


(i) Engagieren Sie sich mit religiösen Führungskräften über Wege, auf denen ihre religiösen Institutionen ihren moralischen Standpunkt nutzen können, um Gewalt und Diskriminierung gegen LGBT und andere geschlechtlich vielfältige Personen zu verhindern und zu bekämpfen;


(j) Ermutigen Sie religiöse Institutionen, die Wege in Betracht zu ziehen, auf denen Vertreter in Fällen, in denen sie Diskriminierung gegen LGBT und andere geschlechtlich vielfältige Personen fördern, zur Verantwortung gezogen werden; und


(k) Verurteilen Sie Anstiftung zu Gewalt und Diskriminierung gegen LGBT und andere geschlechtlich vielfältige Personen und diejenigen, die ihre Rechte verteidigen, durch religiöse Führer und Anhänger. ...

 

Annex | Activities 2022–2023
1. Violence and discrimination based on sexual orientation and gender identity are never justified and must be prevented, investigated, prosecuted and, if relevant, punished and be at the base of measures of reparation. ...

Anhang | Aktivitäten 2022–2023
1. Gewalt und Diskriminierung aufgrund von sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität sind niemals gerechtfertigt und müssen verhindert, untersucht, strafrechtlich verfolgt und, falls relevant, bestraft werden und die Grundlage für Wiedergutmachungsmaßnahmen bilden. ...

​Dr. Victor Madrigal-Borloz (07. Juni 2023 | veröffentlicht am 28. Juni 2023, Jurist, Unabhängiger Experte der Vereinten Nationen für sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität, Bericht für die 53. Sitzung des UN-Menschenrechtsrates, A/HRC/53/37: Report of the Independent Expert on protection against violence and discrimination based on sexual orientation and gender identity (Advance unedited version), https://www.ohchr.org/en/documents/thematic-reports/ahrc5337-report-independent-expert-protection-against-violence-and | https://www.ohchr.org/sites/default/files/documents/hrbodies/hrcouncil/sessions-regular/session53/advance-versions/A_HRC_53_37_AUV.docx | abgerufen am 03.07.2024)

​​

"Nahezu jede Zeile des Berichts von Madrigal-Borloz ist beunruhigend. ... Wenn man nur die Freiheit hat, bestimmte, von LGBT anerkannte religiöse Überzeugungen und Praktiken zu vertreten und auszuleben, dann hat man überhaupt keine Religionsfreiheit."

 

Ron Kubsch (29. Juli 2023, Ev. Theologe, Studienleiter Martin Bucer Seminar München, Generalsekretär Evangelium21, RELIGIONSFREIHEIT, Experte: Religionsfreiheit muss LGBTQ+-Interessen untergeordnet werden, theoblog.de/un-experte-religionsfreiheit-muss-lgbtq-interessen-untergeordnet-werden/39748/, abgerufen im Juli 2024)

​​

"Die Welt ist im Wandel. Ich spüre es im Wasser. Ich spüre es in der Erde. Ich rieche es in der Luft. [Fußnote: Aus dem Intro der Film-Trilogie »Herr der Ringe«]

Wir erleben Zeiten der Veränderung und Erschütterung. Zeiten von neuen Aufbrüchen, aber auch von Auflösungen. ...​

So sehr sich der Wunsch nach Einheit intensiviert, so häufig fallen immer wieder neue Hindernisse auf. Gräben, die früher (noch) nicht gesehen wurden, werden sichtbar. Während früher unterschiedliche Lehrfragen in der Dogmatik Gemeinden dazu brachten, verschiedene Wege zu gehen, ist heute die Ethik ein trennendes Element. ...


In den heutigen Debatten halte ich zwei Gefahren für bezeichnend, die zu umschiffen sind. Die eine Gefahr ist die Lieblosigkeit und Verachtung. Es ist eine Sünde von uns Evangelikalen, wie wir mit homosexuell Empfindenden umgegangen sind. Hier ist eine Umkehr notwendig. Wir dürfen nie vergessen, dass es hier um wunderbare Menschen geht, für die Jesus aus Liebe gestorben ist. ...

Gott liebt homosexuell empfindende Menschen unendlich. Die Aufgaben der Christen ist es, homosexuell empfindende Menschen zu lieben, wie sich selbst! Hier darf es keine Abstriche geben. ...

Die zweite Gefahr ist eine ethische Beliebigkeit, wenn die Liebe (oder was dafür ausgegeben wird) gegen die Wahrheit ausgespielt wird. ... 

Ich wünsche mir und bete für eine Rückbesinnung und neue Konzentration auf die Werte, die in der Kirchengeschichte die Erfolgsgeschichte der evangelikalen Bewegung begründet haben: Den persönlichen Glauben und die begeisterte Nachfolge von Christus, das Vertrauen, dass sein Wort, die Bibel, Wahrheit ist und unser Leben bestimmt und den Heißhunger nach diesem lebendigen Wort Gottes. Das Gebet um Erweckung und Erneuerung. Die brennende Liebe zur Welt ...

​Ich vertrete folgende These: Die Kirche der Zukunft wird theologisch konservativ und in ihren Formen vielfältig und kreativ sein, oder sie wird gar nicht sein.
Die Kirche der Zukunft wird eine ethische Kontrastgesellschaft sein, die sich aus dem Wort Gottes her definiert und sich auf Gottes Weisungen ausrichtet, auch wenn sie damit im Widerspruch zum Zeitgeist steht.

 

Die frühe Kirche ist diesen Weg gegangen. Die Geschichte der frühen Christen war auch deshalb eine Erfolgsgeschichte, weil sie die biblische Ethik im Kontrast zur Umwelt lebten. Die gläubigen Juden und Christen lebten gerade auch in der Sexualethik eine ethische Kontrastgesellschaft. Sie lehrten und lebten es aus, dass Sexualität ihren Platz in einer Ehe von Mann und Frau hatte. Daran hielten sie auch fest in einem heidnischen Umfeld ...​

Gooding und Lennox folgern zutreffend: „Im Hinblick auf die Sexualmoral ähnelte die griechisch-römische Welt, in die das Christentum hineingeboren wurde, stark unseren heutigen freizügigen Gesellschaften. ...

Stand heute ist es nicht abzusehen, wie die Entwicklung in der evangelikalen Welt verlaufen wird. Meine persönliche Prognose ist, dass es zu Brüchen kommen wird und dass die liberal/progressive Richtung sich mit der Zeit vom Hauptstrom der evangelikalen Christenheit abtrennt und neue Allianzen im liberalen protestantischen und liberalen katholischen (in Deutschland) Spektrum schmiedet. ...

Der Wunsch nach einer verbindenden geistlichen Einheit ist tief, aber er erscheint mir gleichzeitig wie eine verblassende Utopie. ... Die christlich evangelikale Welt steht in Deutschland am Vorabend einer großen Weichenstellung."

 

Pastor Johannes Traichel (11. Juli 2022, Evangelischer Theologe, FeG Donaueschingen, Evangelikale und Homosexualität. Für eine Kulturreform, jOTA Publikationen)

​​​


"Gibt es nicht andere Themen, die uns dringender beschäftigen sollten als die Frage nach der Beurteilung homosexueller Beziehungen? Können wir es uns leisten, so viel Zeit und Kraft in die Auseinandersetzung um diese Frage zu investieren? Und verlieren wir dabei nicht das Zentrum unseres Glaubens, Jesus Christus, aus dem Blick? ...

 

Was tun wir hier gerade? Was treibt uns an, wo immer wir in dieser Diskussion auch stehen?"

Prof. Dr. Christoph Raedel (20. Februar 2017, Systematische Theologie u. Theologiegeschichte | Freie Theologische Hochschule Gießen (FTH), ​Bunt wie ein Regenbogen? Die christliche Ehe in theologisch-ethischer Perspektive in: Homosexualität: Biblische Leitlinien, ethische Überzeugungen, seelsorgerliche Perspektiven, Andrew Goddard (Hg.), Don Horrocks (Hg.), Brunnen; 3. Edition 2017, S. 153)

Postevangelikale

Postevangelikale (von lateinisch post ‚hinter‘, ‚nach‘) 

"Die »Post-« ist da. Auch wenn die altehrwürdigen Filialen aus vielen Dörfern verschwunden sind, scheint die Post in aller Munde: »postmodern«, »postfaktisch«, »postkolonial«, postevangelikal« – die »post-« schwirrt herum in unseren Köpfen und füllt Zeitungsspalten und Buchseiten. Spaß beiseite: Das Wort ist ursprünglich lateinisch und bedeutet »nach-«. 


Es zeigt an, dass sich irgendetwas in unserer Gesellschaft, unseren Köpfen, unserer Welt verändert hat. Man kann die Zeit vor und nach dieser Veränderung unterscheiden.


In der Menschheitsgeschichte hat es schon mehrere kulturelle Umbrüche dieser Art gegeben – der Übergang von der Antike zum Mittelalter, vom Mittelalter zur Neuzeit oder »Moderne«. Und jetzt? Wir leben in irgendwas danach. Und in was wir leben, das kam über uns wie eine Welle mit Ansage. 
Friedrich Nietzsche (1844–1900), der oft der »Philosoph der Postmoderne« genannt wird, hat diese Welle schon vor fast 150 Jahren kommen sehen. … »Was taten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? Wir haben den Horizont weggewischt!« …


Sie hatte sich angekündigt – ganz sachte zuerst, wie ein Spiel im seichten Wasser. Was war das noch nett, als wir so ungefähr vor dreißig Jahren aufhörten, uns zu streiten, was »Wahrheit« ist, und stattdessen akzeptierten, dass es »meine« und »deine« Wahrheit gibt. … Meine Wahrheit ist halt meine und nicht deine. Und wir hatten schließlich noch genug gemeinsame Wahrheiten, die uns einen sicheren Stand ermöglichten. 


Wir waren wie die Schwimmer in der beginnenden Ebbe, die noch sicheren Boden unter den Füßen wähnten und gar nicht merkten, wie sie sachte ins Meer hinausgezogen wurden, während sich die Welle aufbaute, in der die subjektiven Wahrheiten immer umfassender und bestimmender wurden und die noch vorhandenen gemeinsamen Wahrheiten Stück um Stück dekonstruierten. 

Die Welle, die sich in den Zirkeln der Philosophen und Soziologen, der Sprach- und Literaturwissenschaftler aufgebaut hatte, brach dann in voller Breite über die harmlos in »meiner« und »deiner« Wahrheit Planschenden herein.

Wenn ich mich umhöre, in welchem Themenzusammenhang die Menschen zuerst wahrgenommen haben, dass sich die Spielregeln des Debattierens gerade ändern, wird sehr oft der Bereich von Ehe, Familie und Sexualität genannt. …


»Wahr« ist nicht wahr, sondern nur ein verborgenes »Wir wollen«. Und nun wollen wir halt etwas anderes. ...
Der Horizont, an dem sich Himmel und Erde, Luft und Ozean unterscheiden, ist weggewischt. Wahrheitsansprüche sind nur noch Machtansprüche, nichts weiter. … Diskursive Macht (Empörung und Shitstorms) ersetzte die Debatte. Und ein neues Bonmot kam in die Welt, das das angeblich postmoderne Anything goes ersetzte:

 

»Das geht gar nicht!« …


Es gab Menschen, die meisterhaft auf dieser Welle zu reiten verstanden und sie vor allem über die Medien in die Öffentlichkeit brachten. 
Und es gab Menschen, die sich von dieser Welle überspült fühlten – das waren die, die sich selbst als »konservativ« verstanden. Sie fanden sich selbst plötzlich in der Rolle der Unmenschen und die Werte, die sie vertraten, als delegitimierte Unmöglichkeiten am Rande der Gesellschaft. 


Sie hatten die Welle nicht erwartet und sie waren nicht vorbereitet. Die Nichtkenntnis der neuen Regeln, die jetzt plötzlich galten, war der entscheidende Vorteil derer, die als Avantgarde gekonnt auf der Welle der Postmoderne surften – darunter auch viele Christinnen und Christen mit bibelkritisch-liberaler Einstellung. 
Für sie war die neue Philosophie ein Mittel, um Vorgegebenheiten der herkömmlichen Glaubenslehre als menschliche Machtwirkungen zu dekonstruieren und durch zeitgemäße Vorstellungen zu ersetzen.

Es war ein tolles Gefühl von Macht und Einfluss: Wir machen den neuen Horizont, an dem sich Glaube und Gesellschaft orientieren sollen."


Dr. theol. Gerrit Hohage (22. März 2024, Pfarrer Ev. Kirchengemeinde Gundelfingen, Tief verwurzelt glauben: Wie man heute christlich denken kann. SCM R.Brockhaus)


"Postevangelikale distanzieren sich vom Fundamentalismus im Allgemeinen und vom fundamentalistischen Schriftverständnis im Besonderen. Sie legen großen Wert auf intellektuelle Redlichkeit."


Prof. Dr. Thorsten Dietz (7. April 2022, Ev. Theologe, bis 2022 Professor für Systematische Theologie an der Ev. Hochschule Tabor, Privatdozent Universität Marburg, Fokus Theologie Reformierten Kirche Kanton Zürich/Schweiz, Worthaus Referent, Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt, SCM R.Brockhaus; 1. Edition 2022, S. 326)

"Persönlich möchte ich hier von einem „offenen Pietismus“ sprechen, der bewusst zurückgreift auf Traditionen VOR dem Entstehen der evangelikalen Bewegung, die sich in den heutigen Herausforderungen als fruchtbar erweisen können.

In diesem, aber nur in diesem Sinne, ist es dann auch vertretbar, dass ich die Ehre hatte, im von Thorsten Dietz und Martin Hünerhoff verantworteten Podcast „Das Wort und das Fleisch“, als „Coverboy“ für die Folge „Der Postevangelikalismus“ ausgewählt zu werden."

Dr. Michael Diener (3. September 2021, Ev. Theologe, Mitglied im Rat der EKD, Dekan protestantischer Kirchenbezirk Germersheim, 2009-2020 Präses Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, 2012-2016 Vorsitzender Deutsche Evangelischen Allianz, Raus aus der Sackgasse! Wie die pietistische und evangelikale Bewegung neu an Glaubwürdigkeit gewinnt, adeo Verlag 2021, S. 217)​

"Post-Evangelikale lesen die Bibel differenziert, lieben Ganzheitlichkeit, sind weltoffen, setzen Beziehung vor Organisation, suchen ein glaubwürdiges Christsein und haben die Liebe Gottes als Hauptantrieb im Glauben. 


Evangelikale, von denen sich Post-Evangelikale abgrenzen, lesen demzufolge die Bibel vermutlich undifferenziert, sind einseitig geistlich und gegen soziales Engagement, sehen die Welt als böse, setzen Strukturen vor Menschen, leben ein unglaubwürdiges Christsein und kennen vor allem einen strafenden Gott. …


Ich glaube ..., dass es ein mitunter bewusst eingesetztes Narrativ gibt, das die evangelikale Bewegung diskreditieren möchte. … Also was ist hier los? … Was früher klar war, ist es jetzt nicht mehr. Das ‘Christliche’ ist nicht mehr plausibel, und zwar bis in die Fundamente hinein. ...


Natürlich gibt es in evangelikalen Gemeinschaften diese Gruppen und Personen, welche die Bibel undifferenziert lesen, gegen Ganzheitlichkeit sind, weltverschlossen bleiben usw. Vielleicht sind die Post-Evangelikalen solchen Leuten begegnet und reagieren gegen diese ungesunden Ausprägungen in der großen und vielfältigen evangelikalen Landschaft.

 

Umso wichtiger wäre es, die wirklichen evangelikalen Wurzeln wieder zu entdecken. ... Schaffen wir in allen evangelikalen Gemeinschaften Räume, in denen unsere Jugend, unsere Zweifler, Denker und Fragenden ihre Gedanken wirklich äussern können. Und erschlagen wir ihre Fragen nicht mit vorschnellen, platten Antworten, sondern treten wir in eine begleitende, liebevolle Beziehung mit ihnen ein.

In der Bibel sehen wir, dass Gott kein Problem mit ehrlich fragenden Gläubigen hat. Im Gegenteil kritisiert Gott unehrliche Religion.


In unserer Gemeinde machen wir Abende mit dem Titel ‘Keine Frage ist tabu’. Aber noch wichtiger als diese Abende sind die persönlichen Gespräche. In diesen erlebe ich, wie Christen und Nichtchristen sich trauen, ihre wirklichen Zweifel und Fragen zu formulieren. …


Wenn es abgesehen von ungesunden Auswüchsen NICHT stimmt, dass evangelikale Christen die Bibel undifferenziert lesen, eine einseitige Betonung der geistlichen Dimension leben, die Welt nur als böses Umfeld sehen, kirchliche Systeme vor Menschen stellen, unglaubwürdig glauben und nur den strafenden Gott kennen, dann sollte man das da und dort auch sagen. …

Was ich mir wünsche ist, dass leitende Personen in Kirchen und theologischen Ausbildungsstätten das Framing der Evangelikalen nicht nur kritiklos stehen lassen. Ich erlebe (abgesehen von Ausnahmen) viele evangelikalen Leiter, die in der ‘großen Mitte’ stehen, als nahezu mundtot. Wir dürfen auch mal entspannt äußern, dass ein sehr einseitiges Framing stattfindet. 

Wir dürfen und sollen das framende Narrativ auch kritisch hinterfragen, und zwar um jener Christen Willen, die tatsächlich Zweifel und Fragen haben. Wenn Leiter keine kritischen Fragen einfließen lassen und den Menschen nicht helfen, selbst kritisch zu denken, laufen sie mit dem irreführenden Narrativ.

Und dieses Narrativ lautet aktuell häufig, dass Evangelikale umfassend weltfremde, menschenfeindliche, apokalyptische Dualisten sind. Dieses Narrativ stimmt einfach nicht. …


Jesus sagt: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. (Joh 20:21)

Ich sehne mich danach, mit vielen Christen aller Couleur und Herkunft, diesen ganzheitlichen Auftrag auszuleben! Kirche zu leben, in der die Botschaft von Jesus so gepredigt wird, dass Menschen von einem Leben ohne oder sogar gegen Jesus umkehren, um mit ihnen zusammen Jesus Christus anzubeten! ...

Ich wünsche mir, dass Christen aller Schattierung und Herkunft, auch Post-Evangelikale Christen am Schein der Medien und irreführenden Narrative vorbei schauen und mit einsteigen in das Abenteuer der Christenheit, Jesu ganzheitliches Heil zu empfangen und weiterzugeben!"

Pastor Paul Bruderer (14. März 2021, Ev. Theologe, Dozent f. Dogmatik Theologisches Seminar St. Chrischona,  Pastor Chrischona Gemeinde Frauenfeld, Elektroingenieur, Die evangelikalen Post-Evangelikalen, danieloption.ch/featured/die-evangelikalen-post-evangelikalen/ Abgerufen am 07.06.2024)

 

 

 

"Wir haben in den letzten zwanzig bis dreißig Jahren mehr Veränderungen erlebt, als Menschen früherer Jahrhunderte in ihrem ganzen Leben.“


Prof. Dr. Carl R. Trueman (Juni 24, Grove City College Pennsylvania USA, Evangelium21“-Konferenz Hamburg, Hoffnungsvoll trotz gesellschaftlicher Veränderungen, idea.de/artikel/hoffnungsvoll-trotz-gesellschaftlicher-veraenderungen, Abgerufen am 17.06.2024)
 

"Wir machen alles so wie alle anderen auch, nur 20 Jahre später."

Pfarrer Rudolf Westerheide (Mai 2007, Bundespfarrer des Jugendverbands „Entschieden für Christus“ (EC), Hauptamtlichen-Kongress des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands (Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften)

 


"Positionen der historisch-kritischen Bibelexegese sind nicht mehr des Teufels; auch unter den Evangelikalen wird über Widersprüche und Irrtümer in der Schrift debattiert. ...


Tendenziell wachse die Zahl der Progressiven seit etwa 20 Jahren kontinuierlich und die der Konservativen gehe langsam zurück … Flügelkämpfe sind programmiert."

Gernot Facius (20. Februar 2008, Die "Frommen" sind auf dem Vormarsch, DIE WELT)

"Christen leben ihr Leben oft im Modus des Kampfes. Aber wenn der Glaube nur noch kämpft, dann wird er kraftlos und freudlos."

Pfarrer Dr. Friedemann Fritsch (19.06.2024, Studienleiter Praktische Theologie Albrecht-Bengel-Haus, TurmTreff: Zweifel nicht zum Prinzip erheben. Theologisches Studienhaus ermutigte zu einem selbstbewussten Glauben, IDEA SPEKTRUM 25.2024, S. 25)
 

"Wir leben in einer Welt, in der unsere Seelen viel zu oft in Alarmbereitschaft sind. Das Leben ist komplex geworden ... Ständig wechseln wir die sozialen Settings, laufend wird ein anderes Verhalten von uns verlangt. … Wir sind … oft sehr unter Druck. Wir zeigen das nicht nach außen …
Unsere Welt wird immer verrückter und ich finde, wir sollten darüber reden. Schließlich haben wir nur dieses eine Leben und wir dürfen nicht zulassen, dass es dem Wahnsinn zum Opfer fällt. … Was ist los mit mir? Verwandle ich mich gerade in eine kalte, lieblose Person? … 


Unsere Welt ist außer Kontrolle, und wenn wir nicht achtsam sind, reißt sie unsere Seele mit sich in den Abgrund. Ob es einen Ausweg aus diesem Dilemma gibt? Ich glaube, wir bräuchten mehr von Gott in unserem Leben, das würde helfen. … Immerhin ist er die Quelle des Lebens. 

„Menschen suchen Zuflucht im Schatten deiner Flügel. Sie dürfen den Reichtum deines Hauses genießen, und aus einem Strom der Freude gibst du ihnen zu trinken. Bei dir ist die Quelle allen Lebens, in deinem Licht sehen wir das Licht“ (Psalm 36,8-10). 

Wenn mehr von seinem übersprudelnden Leben durch uns strömen würde, wäre das eine Wohltat für unsere gequälten Seelen. … Das schnelle und von Informationen überflutete Leben setzt der Seele so zu, dass sie nicht mehr in der Lage ist, sich an der Quelle, beim Schöpfer, zu erfrischen und aufbauen zu lassen. 


So scheint die Lage in zweifacher Hinsicht aussichtslos. Nachdem ich festgestellt hatte, wie sehr meine Seele schon gelitten hatte, machte ich mich auf die Suche nach Abhilfe. Schnell erkannte ich: Gottes Nähe ist das Heilmittel. Wenn ich mehr von ihm erfüllt bin, kann ich dem Alltag besser standhalten. 
Also tat ich, was man als Christ so tut: beten, Bibel lesen, Gott anbeten, Abendmahl feiern. Trotzdem wurde ich das Gefühl nicht los, dass meine Beschäftigung mit Gott sich nur oberflächlich auswirkte. …


Glücklicherweise hörte Jesus auch meine oberflächlichen Gebete. Er kam mir zu Hilfe …


Langsam begann meine Seele, sich zu erholen … Mein Leben mit Gott begann, mir wieder Freude zu machen, und schließlich erlebte ich dieses Mehr von ihm, das ich mir so sehr gewünscht hatte. Leben kehrte in meine Seele zurück. …


„Kommt alle her zu mir, die ihr euch abmüht und unter eurer Last leidet! Ich werde euch Ruhe geben. Vertraut euch meiner Leitung an und lernt von mir, denn ich gehe behutsam mit euch um und sehe auf niemanden herab. Wenn ihr das tut, dann findet ihr Ruhe für euer Leben. Das Joch, das ich euch auflege, ist leicht, und was ich von euch verlange, ist nicht schwer zu erfüllen“ (Matthäus 11,28-30 Hfa). ...

 

Unsere Seelen sind trüb geworden, verletzt, besudelt. Trotzdem können wir immer noch lieben, hoffen und träumen. …
Wir können uns das Leben zurückerobern und wieder frei und unbeschwert leben. Die Welt bleibt grausam, aber Gott ist sanft; er weiß, was es heißt, in dieser Welt zu leben. …

Es tut so gut, an den Gott erinnert zu werden, den wir lieben – sich wieder darauf zu besinnen, wie er wirklich ist, wie gütig und freundlich sein Herz ist."


John Eldredge (24. Juli 2020, Wo die Seele atmen kann: Wege zur Entschleunigung, Brunnen Verlag Gießen)

 

 

 

"Aufruhr unter evangelikalen Christen." (FAZ)

"Dem sogenannten Mainstream in Deutschland die Stirn zu bieten ist für die rund 600.000 evangelikalen oder pietistischen Christen in Deutschland nichts Ungewöhnliches. Dass sie dabei darüber streiten, wie strikt die Bibel auszulegen ist, ist ebenfalls nicht unüblich. Der Aufruhr, der allerdings derzeit in den evangelikalen Verbänden herrscht, geht über die üblichen Differenzen weit hinaus.

Im Zentrum der Debatte, die sich wieder einmal am Thema Homosexualität festmacht, steht Michael Diener. Der 53 Jahre alte Theologe aus der Pfalz steht nicht nur dem Gnadauer Gemeinschaftsverband vor, in dem etwa 300.000 innerhalb der evangelischen Landeskirchen organisierte Pietisten zusammengeschlossen sind. Diener ist seit einigen Jahren auch Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, des Dachverbands der evangelikal, pietistisch oder charismatisch orientierten Christen.

Innerhalb dieses weiten Spektrums vertritt Diener eher liberale Auffassungen. Seit Jahren kritisiert er die Fokussierung seiner Bewegung auf das Thema Homosexualität nicht nur als einseitig, sondern auch als wenig zuträglich für das Grundanliegen, Menschen für den Glauben zu gewinnen."

Reinhard Bingener FAZ (20. Januar 2016, ev. Theologe, FAZ-Korrespondent, Aufruhr unter evangelikalen Christen. Der Streit über den Umgang mit Homosexualität wird zu einem Richtungsstreit, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.01.2016, Nr. 17, S. 8)

 

"Die evangelikale Bewegung zerlegt sich: Die einen gehen auf Schmusekurs mit der Amtskirche, die anderen halten eine Annäherung schon für einen Sündenfall. Steht der Protestantismus vor einer neuen Spaltung? …

Gerade ist ihr Spitzenmann Michael Diener in die Führung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gewählt worden. … Die Hälfte, so schätzen Kenner, liegt wahrscheinlich auf Dieners Reformkurs."

Hannes Leitlein und Wolfgang Thielmann (23. Januar 2016, Redakteure Christ & Welt, Wertestreit: Im Glauben zerissen, Christ & Welt Ausgabe 04/2016, www.christundwelt.de)


"Einer der wesentlichen Punkte … ist die hermeneutische Frage. Wie verhält sich die ja auch kirchlicherseits immer wieder betonte umfassende Autorität der Heiligen Schrift zu ihrer gegenwartsbezogenen Auslegung?

Aus der Beantwortung dieser Frage ergeben sich fast alle Spannungsfelder. Aktuell könnte ich da die Diskussionen um das Verständnis des Sühnetodes Jesu nennen, aber natürlich auch die bleibenden ethischen Differenzen, etwa in der Bewertung der Homosexualität."

Präses Dr. Michael Diener (19. Januar 2012, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz DEA, Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, 2005 - 2009 Dekan d. Protestantischen Dekanat Pirmasens - Evangelische Kirche der Pfalz, Landeskirchen und Evangelikale kann man nicht trennen, www.evangelisch.de)

"Inzwischen ist das Spektrum universitärer Theologie ebenso wie die Auslegungspraxis an freikirchlichen und missionarischen Werken sehr viel breiter geworden. Der Respekt vor dem kanonischen Endtext und die Anerkennung der Bibel als Wort Gottes ist auch im Bereich der EKD üblicher geworden, ebenso wie historische und wissenschaftliche Schriftauslegung in evangelikalen Kreisen."

Prof. Dr. Thorsten Dietz (7. April 2022, Ev. Theologe, bis 2022 Professor für Systematische Theologie an der Ev. Hochschule Tabor, Privatdozent Universität Marburg, Fokus Theologie Reformierten Kirche Kanton Zürich/Schweiz, Worthaus Referent, Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt, SCM R.Brockhaus; 1. Edition 2022, S. 269)

"Die evangelikale Welt wackelt" …


"Man kann durchaus über historisch-kritische Methoden diskutieren, aber … es reicht uns nicht aus, nur eine Kirche im Dialog zu sein, die die Einheit in Vielfalt beschwört. Eine Kirche, die alle theologischen Meinungen erlaubt, gibt keine Orientierung mehr. … 


Den Postevangelikalismus mit seiner Dekonstruktion des Evangeliums gibt es nicht nur im BEFG [Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland], sondern auch in anderen Bünden. Die evangelikale Welt wackelt und sortiert sich neu."

Pastor Alexander Rockstroh (17.04.2024, Ev. Theologe u. Betriebswirt, Geschäftsführer ChristusForum, Mitglied Präsidium Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in Deutschland, Die evangelikale Welt wackelt. Droht ein Scheidungskrieg zwischen Baptisten und ChristusForum?, IDEA – Das christliche Spektrum 16.2024, S. 17f.)

 


"Ich glaube, dass ich sagen kann - für unsere Bewegung [Evangelische Allianz], dass die Zahl derjenigen, die die Bibel Wort für Wort wörtlich nehmen - die sagen jedes Wort, jeder Buchstabe ist verbal von Gott inspiriert – und die Bibel ist sozusagen vom Himmel gefallen, dass der Kreis derjenigen nicht allzu groß ist."

Jürgen Werth (7. Oktober 2007, 2006 - 2011 Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), 1994 bis 2014 Direktor des Evangeliums-Rundfunks (ERF), Hardliner Gottes - die Diskussion. Diskussion mit Meinhard Schmidt - Degenhard über christliche Fundamentalisten in Deutschland. Hessischer Rundfunk, Sonntag, 7. Oktober 2007, 10:00 Uhr, HR Horizonte)

 


"Heutzutage gibt es nicht mehr allzu viele Fundamentalisten. Ich weiß nicht, ob Sie das wissen oder nicht, aber sie sind eine kleine Minderheit. ...
Nun, das Wort "Fundamentalist" kommt tatsächlich aus einem Dokument aus den 1920er Jahren mit dem Titel “Die 5 Fundamente des Glaubens”. [Irrtumslosigkeit der Bibel, Jungfrauengeburt, Sühneopfer, leibliche Auferstehung u. Wiederkunft Christi]

 

Und das ist eine sehr gesetzliche, enge Sicht des Christentums"

Dr. Rick Warren (23.05.2005, Evangelikaler Theologe, 40 Tage Leben mit Vision, Pew Forum on Religion, Monday, May 23, 2005 - Key West, Florida)

 

"Fundamentalismus ist eine Angstreaktion auf die Verunsicherung der Moderne. Für einen Fundamentalisten ist die Bibel das Fundament des Glaubens, in allen Aussagen völlig irrtumslos und unfehlbar. …
Der Pietist sagt: „Ich glaube an Jesus Christus, von dem in der Bibel Zeugnis abgelegt wird." Der Fundamentalist glaubt sowohl an Jesus Christus als auch an die Bibel."

Pfarrer Dr. Christoph Morgner (26.08.2009, Theologe, 1989 - 2009 Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands, Pietisten sind keine Fundamentalisten, ideaSpektrum 35/2009, S.15)

 


Warren sagt voraus, dass der Fundamentalismus in allen Spielarten "einer der großen Feinde im 21. Jahrhundert sein wird."

"Muslimischer Fundamentalismus, christlicher Fundamentalismus, jüdischer Fundamentalismus, säkularer Fundamentalismus – sie werden alle von Furcht angetrieben."

Dr. Rick Warren (08.01.2006, Evangelikaler Theologe, „The Purpose-Driven Pastor“, The Philadelphia Inquirer)

Rick-Warren

Dr. Rick Warren (23. Februar 2006)

"Rick Warren" by jurvetson is licensed under CC BY 2.0.

 

 

 

"Tatsächlich besteht eine der schlimmsten Sünden des Christentums darin, die Bibel zum Gegenstand des Glaubens gemacht zu haben. …
Dabei ist der Gegenstand des christlichen Glaubens doch gerade nicht die Schrift, sondern Jesus. Mit der Behauptung, dass die Bibel Wort für Wort von Gott inspiriert sei, hat man die historische Kritik an der Bibel erst heraufbeschworen und damit die Krise des traditionellen Christentums mit erzeugt."

Prof. Dr. Herbert Schnädelbach (25. März 2009, Philosoph. Das Streitgespräch, ideaSpektrum 13/2009, S. 18)

 


"Es muss unter uns dem Missverständnis gewehrt werden, als sei das Bibelbuch das Fundament unseres Glaubens.


Paulus sagt uns anderes: Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus (1Kor 3,11). Damit wird die Basis unseres Glaubens markiert. ...
Unser Glaube ist Personglaube, der sich auf Jesus Christus richtet. Betrachten wir dagegen die Bibel als unser Glaubensfundament, kommen wir aus der ständigen Defensive nicht heraus.
Dann werden uns die Zeitgenossen genüsslich auf manche Stellen im Alten Testament hinweisen, in denen von göttlich legitimierter Gewalt die Rede ist. Dann haben wir mit Abwehr und Apologetik, z.B. in der Schöpfungsfrage, genug zu tun, ohne missionarisch auch nur einen Schritt voranzukommen." 

Dr. Christoph Morgner (Februar 2007, Theologe, 1989 - 2009 Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbands [Vereinigung Landeskirchlicher Gemeinschaften], Theologischer Bericht des Präses 2007, Seite 22 u. 23)

 


"Jesus Christus treu zu sein ist wichtiger, als der Bibel treu zu sein. Nur dort, wo wir Jesus Christus treu bleiben können, dürfen wir auch der Bibel treu bleiben. Im Konfliktfall argumentieren wir ohne jedes Zögern mit Jesus Christus gegen die Bibel! …

Hätte Jesus auch alle erstgeborenen Söhne der ägyptischen Bevölkerung im Schlaf erwürgt, weil der Pharao verstockt war (vgl. Ex 11)? Hätte Jesus auch sämtliche Baalspriester umbringen lassen, wie es von Elia berichtet wird (vgl. 1 Kg 18,40)? …

Der Ausdruck »bibeltreu« hat auf diejenigen, die mit ihm aufgewachsen sind, eine tiefe emotionale Wirkung. Das Gegenteil von »treu« ist »untreu« bzw. »treulos«. Diese Worte sprechen die tiefsten Schichten des Menschen an. Die indirekte und direkte Botschaft des Ausdrucks »bibeltreu« lautet: »Nur wenn du unser Bibelverständnis beibehältst, bist du der Bibel und damit auch Gott treu. Wenn du dieses Bibelverständnis aufgibst, wirst du der Bibel und Gott untreu. Und das kannst du doch nicht wollen.«

Im Blick auf eine Öffnung gegenüber der Bibelwissenschaft kann die tief sitzende Wirkung dieses Worts eine Blockade hervorrufen und Angst verursachen: »Werde ich jetzt der Bibel und Gott untreu? Das will ich auf keinen Fall.«

In dieser Situation ist es wichtig, sich über Folgendes klar zu werden: Wenn ich mich der Bibelwissenschaft öffne, werde ich keineswegs der Bibel oder sogar Gott untreu. Ich werde lediglich einer bestimmten Sicht der Bibel »untreu« und auch das nur, weil ich eine angemessenere Sicht der Bibel kennengelernt habe."

Prof. Dr. theol. Siegfried Zimmer (1. März 2007, Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Worthaus Referent, Schadet die Bibelwissenschaft dem Glauben? Klärung eines Konflikts)

 


 

Prof. Dr. theol. Siegfried Zimmer, Worthaus Referent (16.08.2014)

"Ich frage mich, ob es nicht oftmals so ist, dass gerade die wahrhaft Gläubigen, indem sie ihren Glauben überziehen, Unglauben auslösen, weil sie in ebendiesem Überziehen zur Unfreiheit neigen und dabei unglaubwürdig werden.

Hier stellt mich die Theologiegeschichte vor eine offene Frage: Wie können wir es besser machen, ohne an der Intensität und Entschiedenheit unseres Glaubens Abstriche machen zu müssen? ...

»Ein breites Spektrum von evangelischen, katholischen wie freikirchlichen Theologen bezeichnet … die Bibel heute als Gotteswort im Menschenwort« (T. Dietz: Weiterglauben, S. 81)
Wir erkennen nun umgehend das Problem dieser Formel. Sie klärt nämlich gar nichts, weil sie an der entscheidenden Stelle uneindeutig bleibt. Sie hält fest: Die Bibel ist nicht »nur Menschenwort« – darin würde ich allerdings die Trennlinie zwischen überhaupt christlicher und atheistischer Theologie erblicken wollen. 


Aber was bedeutet »im«? Der Kern in der Schale? Zwei Worte, die man voneinander trennen kann – hier Menschenwort, da Gotteswort? Nach welchen Kriterien? Oder bedeutet das »im« so viel wie »in, mit und unter«, als Ganzheit, unvermischt und ungetrennt? 


Hellmuth Frey konnte bei schwierigen Textstellen sagen: »Hast du hier nicht auch das Gefühl, als hätte Gott sein Wort verlassen?« (vgl. Mt 27,46). Und dennoch hatte er auch bei diesen so menschlich-zerschlagenen Textstellen immer die Achtung, Ehrfurcht und Behutsamkeit dem Wort Gottes gegenüber – aus Respekt vor Gottes Identität, zu der die Sendung seines Wortes untrennbar gehört. 

Nun gibt es bei der ganzen Sache ein Problem: Wir können m. E. nicht einfach wählen, an welchen Jesus wir glauben. …
Am Anfang steht meist der innere Konflikt zwischen dem persönlichen Glauben und dem neuzeitlichen wissenschaftlichen Bewusstsein mit seiner inhärenten Axiomatik. Durch ein Gemeinschaftsereignis greift die Anfechtung über auf die Willensebene und führt dann zu einer Distanzierung vom »geschichtlichen, biblischen Christus« und von denjenigen, die an ihn glauben. 


Die Vorstellung eines »historischen Jesus«, der in Wirklichkeit nur Mensch war (wenn auch ein besonderer), stellt also – m. E. kann man das theologiegeschichtlich tatsächlich so sagen – die Kompensation einer Anfechtung auf der Ebene des Wollens dar, vollzogen jedoch in der Sprachform der von Lehre und Theologie.


Sie vollzieht eine Distanzierung von Jesus durch die Subtraktion seiner göttlichen Identität und substituiert die Leerstelle, die dabei zurückbleibt, mit den spekulativen Elementen des »historischen Jesus«. …

Indem sie die Verbindung zum echten, lebendigen Jesus Christus und so zu Gottes Identität in verschiedenen Graden schwächt bis hin zu ihrer völligen Zerstörung (z. B. Entkehrungen im Zuge des Theologiestudiums). 


Und genau dies ist nach meiner Überzeugung ein wesentlicher Bestandteil der Ursachenkette für den Sterbeprozess, den wir als evangelische Kirche in Deutschland gerade durchlaufen … 

Bei alldem gilt: Jesus Christus baut seine Kirche; wir sind nur Mithelfer – so wie er es immer getan hat und tun wird, bis er wiederkommt und wir ihn schauen in Herrlichkeit."
 

Dr. theol. Gerrit Hohage (22. März 2024, Pfarrer Ev. Kirchengemeinde Gundelfingen, Tief verwurzelt glauben: Wie man heute christlich denken kann. SCM R.Brockhaus)

"Manipulation ist die Kunst, jemand zu einem Zweck zu gebrauchen, den dieser nicht kennt.“ So definierte es der konservative Philosoph und Soziologe Arnold Gehlen. „Bei der Manipulation wird das Denken enteignet“, formulierte der deutsche Informationstheoretiker Karl Steinbuch. …

Bei manchen Theologen funktioniert das so, dass sie den Gegnern zunächst eine falsche Ansicht unterschieben, zum Beispiel, sie würden glauben, Gott habe die Bibel diktiert, um dann diese Sicht lächerlich zu machen. Als einzige Alternative bieten sie Bibelkritik.

Oder wie im Fall eines eben erschienenen Buches, das einen Konflikt zwischen der „Bibelwissenschaft“ und dem Glauben klären will. Hier behauptet der Verfasser zunächst, dass die Fundamentalisten an die Bibel glauben würden, statt allein an Jesus Christus. Anschließend erklärt er, wie „unbiblisch“ das sei, um dann „ohne jedes Zögern mit Jesus gegen die Bibel“ argumentieren zu können. …

Lassen wir uns das Denken nicht „enteignen“ und prüfen bei allem an der Heiligen Schrift, ob es sich wirklich so verhält!"

Karl-Heinz Vanheiden (Juli 2007, Physiker, Bibelübersetzer, Mitglied im Ständigen Ausschuss des Bibelbundes, seit 1994 Verlagsleiter des Bibelbund-Verlags, Bibel und Gemeinde 3/07 – 107. Jahrgang)

 

"Wer Jesus-treu sein will, muss absolut Bibel-treu sein, sonst macht er sich ein eigenes Bild von Gott."

Karl-Heinz Vanheiden (2006, Physiker, Bibelübersetzer, Bibel und Gemeinde 3/06 – 106. Jahrgang)

 


"Der moderne Klerus glaubt, den Menschen näher an Christus heranzuführen, wenn er dessen Menschtum betont. - Er vergisst, dass wir Christus nicht vertrauen, weil er Mensch ist, sondern weil er Gott ist."

Nicolás Gómez Dávila (1913 - 1994, kolumbianischer Philosoph, Aufzeichnungen des Besiegten. Fortgesetzte Scholien zu einem inbegriffenen Text. Wien: Karolinger, 1994, S.91)

 


"Als Gott in der Person Jesus Christus unter uns war, erklärte er das Alte Testament als in jeder Hinsicht zuverlässig (Matthäus 5,18; Johannes 10,35).


Wer sich zum Richter über Gottes Wort macht, hat Paulus (1. Timotheus 3,16), Petrus (2. Petrus 1,21) und die Reformatoren gegen sich, die die Schrift als Gottes Wort ansahen. Luther zum Beispiel sagt, dass „der Geist sich verbuchstabt" hat.

Der Begriff „bibeltreu" war als Synonym für „evangelikal" von jeher die Abgrenzung gegen historisch-kritischen Unglauben. So wie in keinem anderen als in Jesus das Heil ist, so gibt es neben der Bibel keine andere Offenbarungsquelle, um die von Gott für uns als sinnvoll befundenen Informationen zu erlangen.

Die Autoren der Bibel sind nach Epheser 2,20 das Fundament der Christen. Anstelle des lateinischen Kampfbegriffs „fundamentalistisch" hat man früher einfach „christlich" gesagt. Der Begriff „fundamentalistisch" ist der Versuch, Christen in Verruf zu bringen. Der Begriff ist eine unredliche Doppelsinnigkeit, durch die bibeltreue Christen mit islamitischen Selbstmordattentätern in einen Topf geworfen werden. …

Christen wissen: „Wenn dein Wort nicht mehr soll gelten, worauf soll der Glaube ruhn? Mir ist's nicht um tausend Welten aber um dein Wort zu tun" (Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, Gründer der Herrnhuter Brüdergemeine, 1700-1760)."

Christian Lepperhoff (17. Oktober 2007, Theologe, Pro & Kontra: Wer hat Angst vor christlichen Fundamentalisten? Zur Meldung „Alle einig gegen christliche ,Fundis'" ideaSpektrum Nr. 41, S. 30, ideaSpektrum 42/2007, Seite 4)

Es gibt "gewisse Charakteristika, die die unterschiedlichen Formen der historischen Kritik miteinander verbinden.

Ein solches Charakteristikum ist, dass die Bibel als das Wort des Menschen über Gott betrachtet wird statt als Gottes Wort über den Menschen und an den Menschen. ... 


Der wirkliche Inhalt der Theologie besteht nicht aus von Gott geoffenbarten Wahrheiten, sondern aus der menschlichen religiösen Erfahrung. ... Ist das der Fall? Die Antwort auf diese Frage wird bestimmen, wie und ob man das Wort Gottes überhaupt wirksam predigen kann.

Ein zweites Charakteristikum eines großen Teils der historischen Kritik ist ihr Glaube daran, dass die Bibel das Ergebnis eines evolutionären Prozesses sei. Dies ist bei der Entwicklung der Quellentheorie des Pentateuchs in der alttestamentlichen Wissenschaft am deutlichsten geworden. Aber es ist auch in der Formkritik Bultmanns offenkundig, die das Neue Testament als das Ergebnis des wachsenden religiösen Bewusstseins der frühen christlichen Gemeinden betrachtete. …

Rohe Auffassungen, wie etwa der Zorn Gottes, Opfer und eine sichtbare zweite Wiederkunft des Herrn Jesus Christus, müssen verworfen werden. Ebenso verhält es sich mit den verschiedenen Aspekten der Leitung einer Gemeinde und des biblischen Ethos.

Wenn wir beschließen, dass die Homosexualität heute keine Sünde mehr sein soll, dann ist es so. Wir können sogar auf die anhaltende Tätigkeit des Heiligen Geistes hinweisen, der uns neue Wahrheiten offenbart, um unsere Verwerfung solcher „aus der Mode gekommenen" ethischen Grundsätze zu unterstützen. …

Das dritte Charakteristikum eines großen Teils der historischen Kritik ist eine direkte Folge der ersten beiden: Es besteht darin, dass man über die Schrift hinausgehen muss, wenn man Gottes Willen für heute erfahren will."

Dr. theol. James Montgomery Boice (1938 – 2000, Theologe, Der Prediger und das Wort Gottes)

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Ulrich Eggers (8 February 2018)

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"Bibel-treu oder Jesus-treu? …


Die evangelikale Beziehungskrise zu Jesus. Sprich: Das Verherrlichen einer bibel-gebundenen Rechtgläubigkeit, die sich ans Wort hält und deswegen so gut auch ohne die mühsam-zeitfressende Rückkopplung mit dem lebendigen Jesus auskommen kann.

Bibel-treu statt Jesus-treu.. Bibeltreu ist einfach, klar, schwarz-weiß, lässt sich schriftlich fassen, klar abgrenzen, bis zum bitteren Ende auskämpfen, intellektuell abarbeiten.

Jesus-treu? Was ist denn das? Ist das nicht schwammig? Und mühsam? …

Bei einer Buch-Religion muss ich gar nicht mehr um Wunder beten, den Lebendigen suchen, auf das Flüstern des Heiligen Geistes setzen - ich habe ja das Buch. … Wir sind keine Buch-Religion wie der Islam, sondern leben einen Beziehungs-Glauben."

Ulrich Eggers (2006, Vorsitzender von Willow Creek Deutschland, Pastor im Bund Freier evangelischer Gemeinden, Leiter des Bundes-Verlags Witten und "Aufatmen"-Chefredakteur, Aufatmen 02/06, SCM Bundes-Verlag, Seite 95-96)

 


"Ein in sich geschlossenes System, wie es der Fundamentalismus darstellt, nimmt gefangen – weil es darin zumindest scheinbar leichter ist, mit dem Leben zurechtzukommen, auf alle Fragen gibt es ja klare Antworten.

Zudem spielt im Fundamentalismus oft der Machtfaktor eine wichtige Rolle. Letztlich kommen Sie aus so einem geschlossenen System nur heraus, indem Sie ausbrechen. Und das geht womöglich nicht aus eigener Kraft. In den USA gibt es analog zu den Anonymen Alkoholikern die „Fundamentalists Anonymous“.


Insofern sehe ich den Fundamentalismus als das Gegenteil der Evangelischen Freiheit."

Prof. Dr. Erich Geldbach (September 2006, baptistischer Theologe, SMD transparent Marburg, smd.org/nc/lesestoff/transparent/archiv/3-06-fundamentalismus/?file=285&uid=1429)

 

"Der Monatsspruch für den Juni [Galater 5,1] benennt eine Freiheit, die nicht nur Symbol, sondern erfahrbare Wirklichkeit des neuen Lebens mit Christus ist. Mit ihr öffnet sich im wahrsten Sinne des Wortes eine „Neue Welt", die ihre Vollendung in Gottes Neuer Welt findet."

"Doch diese Freiheit ist gefährdet durch einen gefährlichen Virus."

Gemeinschaftsinspektor Otto-Erich Juhler (Juni 2006, Geminschaft unterwegs – Nr. 6, Ausgabe Juni 2006, 86. Jahrgang, Seite 2 – Editorial und Impuls, Mitteilungsblatt Evangelischer Gemeinschaftsverband Pfalz e.V.: Verband landeskirchlicher Gemeinschaften - freies Werk innerhalb der Evangelischen Kirche der Pfalz)

 


"Europa scheint von dem "fundamentalistischen" Bazillus aufgrund des Zaubertranks "Säkularität" weitgehend frei zu sein."

Prof. Dr. Volkhard Krech  (1. Juli 2005, Ev. Theologe, Ruhr-Universität Bochum, Europa als Wertegemeinschaft? Integralistische Tendenzen im Diskurs über die europäische Identität. - Die europäische Situation. In: Stefan Alkier / Hermann Deuser / Gesche Linde (Hg.), Religiöser Fundamentalismus. Analysen und Kritiken, Tübingen: Francke, 2005, S. 48)

 


"Fundamentalisten sind auch Menschen."

Prof. Dr. Dr. Heinrich Schäfer (30. Mai 2006, Ev. Theologe u. Soziologe, Universität Bielefeld, Fundamentalismen und Modernen, Evangelischer Pressedienst epd, epd-Dokumentation 22/2006, S. 11, Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik GEP)

Warnzeichen vor Biogefährdung (stock.adobe.com)

 

 

 

"Ich bin froh und dankbar, dass … ich nicht mehr mit biblizistischen Handschellen, geknebelt und eingeengt, herumlaufen muss. Ich lerne aus der weiten Welt der Theologie, sehe auch die Irrwege, aber bin so dankbar für vieles, was betend gedacht und denkend gebetet wurde – durch Generationen hindurch. ... (S.72)

Was damals als konservativer Aufbruch gegen die Theologie Rudolf Bultmanns, die historisch-kritische Bibelauslegung oder die Politisierung der Kirchen auf den Kirchentagen begann, ist im Laufe der Jahrzehnte vielerorts zu einem überalterten, völlig unevangelischen Verständnis eines Wächteramtes über den Glauben Dritter verkommen. 

Die Kombination aus konservativen Überzeugungen und dem Errichten einer „Bekenntnisfront“ gegenüber aktuellen Entwicklungen birgt in sich die immer neue Gefahr der Gesetzlichkeit. Und wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass „neben und hinter“ den bisher genannten Vertreter*innen eines derartigen Glaubensprofils sich vieles bis ins Extrem radikalisiert hat. 


Exklusive intolerante Bibelauslegung trägt die Gefahr der Sektiererei in sich – und zwar in einem hohen Maß. Und ich bin inzwischen nicht mehr der Meinung, dass an dieser Stelle eine substanzielle Verständigung möglich ist." (S.60)

Dr. Michael Diener (3. September 2021, Ev. Theologe, Mitglied im Rat der EKD, Dekan protestantischer Kirchenbezirk Germersheim, 2009-2020 Präses Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband, 2012-2016 Vorsitzender Deutsche Evangelischen Allianz, Raus aus der Sackgasse! Wie die pietistische und evangelikale Bewegung neu an Glaubwürdigkeit gewinnt, adeo Verlag 2021, S. 60 u. S. 72)​

 

"Ich habe lange Zeit mit dem Eindruck gelebt: Die großen Kirchen haben auf dem Weg in die Moderne manches an Substanz eingebüßt. Sie brauchen die Evangelikalen als Korrektiv, als Ruf zur Bibel. Mit der pauschalen Ablehnung von allem, was evangelikal heißt, schaden sich Kirche und Theologie selbst.

Inzwischen überzeugt es mich nicht mehr, Kritik an den Evangelikalen abzutun mit der Bemerkung, man dürfe negative Randphänomene nicht so hochspielen. Es ist zu einfach, bei allen problematischen Erscheinungen zu sagen: „Das ist nicht wirklich evangelikal, die Extremisten (Trumpianer, Wohlstandsevangelisten, Fundamentalisten etc.) gehören gar nicht richtig zu uns." Viel zu oft wurde das probiert."

Prof. Dr. Thorsten Dietz (7. April 2022, Ev. Theologe, bis 2022 Professor für Systematische Theologie an der Ev. Hochschule Tabor, Privatdozent Universität Marburg, Fokus Theologie Reformierten Kirche Kanton Zürich/Schweiz, Worthaus Referent, Menschen mit Mission: Eine Landkarte der evangelikalen Welt,  SCM R.Brockhaus; 1. Edition 2022)

 


"Nichts macht den Menschen so radikal blind, taub und ungehorsam, als der sichere Besitz einer unfehlbaren Lehre. (Wilhelm Stählin)
Genau da komme ich her. Mein stolzes Herz und Wesen musste erst geschüttelt und gerührt werden, bis mir dieses Wunder bewusst geworden ist. … Gott hat über seinem Wort gewacht und es in jeder Kulturepoche neu dynamisiert. …

Wie lächerlich sind angesichts dieses Wunders unsere geharnischten Versuche, uns für die reine Lehre zu verkämpfen, die Schrift dem Zugriff der Wissenschaft zu entziehen und vor dem Geist der Aufklärung und der Kontextualisierung zu warnen.

Wer das verstanden hat, lässt sich abrüsten von der Defensive reflexartiger Buchstabenverteidigung und gerät in die unbeschwerte freie Offensive eines vollmächtigen Zeugnisses vom gekreuzigten und auferstandenen und wiederkommenden HERRN."

Jürgen Mette (Ev. Theologe, 1997-2013 Leiter christliche Stiftung Marburger Medien, Zum Nachdenken, in: siegfriedzimmer.de/texte-anderer-autoren, Abgerufen am 08.04.2024)

Jürgen-Mette

Jürgen Mette, Marburger Medienhaus (15. Januar 2013)

"Jürgen Mette" by Medienmagazin pro is licensed under CC BY-SA 2.0.

 

 

"Bislang ging ich davon aus, dass zum Beispiel das Apostolische Glaubensbekenntnis … in den Freikirchen gesetzt ist, und dass deshalb von der Historizität der Jungfrauengeburt oder der Himmelfahrt ganz selbstverständlich ausgegangen wird. Ist dem jetzt nicht mehr so? 


Und stimmt es wirklich, dass jetzt auch im FeG-Verbund jede Gemeinde selbst entscheiden darf, ob sie gleichgeschlechtliche Paare traut oder nicht?

Mehr noch treibt mich die Frage um: Was wird eigentlich aus der Glaubensbasis der Deutschen Evangelischen Allianz? Dort wird zum Beispiel bekannt: 
„Die Bibel, bestehend aus den Schriften des Alten und Neuen Testaments, ist Offenbarung des dreieinen Gottes. Sie ist von Gottes Geist eingegeben, zuverlässig und höchste Autorität in allen Fragen des Glaubens und der Lebensführung.“

Das passt natürlich in keiner Weise zu einer Bibel, die veraltete Vorstellungen und Gottesbilder enthält, die in wichtigen historischen Angaben nicht ernst zu nehmen ist, die entgegen ihren eigenen Bekundungen nichts vorhersagen kann und in ethischen Fragen auch dann nicht ernst genommen werden muss, wenn ihre Aussagen eindeutig sind und alle durchgängig in die gleiche Richtung zielen.

Weiter frage ich mich: Wie soll Einheit noch gelingen, wenn zum Beispiel die neutestamentliche Selbstverständlichkeit, dass Jesus im AT vorhergesagt wird [Lukas 24, 25-27], nicht nur abgelehnt, sondern auch noch mit Arroganz und Antisemitismus in Verbindung gebracht wird?

 

Und wie soll Einheit noch gelingen, wenn sich bei der Kreuzestheologie solche Gegensätze auftun … Wir sind hier wohlgemerkt beim innersten und für mich persönlich unaufgebbaren Kern des christlichen Glaubens angelangt. Es ist der stellvertretende Opfertod Jesu, der mich bei jedem Abendmahl bewegt und mich mit meinen Mitchristen verbindet.

Welche Konsequenz wird es für die evangelische Allianz und ihre Einheit haben, wenn nun auch Vertreter des BEFG und des FeG-Verbunds diese allerwichtigste verbindende Glaubenswahrheit öffentlich verwerfen?

Was wird aus der evangelikalen Bewegung, den evangelikalen Werken (wie zum Beispiel der AEM) und den evangelikalen Großveranstaltungen, wenn man sich nicht einmal mehr auf diesen innersten Kern des Evangeliums einigen kann? …

Ich kann im Moment jedenfalls nicht anders als zu schlussfolgern: Damit ist dann wohl die missionarische Erfolgsgeschichte einer evangelikalen Bewegung, die Differenzen in den Randfragen aushalten konnte, weil sie in den wesentlichen Kernfragen übereingestimmt hat, Geschichte. Ich hoffe, ich täusche mich. Ich würde mich riesig freuen.

Ja, ich weiß: Jesus hat alles unter Kontrolle. ER wird seine Kirche trotz aller Rückschläge bauen. Ich weiß: Ich soll mir keine Sorgen machen, Hoffnung verbreiten und zuversichtlich in die Zukunft schauen, weil Jesus ganz sicher zu seinem Ziel kommen wird.

Morgen werde ich all das wieder tun. Aber heute trauere ich, dass ein weiteres Stück meiner evangelikalen Heimat verloren geht und damit auch eine Segensgeschichte abzubrechen droht, von der ich selbst so sehr profitiert habe."

Dr. Markus Till (10.09.2021, Biologe, Schriftsteller, Glauben – lieben – hoffen. Aber was? Blog: Aufatmen in Gottes Gegenwart, https://blog.aigg.de, Stand 15.10.2021)

Copyright Andrea Waghubinger 

"Meine Herren, es wackelt alles"

Prof. Dr. Ernst Troeltsch (5. Oktober 1896, Ev. Theologe, Eisenacher Tagung „Freunde der Christlichen Welt“, Walther Köhler: Ernst Troeltsch. Tübingen, J. C. B. Mohr 1941, S.1)

"Die Welt hat sich in den letzten 20 Jahren in einer dramatischen Weise verändert. Zukunftsforscher, Sozialwissenschaftler und Trendanalysten sprechen davon, dass wir in einer Zeitenwende leben. Ähnlich wie vor 500 Jahren, als Martin Luther in eine neue Welt aufbrach, ändert sich gerade unsere gesamte Lebenswirklichkeit."

Pfarrer Alexander Garth (9. September 2021, Berliner Stadtmission, Untergehen oder Umkehren: Warum der christliche Glaube seine beste Zeit noch vor sich hat. Evangelische Verlagsanstalt, S. 12)

"Dekonstruktion ist ein zentraler Ansatz unserer heutigen postmodernen Zeit. So ist es auch nicht mehr nur in Kreisen üblich, die man herkömmlicherweise als „theologisch liberal“ bezeichnet hat, zentrale theologische Wahrheiten zu „dekonstruieren“, also zu hinterfragen, umzudeuten und gegebenenfalls ganz aufzugeben. 

Auch unter Evangelikalen sind früher unantastbare Glaubensinhalte nicht mehr selbstverständlich. Theologisch steht vieles zur Disposition wie etwa die Inspiration, Wahrheit und Einheit der Heiligen Schrift, die vollkommene Sündhaftigkeit des Menschen, die Jungfrauengeburt, das stellvertretende Sühneopfer des Mensch gewordenen Gottessohnes, der doppelte Ausgang des Endgerichts zu ewigem Leben mit Gott oder ewiger Trennung von Gott. 
Auch im ethischen Bereich kommt es zu grundlegenden Neubewertungen, beispielsweise im Blick auf … Homosexualität. 


Man müsse, so häufig die Argumentation, traditionelle theologische Deutungen im Licht heutiger Erkenntnisse neu beurteilen. Durch einen solch „neuen Blick“ auf bisher missverstandene oder falsch angewendete biblische Texte könnte man dann auch angemessener auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen reagieren und somit die Relevanz des Glaubens wieder deutlicher machen. 
In dieser Hinsicht sei es vielfach notwendig, sperrige, unbequeme und mit vorherrschenden kulturellen Empfindungen in Konflikt stehende Aussagen der Heiligen Schrift auszublenden, umzudeuten oder der beschriebenen Neubewertung zu unterziehen. …


Die Emanzipation von klassischen theologischen Positionen wird häufig mit einem positiven Anliegen begründet: Man will Menschen den Zugang zum christlichen Glauben erleichtern und missionarische Hindernisse aus dem Weg räumen. …
Man denkt also, dass säkularisierte Zeitgenossen einen einfacheren Zugang zu christlichen Gemeinden finden, wenn man Lehren wie den Sühneopfertod Jesu, seine leibliche Auferstehung, seine Geburt von einer Jungfrau oder die völlige Sündhaftigkeit des Menschen nicht mehr im klassischen Sinn vertritt. 


Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Hoffnung, durch Anpassung der Botschaft mehr Kirchenferne für den christlichen Glauben zu gewinnen, erweist sich kontinuierlich als Illusion. Glaubensinhalte aufzugeben, die potenziell als rückständig oder abstoßend empfunden werden könnten, führt gerade nicht zu sichtbaren missionarischen Erfolgen. …


Allerdings wachsen Gemeinden nicht automatisch, nur weil sie theologisch konservativ sind. Manche Arten von Konservativismus sind ebenso wenig förderlich – beispielsweise dann, wenn sie sich zu sehr mit theologischen Nebensächlichkeiten, Strukturfragen, kulturellen Gestaltungsformen oder politischen Positionierungen verbinden. Davon zeugen die vielen (frei-) kirchlichen Gemeinschaften, die trotz konservativen Bekenntnissen stagnieren oder schrumpfen …


Wirksamer Gemeindeaufbau wurzelt in einer Haltung, die man im Umgang mit der Bibel als „konservativ“ bezeichnen kann, die jedoch jenseits von Konservativismus dem gegenwärtigen Kontext offen zugewandt ist und immer wieder neue Wege sucht, wie der für alle Zeiten gültige Inhalt des Evangeliums unter aktuellen Bedingungen so plausibel wie möglich geglaubt, gelebt und kommuniziert werden kann. …

Wachsende Gemeinden begegnen den missionarischen Herausforderungen, die sich in einem dem christlichen Glauben skeptisch bis ablehnend gegenüberstehenden Umfeld stellen, nicht mit inhaltlicher Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft, sondern mit einer leidenschaftlichen, durchdachten, kontextsensiblen und ausgewogenen Kommunikation des zu allen Zeiten gültigen Evangeliums. …


Daraus ergeben sich überragende Perspektiven: Wer Jesus vertraut, hat Anteil an seinem Tod und erhält so die Gerechtigkeit, mit der wir vor Gott bestehen können (2Kor 5,21). Wer sich im Glauben an Jesus bindet, hat Anteil an seiner Auferstehung und erhält so einen Platz in der himmlischen Welt (Eph 2,6) und eine sichere, lebendige Hoffnung (1Petr 1,3). 


Die Beziehung zu Gott, dem Schöpfer, wird wiederhergestellt aus Gnade durch den Glauben und völlig unabhängig von guten Werken und religiöser Leistung (Gal 2,16). Wir, die eigentlich Unannehmbaren, werden als geliebte Töchter und Söhne in Gottes Familie hinein adoptiert (Gal 4,5-7). Gottes „amazing grace“ gibt uns eine völlig neue Identität. …


Die von Jesus bewirkte Erlösung ist gewaltig. Und sie hat gewaltige Auswirkungen auf unser ganz persönliches Leben. Wenn wir das Evangelium angenommen haben und diese Gute Nachricht uns durchdringt, kann und wird das nicht ohne Folgen bleiben: Unser Leben ist „neu geworden“, deshalb können und sollen wir jetzt auch mit großer Hingabe „ein neues Leben führen“ (Röm 6,4; NGÜ).

Gott hat uns bedingungslos angenommen. Durch seinen Geist werden wir von innen her erneuert. Das verändert unsere Haltung und unsere Handlungen. …


Gott ist da und er liebt diese Welt mit großer Leidenschaft. Diese Liebe, mit der Gott uns geliebt hat, spiegelt sich in einem leidenschaftlichen Herzschlag für Gottes Mission. Das Evangelium der Liebe Gottes motiviert dazu, sich dem Bösen im Gebet entgegenzustellen, der Evangelisation hohe Priorität einzuräumen und konkrete Angebote einzurichten, die es leichter machen, Außenstehende mit dem Glauben in Berührung zu bringen."

 

Prof. Dr. Stefan Schweyer  [Staatsunabhängige Theologische Hochschule STH Basel] u. Prof. Dr. Philipp Bartholomä [Freie Theologische Hochschule Gießen] (3. März 2023, Gemeinde mit Mission: Damit Menschen von heute leidenschaftlich Christus nachfolgen, Brunnen Verlag Gießen)

"Wir kommen mit der bisherigen Form der Kirche ans Ende" ... Denn Kirche und das, für das sie steht, erscheint immer mehr Menschen für ihr Leben irrelevant und überflüssig.

 

Prof. Dr. Michael Herbst (04.10.2023, Ev. Theologe, Universität Greifswald, Michael Herbst sieht bisherige Form der Kirche am Ende, epd, evangelische-zeitung.de/michael-herbst-sieht-bisherige-form-der-kirche-am-ende, Abgerufen am 12.06.2024) 

"Bevor Richard Rorty vor 15 Jahren starb, galt er als der bedeutendste lebende Philosoph" (12. 2. 2023, taz.de/Posthumes-Buch-von-Richard-Rorty/!5912343)  

Bild:  overland.org.au/2017/07/language-and-terror-remembering-richard-rorty  (24 JULY 2017)

 

 

"Wäre ich ein fundamentalistischer Christ, wäre ich entsetzt von dieser wischi-waschi Version des christlichen Glaubens. Doch weil ich ein Ungläubiger bin, der sich vor der Barbarei vieler fundamentalistischer Christen fürchtet (z.B. vor ihrer Homophobie), heiße ich theologischen Liberalismus willkommen.

Vielleicht werden die liberalen Theologen einmal so eine wischi-waschi Version des Christentums entwickeln, dass niemand mehr Interesse daran hat, Christ zu sein. Wenn dem so wäre, dann wäre etwas verloren gegangen. Doch höchstwahrscheinlich hätten wir noch mehr gewonnen."

Prof. Dr. Richard Rorty (Juli 2003, Philosoph, Truth, Evil, and Redemption. Interview Magazin Modern Reformation Juli/August Vol. 12 No. 4, 2003)

"Es ist ein Fehler, der häufig von gebildeten Menschen ... gemacht wird, zu glauben, dass der Fundamentalismus eine neue und merkwürdige Form des Denkens ist. Das ist keineswegs der Fall. Vielmehr ist er das teilweise und wissenschaftlich nicht ausgeformte Überleben einer Theologie, die einmal weltweit von allen Christen vertreten wurde.

Wie viele gab es zum Beispiel in den christlichen Kirchen des achtzehnten Jahrhunderts, die die unfehlbare Inspiration der gesamten Schrift anzweifelten? Einige wenige vielleicht, aber nur sehr wenige.

Nein, der Fundamentalist mag sich irren, und ich glaube, dass er sich irrt, aber wir sind es, die von der Tradition abgewichen sind, nicht er. … Die Bibel und das corpus theologicum der Kirche sind auf der Seite der Fundamentalisten."

Prof. Dr. Kirsopp Lake (1926, anglikanischer Theologe und neutestamentlicher Textkritiker, Professor für neutestamentliche Exegese in Leiden (1904-1914), Professur für altchristliche Literatur und Kirchengeschichte an der Harvard University in Cambridge/USA (1914-1938), The Religion of Yesterday and Tomorrow, Boston: Houghton 1926, S. 61)


"Homophob, selbstgerecht, geistig arm: Die Evangelikalen sind die Buhmänner unter den Christen. Die Wirklichkeit ist ein bisschen komplizierter.

 

Die Evangelikalen sind aus unterschiedlichen Gründen in weiten Kreisen unpopulär, und natürlich sind sie selbst schuld daran. Schlecht zu ertragen ist aber die Arroganz, mit der man ihnen begegnet, sei es – diskret – in der Volkskirche, sei es weniger diskret im säkularen Rest.

 

Die Evangelikalen, das sind in den Augen der meinungsbildenden Akademiker und Halbbildungsbürger die Naiven unter den Religiösen, diejenigen, die noch nicht zu den Segnungen der Abstraktion gefunden haben, geistig Arme, die mehr Spektakel brauchen und buntere Bilder.

 

Soweit der einfache Teil. Der schwierigere: Der Begriff „evangelikal“ ist ungefähr so weit wie „gläubig“. … Die Evangelikalen sind der Stachel im Fleisch der Kirche, das macht sie nicht beliebt, notwendig sind sie trotzdem."


Friederike Gräff (14. Februar 2014, Redakteurin - taz Hamburg, freie Mitarbeiterin u.a. für ZEIT u. Süddeutsche, Christlicher Fundamentalismus, Stark im Glauben, www.taz.de)

Glaubensbekenntnis

Copyright Thomas Plaßmann

"Bei den Berichten, die wir in den Evangelien lesen, ... sind wir ... besonders kritisch. Woher kommt das?

Hier spielen sicher zwei Gründe eine Rolle. Zum einen passt vieles, was in den Evangelien berichtet wird, nicht in unser gegenwärtiges westliches Weltbild. Alles sogenannte Übernatürliche, also Heilungen, Wunder, Prophetien und alles nicht sofort Erklärbare, wird von vielen unserer Zeitgenossen von vornherein abgelehnt.

Das ist eine typisch westliche Erscheinung aufgrund des sogenannten naturwissenschaftlichen Weltbilds. In vielen anderen Kulturen rechnet man ganz natürlich mit sogenannten übernatürlichen Dingen.

Und auch im Westen ist man unter dem Einfluss der modernen Physik und der Weiterentwicklung der Wissenschaft viel vorsichtiger geworden mit grundlegenden Urteilen über das, was möglich ist und was nicht. Diese Erkenntnis hat noch nicht alle Zeitgenossen erreicht, wird sich aber längerfristig sicher durchsetzen. ...

 

Die Kritik an den neutestamentlichen Texten hat jedoch neben dem Grund, dass vieles nicht in unser zeitbedingtes und einseitiges westliches Weltbild passt, noch eine weitere Ursache. Und die liegt in der Brisanz der ganzen Sache.

Denn wenn das stimmt, was von Jesus berichtet wird, dann hat das automatisch Konsequenzen für unser Leben. Und die sind nicht immer angenehm. Der Anspruch, den Jesus erhebt, ist unbequem.

Wenn das wahr ist, was er sagt, dann kann man sich nicht einfach an Jesus vorbeimogeln. Dann muss man sich seinem Anspruch stellen. Und das hat Auswirkungen in allen Bereichen der Lebensgestaltung. Das passt uns vielfach nicht. Das ist zu herausfordernd.

 

Ich glaube, dass hier der tiefste Grund für die innere Abwehrhaltung gegenüber der Bibel liegt. Ein bisschen Religion ist okay. Aber konsequente Nachfolge eines Jesus, der wirklich von Gott kommt und einen Anspruch auf unser Leben hat, so wie das Neue Testament es sagt, das ist eine ganz andere Sache. Das würde sehr viel kosten."

Prof. Dr. Dr. theol. Roland Werner und PD Dr. theol. Guido Baltes (1992, Faszination Jesus: Was wir wirklich von Jesus wissen können, Brunnen; 5. Edition 2019)


"Wenn wir mit den Worten der Bibel leben, dann wird sich Gott uns irgendwann unausweichlich von einer Seite zeigen, die so gar nicht licht- und liebevoll, sondern unbegreiflich dunkel zu sein scheint. Oft steht sie in Konflikt mit den Werten der uns umgebenden Gesellschaft. …
Manche Gebote im Alten Testament, aber auch manche Weisungen im Neuen Testament empfinden wir heute als hart, ja diskriminierend. Solche Fremdheitsmomente beschränken sich nämlich nicht auf das Alte Testament. …

Um sie zu kompensieren, hat sich in der Theologie eine einfache Lösung etabliert. Sie sagt: »Das waren Menschen, die das geschrieben haben; das sind nur menschliche Vorstellungen. Sie sind exakt die entbehrliche, zeitbedingte ›Schale‹, aus der der ›Kern‹ herauszuschälen ist. Denn in Wirklichkeit ist Gott ganz anders.« Das klingt supereinfach und einleuchtend – warum also nicht? …

Es ist willkürlich, zu sagen: Das eine ist von Menschen, denn es gefällt uns nicht; das andere ist Offenbarung, denn es gefällt uns. Wir nehmen die Schere und basteln uns ein Gottesbild, das in die Rolle passt, die ein anständiger Gott nach unserer Meinung in der Welt gefälligst zu spielen hat.

Das ist ein Übergriff in Gottes Identität, denn sein Zorn ist genauso Gegenstand von Offenbarung (vgl. Röm 1,18) wie seine Liebe und wie die anderen Eigenschaften Gottes. Das Gottesbild, das dabei herauskommt, ist das einer Liebe, die letztlich alles gelten lässt. …

In Zeiten des weggewischten Horizontes ist Gott aus der Gesellschaft exkulturiert. Sie gibt sich ihre Werte im Diskurs selbst. … In der säkularen Welt ohne Gott und ohne Horizont übernimmt die auf sich selbst geworfene Gesellschaft die Rolle der Kirche. Sie sakralisiert sich selbst als die eine heilige, allumfassende Gesellschaft, die das Gute definiert und vorgibt und die Ketzer bestraft. … Man kann beobachten, wie sie dabei bis zur Unerträglichkeit dogmatisch, päpstlich-unfehlbar und inquisitorisch wird. … 

Im Urteil dieser heiligen Gesellschaft ist der Gott der Bibel einfach nur unmoralisch. Ein Gott, der richtet? Wir sind die, die richten! Ein Gott, der Gebote gibt? Wir gebieten, welche Haltung opportun ist und welche nicht! Ein Gott, der Menschen in ihrem Handeln begrenzt? Wenn hier jemand etwas delegitimiert, dann wir! Allein die Rede von der Liebe ist noch passabel, vorausgesetzt, sie schließt das Sexuelle ein. …

All dies sind inzwischen auch Fragen der Gemeinde.

Und für die Gemeinde sind das Anfechtungen. Anfechtung, in der Entscheidung zu stehen zwischen der Abschottung von der Gesellschaft und der Treue zu Gott oder umgekehrt zwischen der Nähe zur Gesellschaft und einer damit unumgänglichen Distanzierung von Gott. Anfechtung, weil Gottes Offenbarung sich an diesen dunklen Stellen nicht besonders gut anfühlt – für geistliche Wellness völlig ungeeignet. …

Nichts liegt näher, als auszuweichen und zu sagen: Das waren Menschen, die das geschrieben haben. Oder mit Johann Salomo Semler: Hier hat Gott sich akkommodiert, d. h., er hat sich den Menschen mit ihren zeitbedingten Vorstellungen angepasst, was jetzt durch die Vernunft überholt ist. Eine solche Lösung bestätigt die Gesellschaft in ihrem Selbstbild. Sie erschafft einen Gott, der uns nicht gefährlich werden kann. …

Gott hält uns aus … Das alles hält er aus – und auch unseren empörten, wütenden, angstbesessenen »verborgenen Menschen«. Gott hätte sich abwenden können, aber stattdessen wendet er sich uns zu. Er hätte uns allein lassen und endgültige Distanz von der Menschheit nehmen können, aber er bleibt. … Er hält unseren homo absconditus aus – all die Wut und Angst …


Ort des Geschehens: der Hügel Golgatha, 33 n. Chr. … »Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt« (Jes 53,5b) … Der gerechte Gott – jetzt ist er unser Vater. Das war sein Ziel.

Er sieht uns jetzt an »in Christus«; er kleidet uns in ihn wie in ein kostbares Gewand: innen ich, außen Jesus. »Ihr seid alle durch den Glauben Gottes Kinder in Christus Jesus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen« (Gal 3,26-27). »Darum: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden« (2Kor 5,17). 


Das ist Liebe, wahrhaftige Liebe und nicht nur Schönwetter-Liebe, die den anderen zum eigenen Genuss nur von seiner Sonnenseite sehen will. Sie drückt nicht beide Augen zu, sondern erweist sich in der mit sich selbst völlig konsequenten Selbsthingabe Gottes – und genau das macht sie glaub-würdig. Es ist kein Zufall, dass sich das Wort erst im Neuen Testament findet: »Gott ist die Liebe, und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm« (1Joh 4,16). 
Was Gottes Liebe bedeutet, können wir nirgendwo besser als am Kreuz erkennen. Es ist im Neuen Testament die Grundlage unserer Rettung und Versöhnung, unserer Identität als Kinder Gottes. Und stets ist die Formel dabei: »Er – für uns«. …

Manches, das wir bauen, wird Ewigkeitswert haben. ... Was wir bauen, ist in den meisten Fällen nicht perfekt, und wir dürfen uns damit aussöhnen, nicht perfekt zu sein. Jesus weiß das sowieso, weil er uns kennt, wie wir wirklich sind. Dennoch liebt er uns! Und dies dürfen wir auch den anderen Geschwistern im Glauben erst einmal zugestehen, wenn wir auf Differenzen stoßen. …


Ein anderer als der echte Gott kann uns … nicht helfen." 

Dr. theol. Gerrit Hohage (22. März 2024, Pfarrer Ev. Kirchengemeinde Gundelfingen, Tief verwurzelt glauben: Wie man heute christlich denken kann. SCM R.Brockhaus)
 

 

 


"Die meisten Menschen spüren die Spannung, die in diesen Zeiten vorherrscht. Sie nehmen die Instabilität wahr – die sich verschiebenden Strömungen, die Polarisierung … aber sie beschäftigen sich nicht weiter damit, um Klarheit zu bekommen.

Etwas liegt in der Luft, etwas scheint bevorzustehen, aber die Welt bemüht sich mit aller Kraft, so zu tun, als sei alles in Ordnung, wie ein Krebspatient, der sich seiner Diagnose nicht stellen will. …


Leugnen bringt keine Heilung, weswegen ich mir mehr Sorgen über das mache, was noch kommt, als über das, was hinter uns liegt. In unserem angegriffenen Zustand stehen uns noch einige der schweren Prüfungen bevor, vor denen Jesus uns gewarnt hat. Denn wir nähern uns dem, was die Bibel als das „Ende der Welt“ bezeichnet (Matthäus 24,3). …


Sorgen Sie für Ihre Seele, indem Sie für diese Situation Worte finden. Tun Sie nicht so, als ob alles in Ordnung wäre. Übrigens finden wir hierfür in den Psalmen ein Vorbild: David und die anderen Verfasser rufen zu Gott und beschreiben ohne jede Beschönigung, was um sie herum oder in ihnen geschieht und wie sie sich dabei fühlen. …


Der Apostel Paulus war darüber tief beunruhigt, als er seinen in Thessalonich lebenden Freunden schrieb: „Lasst euch von niemand in irgendeiner Weise irreführen! Denn vor dem Tag des Herrn muss es zuerst noch zur großen Auflehnung gegen Gott kommen“ (2. Thessalonicher 2,3).

Bevor die Geschichte ihren Höhepunkt erreicht und Jesus wiederkommt, um alles neu zu machen, wird es eine Art globale Abkehr der Menschen von Gott geben. … Was wir … zu sehen bekommen werden – und was bereits jetzt der Fall ist –, das sind ganz einfach Menschen, die sich in großer Zahl von Gott abwenden. …


Man könnte es auch die Große Geistliche Resignation nennen. Man sieht es daran, dass Christen, darunter auch viele junge Leute, in wachsender Zahl entweder Gott ganz den Rücken kehren oder ihr Christsein durch einen eher universalen Glauben ersetzen. Das Christentum wird mit so vielen intoleranten Bewegungen und einseitigen politischen Ansichten in Verbindung gebracht, dass viele Gläubige sich davon distanzieren wollen und sich eine breitere Auffassung zulegen. „Gott kann in jedem Glauben oder auch in gar keinem gefunden werden.“ Ich kann dieses Anliegen verstehen. Wirklich. …


Diese Entwicklung begann in unseren Gemeinden sehr vereinzelt. Man hörte hier und da von einem bekannten christlichen Leiter oder von einer Person aus unserem eigenen Umfeld, die ihren Glauben hinter sich ließen. In den letzten Jahren geschah dies in größerem Ausmaß. Reife Christen, die sich einst so leidenschaftlich für Christus engagiert hatten, fuhren entweder ihr Leben an die Wand oder sie blieben einfach weg und gaben ihren Glauben auf. …
Das Ganze gewinnt in unserer Gesellschaft immer mehr an Schwung und da wir soziale Wesen sind, können wir davon mitgerissen werden, ohne dass wir selbst eine bewusste Entscheidung getroffen haben. …


Radikal einseitige Meinungen, die im Namen Jesu vorgetragen wurden, brachten viele Menschen dazu, sich vom Glauben ihrer Jugend abzuwenden. Einige suchten sich eine kulturell gefälligere Religion und tauschten die schwierigen Wahrheiten des Christentums gegen etwas ein, mit dem sie sich leichter identifizieren konnten. 
Ich bin der Auffassung, dass wir gerade Zeugen dieser großen Abkehr von Gott werden. Ich möchte aber auch gleich hinzufügen, dass es hierfür keine einfache Erklärung und keine schnelle Lösung gibt. Manche Menschen haben einfach genug vom Glauben. Aber oft hat dies auch mit persönlichem Leid und Enttäuschungen zu tun – weil Gott anscheinend nicht geholfen hat. Er schien nicht zu hören. Das sind die tiefsten Verletzungen des menschlichen Herzens. …


Wir geben Gott auf, weil wir das Gefühl haben, dass er nicht zu uns durchdringt. … Dies wird als ennui bezeichnet, eine geistige Ermüdung, eine Art Melancholie, das Gefühl des "Ich will einfach nicht mehr kämpfen."

Es ist Kierkegaards „Krankheit zum Tode“, womit er meinte: „intensivierter Zweifel, Super-Zweifel, Mega-Zweifel“. … Diese Erschöpfung, die wir empfinden, dieses Nicht jetzt, vielleicht später, das Gefühl, überfordert zu sein, dieses Was soll’s? Wen interessiert das schon? … 


Wenn wir müde und niedergeschlagen sind, wünschen wir uns einfach nur etwas Erleichterung – eine Tüte Chips, eine Flasche Wein, auf der Couch liegen und endlos Serien auf Netflix anschauen. … Wir kommen abends nach Hause, sind total kaputt und ausgezehrt und wollen nur noch „ein Gläschen trinken und abhängen“. Das ist kein Freudentrunk, kein feierlicher Trinkspruch auf einer Hochzeit, kein schönes Abendessen mit Freunden. Es ist die kleine weiße Flagge der Kapitulation. …


Der Prophet Daniel schreibt: „Mir fehlt der Mut, und meine Kehle ist wie zugeschnürt.“ Der Engel, der wie ein Mensch aussah, berührte mich noch einmal und gab mir dadurch Kraft. „Hab keine Angst, denn Gott liebt dich!“, sagte er. „Friede sei mit dir! Sei jetzt stark und mutig!“ Während er mit mir sprach, kehrte meine Kraft zurück. Daniel 10,17-19 …


Gott kann mit unserem Zorn, unserer Enttäuschung und sogar mit unserer Verbitterung umgehen. … Jesus bietet uns seine Kraft an; also sollten wir sie mit beiden Händen ergreifen, solange wir es noch können. …
Es beginnt mit dem, was ich das „ungeteilte Herz“ nenne. … Die Bibel verspricht uns, dass Gott allen zu Hilfe kommt, die ein solches ungeteiltes Herz besitzen: „Unermüdlich behält der HERR die ganze Welt im Blick, um die Menschen zu stärken, die sich von ganzem Herzen auf ihn verlassen“ (2. Chronik 16,9). Gott schenkt die Kraft zum Überwinden all jenen, die ihm ihr Herz voll und ganz anvertraut haben. Darum ist ein ungeteiltes Herz so wichtig. …


Im Sommer 2021 durchlebte ich eine Reihe niederschmetternder Ereignisse. Ich hatte den Eindruck gehabt, dass Gott mir bestimmte Dinge zusagte, die sich dann doch nicht erfüllten, und zwar auf eine Weise, die mir regelrecht das Herz brach. Ich fühlte mich so verraten und verlassen.

In diesem verwundbaren Zustand kam etwas über mich, das wie eine dunkle Wolke war, eine Art erstickender Nebel, der mich dazu drängen wollte, mein Leben mit Gott aufzugeben … eine tiefe Verzweiflung, eine Art Verwüstung von Herz und Seele … eine Art Taubheit des Herzens, eine Armut des Geistes, eine Verödung der Seele. …


Das Schlimmste aber ist, dass sich eine Leere in unserem Leben mit Gott einstellt. Der Glaube fühlt sich flach und dumpf an oder er ist gleich ganz verschwunden. Wir sind enttäuscht von Gott und haben das Gefühl, dass wir gar nicht mehr an ihn glauben. Die Hoffnungslosigkeit infiziert unseren Glauben. … 


Darum müssen wir die übernatürlichen Ressourcen finden, mit denen wir unser Herz vor der Verwüstung schützen, was auch immer deren Ursache ist, und vor der reißenden Strömung, die uns von Gott wegzieht oder uns dazu bringt, unseren Glauben komplett aufzugeben. Denn der Kampf tobt um unser Herz. Immer geht es um unser Herz. …
Die Herrlichkeit Gottes soll unser Herz und unsere Seele erfüllen. Wir dürfen um dieses übernatürliche Geschenk bitten, also tun wir es doch! … Das will Gott für unser ganzes Wesen tun. Wir werden keine Geborgenheit verspüren, solange wir nicht ganz und gar ihm gehören. …
"Kommt zu mir, ihr alle, die ihr euch plagt und von eurer Last fast erdrückt werdet; ich werde sie euch abnehmen." Matthäus 11,28 …


Jesu Arme hätten nicht weiter ausgebreitet sein können als bei seinem Tod am Kreuz. Dennoch sollten wir uns von dieser erdrutschartigen Abkoppelungsbewegung nicht mitreißen lassen … Bevor sich noch mehr kostbare Herzen auf die Resignation einlassen, sollten wir klar sagen, dass der christliche Glaube, so wie er uns von Jesus gegeben wurde, kein universalistischer ist: 
„Ich bin der Weg“, antwortete Jesus, „ich bin die Wahrheit, und ich bin das Leben. Zum Vater kommt man nur durch mich.“ Johannes 14,6 Bei niemand anderem ist Rettung zu finden; unter dem ganzen Himmel ist uns Menschen kein anderer Name gegeben, durch den wir gerettet werden können. Apostelgeschichte 4,12 … 


An diesem Punkt sollten wir einen Augenblick innehalten und uns klarmachen, worauf wir unsere Hoffnung gesetzt haben … Jesus Christus hat sein Leben eingesetzt, um jedem von uns eine Hoffnung zu geben, die alles übertrifft und in den Schatten stellt, was es je an Hoffnung gegeben hat. … 


Wer ums Überleben kämpft, weiß, dass seine gegenwärtige Situation nur ein Durchgangsstadium ist, das er durchlaufen muss. Er erträgt es mit Geduld und darum ermutigt Jesus uns zum Durchhalten. Das ist nicht meine dauerhafte Realität; es ist nur der gegenwärtige Zustand …

Wir gehen auf eine wundervolle, atemberaubende Wendung der Ereignisse zu! All dies, was wir jetzt erleiden müssen, wird vorübergehen. Bald schon werden wir lachen, feiern und einander unsere Erlebnisse erzählen. Wir werden all das Wunderbare genießen, was der Garten Eden zu bieten hat. Für immer. …

Die Große Rettung steht bevor. Die Welt kann nicht geheilt oder in Ordnung gebracht werden ohne die Rückkehr ihres Königs. Wir sehnen uns voller Schmerzen danach, dass der Garten Eden wiederhergestellt wird. Genau das bedeutet die Wiederkunft Christi. …


Wenn ich merke, dass die Verzweiflung in mir aufsteigt, wenn ich spüre, dass ich traurig oder wütend werde, weil meine Pläne, Eden zu erreichen, fehlschlagen, sollte ich innehalten und mein Herz wieder zu Jesus zurückführen. … Wir wenden uns an ihn und sagen: „Ich entscheide mich für dich. Ich wähle dich, Herr. Du bist mein Leben.“ …
Das ist wahrscheinlich das Schönste, was die menschliche Seele tun kann. Immer und immer wieder, in Tausenden kleiner Entscheidungen wenden wir unseren Blick zurück zu Gott. …

„Ich entscheide mich für dich. Ich liebe dich. Genau hier in meiner Sehnsucht, dass alles wieder gut wird, entscheide ich mich für dich. … Ich nehme all meine Sehnsucht und wähle dich, Gott.“ …


Wir stehen kurz vor der Ziellinie. … Für diejenigen, die Jesus nachfolgen, ist die Ziellinie entweder die Wiederkunft Jesu oder unsere Heimkehr zu ihm. … Es ist ein schmerzliches Sehnen, tief drinnen, das durch nichts anderes gestillt werden kann. … 
Jesus, ich komme zu dir zurück mit meiner Sehnsucht, dass alles wieder gut wird. Ich liebe dich genau hier, mitten im Verlangen meiner Seele, in meinen Wünschen und meinem Schmerz. … 
Ich brauche deine Kraft. … Ich möchte dir nicht den Rücken kehren; ich möchte nicht den Mut verlieren. Ich entscheide mich für dich vor allem anderen. Ich gebe dir meine Treue und meine ungeteilte Liebe. Ich entscheide mich für ein ungeteiltes Herz dir gegenüber, Herr Jesus. …


Ich empfange die Herrlichkeit, von der die Ozeane erfüllt sind … Ich empfange die Herrlichkeit, durch die Christus von den Toten auferweckt wurde! … Ich widerrufe alle Vereinbarungen, die ich mit der Verwüstung getroffen habe, seien sie groß oder klein. Ich wähle dich, Gott. Ich verzichte auf die Abkehr von dir und entscheide mich für dich. Ganz egal, wie ich mich fühle, entscheide ich mich für dich, Herr. Du bist mein Gott und mein Retter."


John Eldredge (1. März 2023, Du machst meine Seele stark: Resilienz - Wege zu neuer Widerstandskraft, Brunnen Verlag GmbH; 1. Edition)


"Es ist wundervoll, wenn ein Herz nach mancherlei Kämpfen zu dem Entschluss kommt:

„Dein sind wir, Dein in Ewigkeit!"

Pfarrer Wilhelm Busch (1966, protestantischer Jugendpfarrer - Essen, "365 x ER. Tägliche Andachten", Aussaat; 14. Auflage 2006)

 

 

 

"Im heutigen Christentum gibt es zwei Lager, die ich als „Progressive“ und „Konservative" bezeichnen möchte. 
Im Bick auf dem gegenwärtigen Zustand der Kirche fragen die Progressiven: Wie können wir uns am besten an die kulturellen und gesellschaftlichen Veränderungen, die wir derzeit erleben, anpassen. Welche Teile unseres christlichen Erbes können dabei als unnötiger Ballast betrachtet werden, der uns daran hindert, das Christentum in unserer Zeil relevanter werden zu lassen? 
Die Konservativen dagegen stellen Fragen wie diese; Was muss sich ändern, damit das Christentum zu seinen ursprünglichen Maßstäben zurückfindet? Wie können wir biblische Prinzipien in unserer Zeit umsetzen, statt sie aufzuweichen oder gar aufzugeben?

Während viele Vertreter dieser beiden Gruppen ihre besten Energien einsetzen, um die Position des „gegnerischen Lagers“ zu bekämpfen, fragen immer mehr Menschen: Schließen sich diese beiden Positionen wirklich gegenseitig aus? … 


Alle Entdeckungen weisen in die gleiche Richtung. Die Kirche benötigt weitaus mehr als ein Upgrade, das lediglich die äußere Form betrifft. Was wir brauchen, ist nicht weniger als eine Wiederentdeckung der christlichen DNA, wie sie in der Bibel zum Ausdruck gebracht wird. Und dies gilt ausdrücklich sowohl für konservative als auch progressive Gruppen."

Christian A. Schwarz (13. Januar 2020, Ev. Theologe, Gott ist unkaputtbar: 12 Antworten auf die Relevanzkrise des Christentums, Gerth Medien; 2. Edition 2020, S. 15 f.)

 


"I have a dream. Ich träume von einer Kirche, die christliche Einheit lebt und gleichzeitig Vielfalt auf allen Ebenen fördert. Ich träume von dieser Kirche, weil genau solch eine Einheit Menschen zu Jesus zieht (Joh 17,20-23). Eine Kirche, in der Einheit und Vielfalt Hand in Hand gehen, ist die beste Einladung für den christlichen Glauben.

Die Realität ist aber eine andere. Wir leben in einer Art Albtraum.

Einerseits driftet die Christenheit immer weiter auseinander. Es entstehen mehr und mehr christliche Splittergruppen, die verschiedenen Lager bekämpfen sich unentwegt und die Debatten um das „wahre Christsein“ werden immer verbitterter. Die Kirche Jesu ist nur noch selten als Einheit erkennbar.

Auf der anderen Seite verkommt die Botschaft der Kirche oft zu einer Plattitüde. Der Einsatz für Vielfalt geschieht oft auf Kosten der christlichen Botschaft. Die Stimme der Kirche ist dann kaum noch von anderen gesellschaftlichen Stimmen zu unterscheiden. Die Kirche Jesu hört auf, Salz der Erde und Licht der Welt zu sein. Ist christliche Einheit also nur ein Wunschtraum? Nicht unbedingt. …

Im Kern geht es um Folgendes: Christliche Einheit wird überall dort möglich, wo an der Wahrheit der Bibel festgehalten und gleichzeitig die eigene begrenzte Perspektive auf diese Wahrheit anerkannt wird.
Christliche Einheit braucht einerseits das Festhalten an der biblischen Offenbarung als zuverlässige Richtlinie für Lehre und Leben. Wo die Bibel nicht mehr norma normans, also normierende Norm für Glauben, Theologie und Ethik ist, verkommt die Einheit zur Beliebigkeit. Genauso wichtig ist aber, dass die eigene begrenzte Perspektive auf diese Wahrheit anerkannt wird.

Gerade das Predigerbuch macht deutlich, dass wir Menschen „unter der Sonne“ leben und die Wirklichkeit immer nur aus einem bestimmten Blickwinkel wahrnehmen. Wir sind in der Perspektivität gefangen, erkennen deshalb nur teilweise. Unsere Erkenntnis bleibt „Stückwerk“ (1Kor 13,9-10). Wird das übersehen, so verkommt die christliche Einheit zur gesetzlichen Einheitlichkeit.


Wir brauchen also beides: das Festhalten an der Wahrheit der Bibel und das ebenso betonte Eingestehen, dass unsere eigene Perspektive auf diese Wahrheit begrenzt, stückhaft und unvollständig ist. …

Bemerkenswerterweise ist die Bibel selbst ein Modell für diese Einheit. Sie besteht aus vielen verschiedenen Büchern mit unterschiedlichen Betonungen, Perspektiven und Aussagen. Und doch ist sie ein Buch mit einer zusammenhängenden Botschaft. Diese Einheit wird erreicht, indem die verschiedenen Stimmen miteinander im Dialog sind. Sie brauchen einander als eine Art kontrapunktisches Gegenüber. Jede einzelne ist für die Gesamtbotschaft notwendig.

Das Mandat des biblischen Kanons liegt damit auf der Hand: Einheit ist dort möglich, wo man sich auf die Vielfalt an Stimmen einlässt und diese Pluralität für die Gesamtbotschaft des christlichen Glaubens fruchtbar macht – ohne dadurch die zentralen Botschaften des christlichen Glaubens zu negieren.

Ich habe den Traum der christlichen Einheit noch nicht aufgegeben – allen momentanen Entwicklungen zum Trotz! Und ich habe zumindest für mich persönlich entschieden, dass ich zuallererst für diese Einheit und nicht gegen den anderen kämpfen will.
I (still) have a dream …"

Stephanus Schäl (Frühjahr 2023, Ev. Theologe, Dozent für Altes Testament an der Bibelschule Brake, „Zwischen Einheit, Einheitlichkeit und Beliebigkeit – Ein Plädoyer für echte Einheit in der Kirche Jesu“ in: Zeitschrift Aufatmen 2/23, 52-58 & Aufatmen 3/23, SCM Bundes-Verlag 2023)

Stephanus Schäl, Ev. Theologe (LinkedIn, Stand Mai 2024)


"Als im Mittelalter der große Glaubensstreit entbrannte, stand Luther eines Tages vor dem Reichstag zu Worms. Alle weltliche und geistliche Macht war da mit großer Pracht versammelt. Und dann wurde er aufgefordert, er sollte alles, was er je geschrieben hatte, zurücknehmen. Und was hat er geantwortet?

»Man soll mir aus der Bibel nachweisen, dass ich geirrt habe. Dann will ich widerrufen. Sonst nicht.«"

Pfarrer Wilhelm Busch (1944, protestantischer Jugendpfarrer - Essen, Sonntag Invokavit 1944)

 


"Wenn die Öffentlichkeit ständig einseitig und gezielt verzerrt unterrichtet wird, dann spricht man von Kampagnen. Eine Kampagne ist also die vorsätzliche Weitergabe von manipulierten Informationen. Nicht weit davon entfernt ist das, was man Desinformation nennt. Desinformation ist die bewusste oder unbewusste Weitergabe oder Zurückhaltung von Informationen, die beim Empfänger eine falsche Meinungsbildung bewirken sollen.

Seit etwa einem Jahr hat man in Deutschland den Eindruck, dass gewisse Medien sich auf die Evangelikalen einschießen. Keine Frage, dass es auch bei diesen Christen Dinge gibt, die mit Recht zu kritisieren sind.
Aber darum geht es in diesem Fall nicht. Diese Christen werden hauptsächlich deswegen angegriffen, weil sie sich in ihrem Glauben, ihrem Denken und ihrem Leben an der Bibel als dem unfehlbaren Wort Gottes orientieren. Fast automatisch werden sie als Fundamentalisten abgestempelt …

Wie sollen die Gescholtenen nun darauf reagieren? Jedenfalls nicht, indem sie Gleiches mit Gleichem vergelten, oder Diffamierung mit Polemik und Oberflächlichkeit mit Pauschalurteilen beantworten. Nein, aber die Christen sollen sich auch nicht resigniert aus der Welt zurückziehen (was praktisch sowieso nicht möglich ist), sondern sie sollen ihren Herrn aktiv nachahmen.


„Er wurde beleidigt und schimpfte nicht zurück, er litt und drohte nicht mit Vergeltung, sondern überließ seine Sache dem, der gerecht richtet“ (1Petr 2,23). Er selbst betete noch für seine Feinde, als sie ihn lebendig ans Kreuz genagelt hatten. Seinen Jüngern empfahl er generell: „Segnet die, die euch verfluchen! Betet für die, die euch beleidigen!“ (Lk6,28)

Darum dürfen unsere Äußerungen nicht von Ärger und Protest gekennzeichnet sein. Unser Herr verlangt allerdings auch nicht, dass wir Unrecht schweigend dulden. Er selbst sagte zu dem, der ihm beim Verhör ins Gesicht geschlagen hatte: „Wenn ich etwas Unrechtes gesagt habe, dann beweise es mir! Bin ich aber im Recht, warum schlägst du mich dann?“ (Joh 18,23)

Wir sollen schon Stellung nehmen, aber mit Liebe und Wahrheit, Konsequenz und Mut. Die folgenden Aufzählungen wollen darum keine Empörung hervorrufen, sondern Gebet und die Gesinnung, die der Herr seinen Jüngern gegenüber in seiner Endzeitrede so ausdrückte: „Wenn das alles anfängt, dann hebt den Kopf und richtet euch auf, denn dann ist eure Erlösung nicht mehr weit“ (Lk 21,28)."

Karl-Heinz Vanheiden (August 2007, Physiker, Bibelübersetzer, Mitglied im Ständigen Ausschuss des Bibelbundes, seit 1994 Verlagsleiter des Bibelbund-Verlags, Biblisch Glauben, Denken, Leben (BGDL) Nr. 76 S. 4)

 


 

Karl-Heinz_Vanheiden

Karl-Heinz Vanheiden, Physiker, Bibelübersetzer (2020)

Karl-Heinz Vanheiden 2020“ von H. Vanheiden-Böhm lizenziert CC BY-SA 4.0.

 

 


"Ich bin es satt, dass man Christen immer nur für Dinge kennt, gegen die sie sind."

Dr. Rick Warren (September 2006, SPIEGEL spezial „Weltmacht Religion“, Seite 33)

 

"Es ist, wie wenn sie auf der Titanic die Liegestühle ordentlich ausrichten, während das Schiff sinkt."

Dr. Rick Warren (10. November 2006, Willow-Creek-Leitungskongress in Bremen, www.baptisten.org)

 


"Es muss alles stimmen, bis aufs I-Tüpfelchen, und wenn nicht alles, auch das I-Tüpfelchen nicht stimmt, dann ist alles falsch. Das ist heidnische Philosophie, und das ist in der Vergangenheit ein Einfallstor des Teufels gewesen, mit dem er biblische Theologie buchstäblich madig gemacht hat."

Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann (2004, Prof. für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg (EHT) u. Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL), Nicht auf der Schrift, sondern unter ihr, Seite 108)

 


"Es zeigt sich, wie verführerisch und gefährlich ein rationalistisches, philosophisch-heidnisches, der Domino-Theorie (auch der Chicago-Erklärung) zugrunde liegendes Wahrheitsdenken ist.
Wir dürften der Auferstehungsbotschaft und das heißt dem Evangelium (IKor 15,3) nicht mehr glauben, wenn wir annehmen müssten, dass ein einzelnes Wunder Jesu vielleicht eher nicht geschehen oder falsch berichtet ist.

Wir müssten am Evangelium vom auferstandenen und für mich gekreuzigten Gottessohn zweifeln, weil wir an einem Detail der Bibel, etwa der Hineinführung aller Stämme in das Gelobte Land, Zweifel haben?

Ich darf Jesu Anspruch, das Wort Gottes, der Messias, der Menschensohn zu sein, ich darf das Wort Gottes, das mich durch die Bibel hindurch erreicht, womöglich nicht als solches ernst nehmen und für mich wahrnehmen, weil ich ggf. in meinem intellektuellen Gewissen darin gebunden bin und es nicht anders denken und sehen kann, als dass ein bestimmtes Jesus-Wort nicht von ihm stammt, sondern auf einen Interpretationsakt der nachösterlichen Gemeinde zurückgeht?"

Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann (Dezember 2001, Prof. für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg (EHT) u. Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL), Gemeinsame Liebe. Wie Evangelikale die Autorität der Bibel bestimmen., Seite 53+54)

 


"So ist die Landnahme des verheißenen Landes eine grundlegende Heilstat Gottes. Es ist keine historische Darstellung, sondern eine Mut machende Darstellung des Glaubens der Israeliten."

Evangelischer Gnadauer Gemeinschaftsverband e.V. - KiMat (2006, KiMat Heft 3 - Januar-März 06, Erklärungen zum Text, Seite 14, KiMat baut auf einem vierjährigen Textplan auf. In dieser Zeit bekommen die Kinder einen Gesamtüberblick über die Bibel, www.gnadauer.de)

 


"Mit dem neuen Wissen begann ich, die biblischen Berichte über Jesus mit anderen Augen zu lesen. Ich spürte mit einer Art sechstem Sinn, wo Erzählungen legendenhaft ausgeschmückt waren und wo der wahre, ganz lebendige Kern ist."

Pfarrer Werner Tiki Küstenmacher (22. September 2008, JesusLuxus: Die Kunst wahrhaft verschwenderischen Lebens, S. 16)
 

Tiki-Küstenmacher

Pfarrer Werner Tiki Küstenmacher (19 March 2012)

TikiZDF2012“ von Tikipedia ist lizenziert unter CC BY-SA 3.0.

 


"Wenn die Bibel nicht das Wort Gottes ist, besitzt sie keine göttliche Autorität. … Sie sprechen zwar von den 'heilsnotwendigen Teilen', aber sie teilen uns nicht mit, wo sich diese Teile befinden und wie wir sie von den nicht inspirierten, mit Irrtum behafteten und nicht heilsnotwendigen Teilen unterscheiden können."

Dr. John H. Gerstner (1995, Theologe, Die Unfehlbarkeit der Bibel, Riehen: Immanuel, 1995 2. Auflage, S. 9)


"Es ist inkonsequent, prinzipielle Bedenken bei dem zu haben, was extreme Kritiker äußern, wenn man der Bibel selbst in bestimmten Punkten kritisch gegenübersteht. Entweder ist die Bibel Autorität, der ich mich vollständig unterwerfe, oder ich bin die Autorität, die bestimmen kann, was in ihr gilt oder nicht.

Wenn wir z.B. meinen, nur „religiöse" Aussagen der Bibel ernst nehmen zu müssen, die andern aber der menschlich-irrtümlichen Seite der Schrift zuschreiben zu dürfen, dann haben wir kein Recht, verhindern zu wollen, dass andere auch die „religiösen" Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt hin prüfen oder als menschliche, zeitbedingte Vorstellung ablehnen."

Prof. Dr. Samuel R. Külling (Ende der 1960er Jahre, Theologe, Gründer und erster Rektor der STH, Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel)
 

"Jesus hat ohne jede Einschränkung die Inspiration und Autorität der Heiligen Schrift anerkannt. "Die Schrift sagt" war für ihn gleichbedeutend mit "Gott sagt".


Der Apostel Paulus bekennt vor dem Stadthalter Felix: "Ich bekenne dir aber dies, dass ich gemäß der Glaubensrichtung, die sie eine Sekte nennen, dem Gott der Väter diene, indem ich allem Glauben schenke, was dem Gesetz gemäß ist, und was in den Propheten geschrieben steht. (Apg. 24,14; damit ist der ganze Inhalt des Alten Testaments zusammengefasst.)"

Prof. Dr. Samuel R. Külling (2001, Theologe, Generalangriff gegen den biblischen Fundamentalismus)

 


"Wir dürfen uns nicht auf Jesu Schriftgebrauch beschränken.

Wenn das ganze Neue Testament Wort Gottes ist, dann ist der Schriftgebrauch bei Paulus, im Hebräer- und im Judasbrief etc. ebenso normativ. … Das alles macht deutlich, dass der Rückgriff auf jesuanischen oder apostolischen Schriftumgang sich nicht einfach gestaltet und nicht ohne erheblichen Reflexionsaufwand möglich ist."

Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann (Dezember 2001, Prof. für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg (EHT) u. Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL), Gemeinsame Liebe. Wie Evangelikale die Autorität der Bibel bestimmen, Seite 90)

"Es gibt Exegeten, die zur Beantwortung strittiger einleitungswissenschaftlicher Fragen auf Jesu Umgang mit dem Alten Testament rekurriert haben.

Es ist sicherlich von Bedeutung, welche Schriften Jesus als autoritativ für sich und seine Botschaft und sein Wirken angesehen hat. Es besteht hier aber die Gefahr, dass wir moderne Fragestellungen, die die Texte so gar nicht hatten, an diese heran- oder gar in diese hineintragen und von ihnen Antworten erwarten oder pressen, die sie nicht geben wollen und auch gar nicht können.

Ich behaupte einfach einmal, dass Jesus an der Frage der Ein- oder Mehrverfasserschaft des Jesaja-Buches nicht interessiert war - so wenig wie die Zuhörer, an die er sich wandte."

Prof. Dr. Heinzpeter Hempelmann (Dezember 2001, Prof. für Systematische Theologie und Religionsphilosophie an der Evangelischen Hochschule Tabor, Marburg (EHT) u. Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL), Gemeinsame Liebe. Wie Evangelikale die Autorität der Bibel bestimmen., Seite 90)

Andreas-Malessa

Pastor Andreas Malessa (23. Juni 2016)

"Andreas Malessa" by Medienmagazin pro is licensed under CC BY 2.0.

"Wo kommen wir denn da hin? Dann denken sie an Lothar Zenetti, der gesagt hat: „Wenn allzu viele Leute sagen wo kommen wir dahin, wird es Zeit, dass mal einer aufsteht und nachschaut wo wir dahin kämen. Vielleicht ist es ja gar nicht so schlimm wo wir dahin kämen. Es ist nur ungewohnt und nicht mehr heimatlich, nicht mehr vertraut. …

Übergänge und Schwellen machen jeden hindurchgehenden unsicher, denn der neue Rahmen hinter dem Türrahmen, der neue Raum hinter dem Türrahmen, das fremde Terrain hinter dem Torbogen sind ja unbekannt und noch unbetreten und immer wenn Vertrautes wegbricht, und wenn eine geölte Routine stoppt, dann suchen wir nach Halt, und dann suchen wir nach Sicherheiten, nach Fixpunkten - und finden sie am ehesten natürlich im Rückgriff  auf Erinnerung und Erfahrung.

Deswegen ist ein Ruck zum Konservativen, zum Gesetzlichen, Biblizistischen, eine Zunahme fundamentalistischer Gruppen, oder eine Zunahme fundamentalistischer Positionen, moralisch rigider Positionen, überhaupt nicht verwunderlich – es ist überhaupt nicht verwunderlich – es ist nur nicht zukunftsweisend."

Andreas Malessa  (26. August 2007, Pastor im Bund der Baptisten, Worthaus Referent, Journalist, Westfälisches Gemeindefestival "Maximale", Evangelische Kirche von Westfalen, Forum: Aufbruch im Abbruch der Kirche)

 

"Je fundamentalistischer, je radikaler, je simpler eine Bewegung, eine Bibelschule, eine Gemeinde argumentiert, umso attraktiver ist sie zunächst für den postmodernen Sinn- und Heimatsuchenden."

Andreas Malessa (10.06.2008, Pastor im Bund der Baptisten, Journalist, Worthaus Referent, Journalist kritisiert "Christival"-Berichterstattung, www.pro-medienmagazin.de)

 

"Aus Sicht von Experten ist freilich völlig unstrittig, dass es innerhalb der evangelikalen Bewegung auch in Deutschland einen fundamentalistischen Kern gibt. Annette Kick, Weltanschauungsbeauftragte der evangelischen Landeskirche in Württemberg, würde rund 300.000 Evangelikale in Deutschland als Fundamentalisten bezeichnen"

taz (19.12.2008, Christliche Rechte obsiegt: Bundeszentrale knickt ein, taz.de)

"Wer sind wohl die »schwarzen Schafe«? ... Die, die noch nicht auf Linie sind?"

Bekenntnisbewegung „Kein anderes Evangelium“ (Dezember 2007, Informationsbrief Nr. 245, Seite 28 f., https://de.wikipedia.org/wiki/Kein_anderes_Evangelium)

 


"Je mehr die Strömung der Bibelkritik auch in gemäßigter Form sich vergrößert, umso mehr werden die Bibeltreuen zu unmöglichen Außenseitern gestempelt werden."

Prof. Dr. Samuel R. Külling (Ende der 1960er Jahre, Theologe, Gründer und erster Rektor der STH,  Staatsunabhängige Theologische Hochschule Basel)


"Viele erklären heute das, was unaufgebbare Grundlage des Christenglaubens ist und bleiben muss, zur fundamentalistischen Sonderansicht. …

Lange haben viele Menschen, und zwar mehr als die Verantwortlichen in den obersten Etagen der Kirchen ahnten, gehofft: »Die Bischöfe und Synoden müssen diesem Treiben doch endlich Einhalt gebieten!

Es muss doch endlich mal gesagt werden: „Schluss mit dem Ausverkauf des Glaubens!“ Doch darauf hat man vergeblich gewartet. Muss man sich also damit abfinden, dass die Konturen des Christenglaubens immer weiter abgehobelt werden? …

»Lasst euch doch nicht vom Wind des Zeitgeistes bewegen und umtreiben!« "Diesen Impuls möchte ich auch heute weitergeben. Christen sollen die Überzeugung gewinnen: »Ich will keine Wetterfahne sein!«" …

Von einzelnen Bekennern kann neues Leben ausgehen. Von einzelnen Christen, die nicht wie Blätter im Wind sind. Von einzelnen Menschen, die das wiedergewinnen wollen, was doch eigentlich für alle Christen und für die ganze Christenheit unaufgebbar ist."

Pfarrer Rolf Scheffbuch (Juni 2006, "Ich will keine Wetterfahne sein!" Seite 5+6, Hänssler, ISBN: 3775141650)

 


"Diffamierungskampagnen werden sich kaum gegen alle bibeltreuen Christen und Gemeinschaften gleichzeitig richten; vielmehr werden sie sich (zunächst) nur gegen solche richten, die die gegenwärtige geistliche und politische Situation am Klarsten erkennen und am deutlichsten nach außen artikulieren.

Der Sinn dieser Vorgehensweise liegt zum Einen darin, in der Öffentlichkeit nicht den Eindruck aufkommen zu lassen, es finde so etwas wie eine Christenverfolgung statt. Zum Anderen sollen auf diese Weise die Gemäßigten unter den Bibeltreuen veranlasst werden, sich von den Radikaleren zu distanzieren.

Auf diese Weise soll eine Spaltung des bibeltreuen Lagers und eine Isolierung der engagiertesten Bekenner herbeigeführt werden. Schon jetzt gibt es deutliche Anhaltspunkte, dass diese Rechnung zumindest vorläufig aufgehen wird."

Thomas Zimmermanns (17. Februar 2005, Jurist, Christen unter Druck, Lichtzeichen Verlag)

"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht - von bequemer Freiheit verwöhnt - selbst die Schere im Kopf betätigen und uns aus Feigheit den Mund verbieten. ... Steht auf, wenn ihr Christen seid!"

Pfarrer Ulrich Parzany (13.02.2008, Theologe, Leiter und Redner von ProChrist e.V., 1984 - 2005 Generalsekretär des CVJM-Gesamtverbandes in Deutschland, 1987 - 2005 Mitglied im Hauptvorstand der Deutschen Evangelischen Allianz, 2002 - 2005 Leiter Lausanner Bewegung Deutschland, Steht auf, wenn ihr Christen seid. ideaSpektrum 7/2008, Seite 17)

tumblr.com/godsgreeneyedgirl/32888142526/we-are-all-daughters-of-the-king

"Die neuzeitliche Exegese wird bis in die Gegenwart hinein durch die historisch-kritische Methode bestimmt. Gegenüber dieser Methode erschien die Schriftauslegung der Väter als minderwertig, ja als nicht eigentlich »wissenschaftlich«."

Prof. Dr. Andreas Merkt (2006,  Katholischer Theologe, Professor f. Historische Theologie Universität Regensburg)

 


"Die historisch-kritische Methode, die so gerne als Barriere gegen Willkür und Schwärmerei ins Feld geführt wird, hat uns wiederum zu einer noch nie da gewesenen Fülle von exegetischen „Ergebnissen“ geführt, die sich in ihrer Gegensätzlichkeit zum Teil selbst aufheben. … Es ist schlechthin unerfindlich, wie dieser Wirrwarr von Ergebnissen für den christlichen Glauben noch eine Bedeutung haben könnte."

Prof. Dr. theol. Armin Sierszyn (1978, Schweizer Theologe, Die Bibel im Griff? − Historisch-kritische Denkweise und biblische Theologie, Hänssler; Auflage: 2001)

 

"Abgesehen von einigen Grundannahmen und der Übereinstimmung in den Methoden kann man sicher sein, dass da, wo sich zwei Theologen über Ergebnisse ihrer Arbeit austauschen, in der Regel zwei verschiedene Meinungen zutage treten."

Prof. Dr. Eta Linnemann (1994, Theologin, Original oder Fälschung. Historisch-kritische Theologie im Licht der Bibel.)

 

"Immer findet sich bei Theologen, auch bei den bekanntesten, eine Gegenmeinung."

Prof. Dr. Rudolf Bultmann (1884-1976, Theologe, Die Geschichte der synoptische Tradition, 10. Aufl. Göttingen 1995, Seite 97)

 

"Wer sich ein Bild vom historischen Jesus machen will, findet alles, und auch das Gegenteil, und alles ist angeblich irgendwie wissenschaftlich abgesichert."

Christian Nürnberger (November 2007, Journalist - "Atheistisch an Gott glauben", Jesus für Zweifler)

 

"Dabei kommen die Exegeten zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Was die einen für ein echtes Jesuswort halten, wird von den anderen als »unecht« entsorgt – je nachdem, ob es in das persönliche theologische Raster passt.

Vom Jesus der Bibel bleibt nicht viel übrig als ein unübersichtliches Konglomerat von «das kann Jesus nicht gesagt und das kann er nicht getan haben, das geht nicht, weil es gegen unsere Weltsicht verstößt.« "

Pfarrer Alexander Garth (9. September 2021, Untergehen oder Umkehren: Warum der christliche Glaube seine beste Zeit noch vor sich hat, Evangelische Verlagsanstalt Leipzig)
 

"Von wem wird dieser Autor beeinflusst; zu welcher Schule gehört er? ...

Ist es progressiv?, Ist es konservativ?,
Ist es wissenschaftlich?,
Ist es veraltet?", Ist es zeitgemäß?,
Ist es nützlich?, Ist es unbarmherzig?

- aber nicht:  Ist es wahr? ...

..die Frage nach der Wahrheit ... unbequem und ...unzeitgemäß"

Prof. Dr. h.c. Clive Staples Lewis (1898-1963, britischer Schriftsteller und Literatur-wissenschaftler, Nach der Wahrheit fragen, Dr.phil. J